Alle Artikel in: Frauenleserin

Rezensionen, Buchlisten, Lesungen

„GRM. Brainfuck“ von Sibylle Berg

Es gibt Bücher, die sprechen mich unmittelbar so sehr an, dass ich meine Begeisterung am liebsten sofort teilen möchte und noch während des Lesens überlege, wem meiner Bekannten ich es empfehlen könnte. „GRM. Brainfuck“ von Sibylle Berg ist so ein Buch. Und das obwohl ich es so lange Zeit mit Missachtung gestraft habe und um ein Haar gar nicht gelesen hätte. Die Story des Romans ist dabei nur mäßig originell. Es ist eine Art Coming-of-age-Geschichte über vier jugendliche Ausreißer*innen. Von ihren Eltern vernachlässig oder verlassen steigen sie aus dem gesellschaftlichen System, das sie ohnehin nie wirklich gehörten, aus und begeben sich auf individuelle Rachefeldzüge, um die für ihre Misere schuldigen büßen zu lassen. Wesentlich stärker als die Handlung sind aber das Setting und die Erzählweise, in dem Sibylle Berg diese präsentiert. Zeitlich ist „GRM- Brainfuck“ in der unmittelbaren Zukunft – kurze Zeit nach dem Brexit – angesiedelt. Und die sieht in Sibylle Bergs Version gar nicht rosig aus: die Schere zwischen Arm und Reich ist größer denn je. Arbeits- und Perspektivlosigkeit münden bei einem Großteil der Bevölkerung …

Ran an die dicken Bücher!

Das Dicke-Bücher-Camp der lieben Marina (Nordbreze und so) geht in die zweite Runde. Der Juli und August gehört wieder den dicken Büchern. Da auch ich mich ganz gerne vor den Schwergewichten drücke, bin ich wieder dabei. Vier Bücher habe ich mir dafür auf die Agenda geschrieben. Knapp 3.500 Seiten warten auf mich. Die werde ich zwar unmöglich in nur zwei Monaten schaffen, aber was solls!? Getreu dem Motto „Dabei sein ist alles“ fang ich einfach an und schau, wie weit ich komme. Vielleicht habe ich ja so einen Spaß daran, dass ich in eine Verlängerung gehe. So unwahrscheinlich ist das gar nicht einmal. Eigentlich waren mir die dicken Bücher nämlich schon immer die liebsten. Mein ständig wachsender Stapel ungelesener Bücher und die unsägliche Goodreads-Lesechallenge sorgen aber dafür, dass ich dann doch lieber zu Büchern mit 250 bis 300 Seiten greife. Die habe ich schneller durch und schaffe mehr innerhalb eines Monats. (Idiotisch, ich weiß.) Meine Leseliste Für den Camp-Start habe ich „GRM: Brainfuck“ von Sibylle Berg herausgesucht, mit dem ich bereits vor ein paar Tagen …

Wir sollten alle viel mehr über Menstruation reden; immer mehr Bücher tun es bereits.

Im Mai habe ich mich, wenn auch nur sporadisch, an der #instafeminismus Challenge von Filmlöwin beteiligt. Ein Thema war Menstruation. In meinem Beitrag habe ich unter anderem auch erzählt, wie schlecht (bzw. nicht vorhanden) der Aufklärungsunterricht zum weiblichen Körper für mich war. Die Kommentare zeigten, dass ich mit dieser Erfahrung nicht allein bin. Es ist nicht nur schade, dass viele so wenig über das Thema Menstruation wissen, sondern auch dass es noch immer ein Tabuthema ist, über das offensichtlich nicht einmal Biologielehrer gerne sprechen. Das Ergebnis ist, dass bestenfalls ein gefährliches Halbwissen besteht. Das führt nicht nur zu lächerlichen Vorurteilen. Auch in Sachen Verhütung ist das Unwissen groß. Ich habe eine Bekannte, die jung ungewollt Mutter wurde, weil sie und ihr Partner den Termin des Eisprungs falsch berechneten. Mal ganz davon abgesehen, dass das sowieso keine sichere Verhütungsmethode ist, da Spermien einige Tage „überleben“, war den beiden nicht klar, dass der Eisprung nicht zwangsläufig 14 Tage nach der letzten Periode, ja nicht einmal in der Zyklusmitte liegen muss. Und dabei handelt es sich um zwei …

„Hunger (Die Geschichte meines Körpers)“ von Roxane Gay

Zu Beginn des Jahres machte ich eine Liste mit einigen Backlist Büchern, die ich 2019 endlich lesen möchte. Darunter befand sich auch „Hunger. A Memoire of my Body“ von Roxane Gay. Dass das Buch – genau wie „Bad Feminist“ – vor Kurzem auch in deutscher Sprache erschien, traf sich deshalb sehr gut. In „Hunger. Die Geschichte meines Körpers“ beschreibt Roxane Gay ihr Leben, in einem „widerspenstigen Körper“; einem Körper, den es ihr nicht gelingt, zu „bändigen“, so ihre eigenen Worte. Dabei erzählt sie nicht nur über die Probleme, die mit ihren Körpermaßen einhergehen und den Vorurteilen, vor denen sie immer wieder steht. Sie beschreibt auch, wie es dazu kam, dass sie nicht mehr aufhören konnte, zu essen. Und das in einer unbeschönigten Deutlichkeit, das es an einigen Stellen nur schwer zu ertragen ist. Gays Direktheit und Offenheit sind mehr als beeindruckend; nicht zuletzt weil sie dabei bisweilen mit sich selbst hart ins Gericht geht. In dieser unverhohlenen Erzählweise beschreibt sie, wie sie als Jugendliche von ihrem Freund und dessen Bekannten vergewaltigt wurde. Wie sie sich nicht traute, …

„Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls

Ich glaube, mir ist eine Rezension noch nie so schwer gefallen wie für „Schloss aus Glas“. Mehrmals habe ich damit begonnen und immer wieder habe ich meine Texte gelöscht. Nie wollte es mir gelingen, die ganze Bandbreite an Emotionen und Gedanken, die der autobiografische Roman bei mir auslöste, voll zu erfassen. „Schloss aus Glas“ hat mich – genau wie die Verfilmung – tief bewegt. Mir kommen bei einem Buch nur sehr selten die Tränen; bei „Schloss aus Glas“ war dies der Fall. Dennoch ist es keine rührselige oder „traurige“ Geschichte. Nicht nur und defintiv nicht in erster Linie, denn Jeanette Walls Kindheit, die sie in dem Roman beschreibt, war sehr glücklich. Sie war geprägt von scheinbar grenzenloser Freiheit und Abenteuern. „Schloss aus Glas“ ist die Geschichte einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung. Jeannette Walls beschreibt, wie tief sie von ihrem Vater enttäuscht wurde und wie sie schließlich komplett mit ihm bricht. Aber sie beschreibt auch, wie liebevoll, geduldig und fantasievoll ihr Vater mit ihr umging und wie er immer für sie da war – auf seine Art. Und …

„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Auf der Suche nach modernen Klassikern aus weiblicher Feder stößt man unwillkürlich auf „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee. Als 2015 die Urversion „Gehe hin, stelle einen Wächter“ auftauchte, erlebte das Werk eine Art Renaissance. Und wie so oft bei gehypten Büchern habe ich es damals zwar gekauft, dann aber doch nicht gelesen. Die Überpräsenz schreckte mich ab. Erst jetzt – mit einigem Abstand – habe ich mich herangetraut. Über „Wer die Nachtigall stört“ gibt es eine Menge Spekulationen und Gerüchte. So soll der Roman stark autobiografisch sein. Vor allem in den lebhaften Beschreibungen einer Kindheit in den amerikanischen Südstaaten der 30er Jahre soll Harper Lee viele eigene Erlebnisse verarbeitet haben. Harper Lee selbst hat dies aber stets bestritten. Andere behaupten, dass „Wer die Nachtigall stört“ in Wahrheit aus der Feder von Truman Capote stamme. Hauptargument dieser Theorie ist, dass Harper Lee danach nie wieder etwas veröffentlichte. Und auch wenn diese Behauptung mittlerweile durch Briefe widerlegt werden konnte, ist zumindest Fakt, dass Truman Capote und Harper Lee in der gleichen Kleinstadt aufwuchsen und sich schon als Kinder …

„Der Gott am Ende der Straße“ von Luise Erdrich

Es sind große Fußstapfen, in die Luise Erdrich mit „Der Gott am Ende der Straße“ hineintreten möchte. Bereits in seiner Vorschau auf das aktuelle Frühjahrsprogramm verglich der Aufbau Verlag es mit „Der Report der Magd“. Tatsächlich lassen sich die Parallelen nicht von der Hand weisen. In beiden Romanen spielen Religion und Frauenhass zentrale Rollen. Luise Erdrich entwirft in „Der Gott der Straße“ eine Zukunftsvision, in der schwangere Frauen verfolgt und inhaftiert werden. Nachdem sich die Evolution aus ungeklärten Gründen wieder zurückentwickelt und sich Neugeborene auf lange vergangenen Evolutionsstufen entwickeln, werden Schwangerschaften zur gesellschaftlichen Bedrohung. Auch die Protagonistin Cedar ist schwanger und damit wahrscheinlich in Lebensgefahr, denn man munkelt, dass keine der aufgegriffenen Schwangeren nach der Geburt wiedergesehen wurde. Also taucht sie unter und lebt fortan mit der ständigen Angst, dass ihre Schwangerschaft erkannt und sie denunziert wird. Der Roman stellt eine Art Tagebuch dar, das Cedar für ihr ungeborenes Kind über die Erlebnisse während dieser Zeit schreibt. Darin stehen die Beschreibungen vom Verfall der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung und der Rückentwicklung der Evolution in einem starken Kontrast …

Bücher von Frauen, die man gelesen haben muss

Die meisten Bücher lese ich und vergesse sie mehr oder weniger schnell wieder. Als Unterhaltungs- und Vielleserin ist das wohl normal. Selbst Bücher, die ich gerne und mit Begeisterung las, verblassen irgendwann doch wieder. Aber von Zeit zu Zeit stoße ich auch auf ein Buch, das ich auch noch nach Jahren in bester Erinnerung habe. Einen Teil dieser Bücher habe ich hier zusammengetragen. Wie immer bei mir gehen Genre und Themen bunt durcheinander. Zwei Dinge ist allen Büchern aber gemeinsam: es sind echte Lieblingsbücher und sie sind alle von Frauen geschrieben. „Binewskis. Verfall einer radioaktiven Familie“ von Katherine Dunn „Binewskis – Verfall einer radioaktiven Familie“ ist ein Buch, wie ich es in dieser Form noch nie gelesen habe. Es verdient eine eigene Kategorie, denn es ist gleichzeitig Horror, Gesellschaftskritik und Familienroman – und auch gar nichts davon. Die Geschichte entwickelt einen solchen Sog, dass ich das Buch am liebsten am Stück durchgelesen hätte. Am Ende blieb ich atemlos, verwirrt, tief bewegt und nachdenklich zurück. zu meiner Rezension „Frankenstein. Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley Bereits vor 200 Jahren …