Alle Artikel in: Frauenleserin

Rezensionen, Buchlisten, Lesungen

„Toni und Moni – oder: Anleitung zum Heimatroman“ von Petra Piuk

Keine Angst! Ich bin durch den Corona-Lockdown nicht plötzlich rührselig geworden und auf der Suche nach einem Ort, an dem die Welt noch in Ordnung ist. (Obwohl mich in schwachen Momenten tatsächlich ganz kurz eine gewisse Sehnsucht überkommt.) Aber bei „Toni und Moni“ wäre ich da auch ohnehin vollkommen falsch aufgehoben. Dabei beginnt alles zunächst so schön harmonisch in Schöngraben an der Rauscher. Schon allein der Name des Orts verspricht eine wahre Idylle. Wer hat da bitte kein atemberaubendes Bergpanorama mit einem klaren Gebirgsbach im Kopf?! – Na, gut. Bis auf die Autorin. Die hat eigentlich anderes im Sinn. Aber das stört nicht einmal den Verlag, der kurzerhand ein Bergmotiv für das Cover auswählt und diese so zwingt, zumindest eine Bergszene einzubauen. Und überhaupt macht sich das, was doch eigentlich so friedlich angelegt war, schnell selbstständig. Irgendwann will sich nicht einmal mehr die Erzählerin an den vorgesehenen Handlungsverlauf halten. Kein Wunder also, dass aus dem netten Schöngraben an der Rauscher schnell Soddom und Gomorrha wird. Eine Zeitlang hatte ich meinen Spaß daran, mitzuverfolgen wie aus …

„Emma“ von Jane Austen

Schon in meinem Leserückblick auf das erste Quartal 2020 habe ich kurz von „Emma“ von Jane Austen berichtet. Nicht nur die Geschichte sondern auch die schöne Marjolein Bastin Schmuckausgabe des Coppenrath Verlags haben es mir angetan. Die 21jährige Emma lebt mit ihrem Vater auf einem Landsitz in der Nähe von London. Die Familie gehört einem alten Landadel an und wird im Ort noch immer hoch geschätzt. Obwohl Emma sich selbst vorgenommen hat, nie zu heiraten, hat sie sich das Ehestiften zur Aufgabe gemacht. Sie meint dafür ein besonderes Talent zu haben, nachdem sie ihre ehemalige Erzieherin erfolgreich mit einem verwitweten Kaufmann am Ort verkuppelt. Von einem guten Freund der Familie wird ihr Anteil zwar stark bezweifelt, dennoch sucht sich Emma nur kurze Zeit später ein neues „Projekt“. Ihr „Opfer“ ist eine etwa gleichaltrige Waise aus dem örtlichen Mädchenpensionat, der sie einredet, nach besserem zu streben und sich nicht mit dem wohlhabenden Bauern, der sie umwirbt, zufrieden zu geben. Natürlich geht dies jedoch gründlich schief und mit jedem weiteren Versuch um Schadensbegrenzung stiftet Emma nur noch größere Unruhe. …

Leserückblick auf das erste Quartal 2020

Gerade erst habe ich meinen Leserückblick auf das Jahr 2019 geschrieben, da sind auch schon die ersten Monate des neuen Jahres vergangen. Auf dem Blog war es in den letzten Monaten sehr still. Beruflich war sehr viel zu tun. Da fehlte mir schlicht die Muse, nach Feierabend schon wieder Texte zu produzieren. Gelesen habe ich dennoch. Und zwar sogar erstaunlich viel. Zehn Bücher und acht Hörbücher habe ich in den ersten drei Monaten 2020 geschafft. Und – und das freut mich extrem – davon waren sieben Bücher und sieben Hörbücher von Autorinnen. Das macht eine Frauenquote von rund 78%. Meine Top 3-Highlights waren „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent, „Kein Teil der Welt“ von Stefanie de Velasco und „Emma“ von Jane Austen – drei (Hör-)Bücher wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. „Das Seelenhaus“ spielt im 18. Jahrhundert in Island. Es geht um die Magd Agnes, die zum Tode verurteilt wurde und nun auf dem Hof eines Beamten auf die Vorstrecken wartet. Ihr wird der Mord an zwei Männer zur Last gelegt. Beide wurden erschlagen, erstochen und …

„Push“ von Sapphire

Für wertvoll hält sich die 16jährige Precious nicht einmal selbst. Mit ihren Eltern lebt sie in einem verwahrlosten Haus in Harlem. Schon zum zweiten Mal ist sie von ihrem Vater schwanger, der die Familie nach Lust und Laune für mehrere Woche besucht und wieder verlässt. Von ihrer Mutter ist keine Hilfe erwarten. Ganz im Gegenteil; sie gibt Precious die Schuld an ihrer unglücklichen Ehe. Sie überlässt ihrer Tochter nicht nur den gesamten Haushalt, sondern misshandelt sie auch regelmäßig. Auch in der Schule wird sie wegen ihres starken Übergewichts und ihrer schwarzen Hautfarbe ständig gehänselt. Im Unterricht hat sie längst den Anschluss verloren. Selbst lesen und schreiben fallen ihr schwer. Als Precious dann auch noch wegen ihrer Schwangerschaft von der Schule fliegt, scheint ihre Zukunft endgültig besiegelt. Wäre da nicht diese eine Lehrerin, die mehr in Precious erkennt, als sich diese selbst zutraut. Sie überredet sie am Alternative Schulprogramm „Lernen für Alle“ teilzunehmen. Und auch die dortige Lehrerin entpuppt sich als echter Glücksgriff. Sie fördert Precious nicht nur schulisch sondern hilft ihr auch Stück für Stück …

„Der Sprung“ von Simone Lappert

Während der Frankfurter Buchmesse hat mich Simone Lappert schwer beeindruckt. Während des Diogenes Talks trug sie den Beginn ihres Debüts „Der Sprung“ vor. Auswendig. Und mit einer glaublich tollen Stimmmelodie. Ich war schockverliebt! Schon vor der Buchmesse war mir der Roman des öfteren begegnet und immer war die Stimmen durchweg positiv. Außerdem kam „Der Sprung“ unter die Finalisten für den Schweizer Buchpreis. Deswegen hat es mach der Messe auch nicht lange gedauert, bis ich mir den Roman auf den E-Reader lud. Das Bücherregal war zwar voll und der Stapel an Messeneuheiten noch nicht abgearbeitet, aber was muss, das muss. Kurz: Meine Erwartungen waren riesig! Die Idee zum Roman kam Simone Lappert, als sie von einer Szene erfuhr, die auch den Beginn von „Der Sprung“ darstellt. Eine Frau steht am Rand eines mehrstöckigen Hauses und schaut in die Tiefe. Vor dem Haus haben sich neben Polizei und Rettungskräften auch ganze Menschenmassen versammelt. Sie halten ihre Smartphones in die Höhe und hoffen, den Sturz filmen zu können. Einige rufen „Spring doch!“. Andere legen sich vor der spannenden Kulisse …

„Otto“ von Dana von Suffrin

Als Dana von Suffrin ihre Doktorarbeit fertig geschrieben hatte, hatte sie Angst in ein Loch zu fallen. Nichts mit der ganzen Zeit, die sie in den letzten Monaten und Jahren damit verbracht hatte, anfangen zu können. Daher entschied sie, einfach weiter zuschreiben und meldete sich zu einem Autorenworkshop an. So erklärt Dana von Suffrin, wie es zur Entstehung ihres Debütromans „Otto“ kam. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse lud der Kiepenheuer & Witsch Verlag, in dem das Buch erschienen ist, zum Bloggerfrühstück mit ihr ein. Unterhaltsamer und humorvoller wurde mir ein Buch über die Deportation der Juden während des Dritten Reichs und den Abschied vom sterbenden Vater noch nicht vorgestellt. Diese ungewöhnliche Mischung entspricht Dana von Suffrins Sicht auf das Leben. „Ich finde einfach alles lustig, dann geht es einfacher.“ sagt sie. Ihren Roman „Otto“ bezeichnet sie als „Anti-Familienroman“. Zwar ginge es um die Themen eines jeden klassischen Familienromans. Sie habe jedoch versucht, einen kritischen Blick auf das Konzept „Familie“ zu werfen. (Biologische) Familien seien zwar nach außen harmonisch, im Grunde aber hoch dysfunktional. Trotzdem könne …

„Und Marx stand still in Darwins Garten“ von Ilona Jerger

Vor 160 Jahren erschien Charles Darwins „Von der Entstehung der Arten“. Das Buch sollte den Blick auf die Welt für immer verändern und Darwin den Ärger der christlichen Kirche einbringen. Nur 8 Jahre später veröffentliche Karl Marx mit „Das Kapital. Band 1“ ein nicht minder revolutionäres Werk, das hart mit Kirche und Gesellschaft zu Gericht ging. Aber die beiden großen Denker waren nicht nur Zeitgenossen. Ihre letzten Lebensabschnitte verbrachten Darwin und Marx in London. Dort trennten sie gerade einmal 20 Meilen. Trotzdem sind sie sich nie begegnet. In ihrem Debütroman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ beschreibt Ilona Jerger die letzten Jahre der beiden und lässt sie schließlich bei einem Dinner aufeinandertreffen. Ilona Jerger stellt die beiden großen Denker so herrlich schrullig und liebenswert dar, dass man meint, mit ihnen im Arbeitszimmer vor dem Kamin gesessen oder gemeinsam eine ihrer berühmten Denkerrunden gedreht zu haben. Die Lebendigkeit der Figuren kommt nicht von ungefähr. Ilona Jerger wälzte zahlreiche Briefe, Tagebucheinträge und Notizen von Darwin und Marx. So war es ihr möglich, deren Ausdrucksweise, Sorgen, Ängste und Gedankengänge …

„Die schwarze Rosa“ von Birgit Rabisch

Wenn Autor*innen die eigene Familiengeschichte beleuchten, geht es fast immer um den zweiten Weltkrieg und die Rolle der eigenen Verwandten im Dritten Reich. Seit ein paar Jahren finden sich daneben auch einige Bücher über die jüngere deutsche Geschichte, vor allem den Kalten Krieg und das Leben in der DDR. Ein familiärer Rückblick in weiter zurückliegende Zeiten wie den ersten Weltkrieg und die Anfänge der Weimarer Republik ist selten. „Die schwarze Rosa“ von Birgit Rabisch ist eine dieser wenigen Ausnahmen und schon allein deswegen einen Blick wert. Ganz besonders spannend an dem Buch ist aber, dass die darin beschriebene Familiengeschichte so eng mit diesem Stück deutscher Zeitgeschichte verbunden ist. Birgit Rabisch spürt in „Die schwarze Rosa“ dem Leben ihrer Großmutter in der bewegten politischen Umbruchphase der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts nach. Sie beschreibt wie aus der Weberstochter „Röschen“ an der Schnittstelle zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik die rechts-konservative Kaiseranhängerin „schwarze Rosa“ – eine Anspielung auf Rosa Luxemburg, die auch „rote Rosa“ genannt wurde – wurde, die an der Seite ihres Verlobten Paul Schulz die Organisation …