Alle Artikel in: Rezension

„Jean Batten, Pilotin“ von Fiona Kidman

Die 30er Jahre waren eine aufregende Zeit für die sich langsam entwickelnde Flugfahrtszene. Ständig wurde neue Strecken- und Dauerrekorde gemeldet, die von der Bevölkerung mit großem Interesse verfolgt wurden. Neben den tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten gab es auch einige wagemutige Frauen, die sich bestärkt durch den Beginn der Frauenbewegung und den neuen Rechten der Frauen dem Abenteuer der Fliegerei verschrieben. Bei uns sind vor allem die Amerikanerinnen Amy Johnson, die 1930 als erste Frau alleine von England nach Australien flog, und Amelia Earhart, die 1928 als erste Frau den Atlantik überquerte, bekannt. Aber auch die Neuseeländerin Jean Batten, die 1936 als erste Frau von England nach Neuseeland flog und wegen ihrer glamourösen Auftritte als „Garbo der Lüfte“ galt, gehört zweifellos zu den Heldinnen jener goldenen Jahre der Fluggeschichte. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Fiona Kidman hat die Lebensgeschichte ihrer Landsmännin, nach der heute das internationale Terminal des Flughafens in Auckland benannt ist, nun in einem biografischen Roman aufgearbeitet. Schon die Gestaltung dieses Taschenbuchs macht deutlich, dass man einen besonderen Schatz in Händen hält. Angefangen …

„Ehre“ von Elif Shafak

In der Facebook-Gruppe „ARD Buffet liest“ fragte Karla Paul vor kurzem nach Büchern, die dabei helfen, die jüngsten politischen Ereignisse und Entwicklungen in der Türkei zu verstehen. Dabei fiel mir ein, dass bereits seit Anfang des Jahres ein hierzu passendes Buch ungelesen in meinem Regal steht. Zwar ist „Ehre“ ein klassischer Mehrgenerationenroman, der die Geschichte und Politik der Türkei nur am Rande beleuchtet. Das beschriebene Schicksal einer kurdischen Familie beleuchtet jedoch die für uns meist so fremden Denkweisen und Rollenmodelle der islamischen Kultur. Die unter dem Pseudonym Elif Shafak schreibende türkische Schriftstellerin wurde 1971 in Frankreich geboren. Sie studierte internationale Beziehungen an der technischen Universität in Ankara, erhielt einen Master of Science in Gender Studies und promovierte in politische Wissenschaften mit der Arbeit An Analysis of Turkish Modernity Through Discourses of Masculinities. 1994 debütierte Elif Shafak mit einer türkischsprachigen Erzählung, der 1997 ihr erster Roman (ebenfalls in türkischer Sprache) folgte. Ihr 2006 auf englisch erschienener Roman The Bastard of Istanbul zog einen Strafgerichtsprozess in der Türkei nach sich, in dem Elif Shafak jedoch freigesprochen wurde. Dennoch steht Elif Shafak …

Klassentreffen in Hogwarts

Als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass das Drehbuch zum Harry Potter-Theaterstück parallel zur Uraufführung in London veröffentlicht werden soll, war ich begeistert. Selbst die anfängliche Enttäuschung darüber, dass es sich nicht um einen “richtigen“ neuen Roman handelte, währte nur kurz. Ein neuer Harry Potter ist schließlich ein neuer Harry Potter! Ich habe das gute Stück also vorbestellt. In Englisch und als eBook, damit ich es zum Erscheinungstermin auch auch ganz sicher sofort erhalten würde. Sogar über ein paar Tage Leseurlaub dachte ich nach. Als es dann am 31.07. – Harry Potters Geburtstag – endlich so weit war, blieb ich extra bis nach Mitternacht wach, um das eBook als eine der ersten herunterladen zu können. Dieser Versuch scheiterte zwar, weil der Download erst ab 9:30 Uhr bereit stand, dennoch dürfte ich wohl zu den ersten gehört haben, die an diesem denkwürdigen Sonntag die Möglichkeit bekamen, den neuen Harr Potter zu lesen. „Harry Potter and the Cursed Child“ zu lesen, fühlte sich ein bisschen an, wie ein Klassentreffen zu besuchen. Man trifft alte, zum Teil halb …

„Saisonarbeit. Volte #2“ von Heike Geißler

Als ich mich im Juli durch das Programm von Mikrotext las, durfte auch „Saisonarbeit“ von Heike Geißler nicht fehlen. Zwar handelt es sich hierbei nicht um einen eShort, die eigentliche Spezialität des Digitalverlags. Nachdem ich das eBook aber bei „Literary Hub“ auf der Liste „10 Books by Women We´d love to See in English“ entdeckte, war ich natürlich neugierig. Heike Geißler wurde 1977 in Sachsen geboren. Für ihren ersten Roman“ Rosa“ erhielt sie 2001 den Alfred-Döblin-Förderpreis. 2007 folgte der Text „Nichts was tragisch wäre“, bevor sie 2008 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teilnahm. Neben der Heftreihe „Lücken kann man lesen“ ist „Saisonarbeit“ ihre vierte Veröffentlichung. Heike Geißler mit zwei Kinder und lebt als freie Schriftstellerin in Leipzig. Worum geht es? Um ihre Finanzen aufzubessern hilft die freier Schriftstellerin und Übersetzerin Heike Geißler in der Vorweihnachtszeit für sechs Wochen als Lageristin bei Amazon aus. „Saisonarbeit“ handelt von ihren Erlebnissen während dieser Zeit. Wie hat es mir gefallen? „Saisonarbeit“ ist nicht der „Inside Amazon“-Bericht, den ich eigentlich erwartet hatte. Darüber war ich zwar anfangs ein wenig enttäuscht; tatsächlich …

„In gewissen Kreisen“ von Elizabeth Harrower

Es gibt eine Menge Bücher, die gut unterhalten, fesselnd geschrieben und spannend zu lesen sind. Diese klappt man anschließend zu, denkt sich „Wow! Das war toll!“, stellt es zurück ins Regal und greift zum nächsten. Und dann gibt es Bücher, die einen regelrecht fordern, zeitweise unbequem werden und eigene Positionen sowie Konzepte neu überdenken lassen. Diese Bücher müssen „verdaut“ werden und machen es nahezu unmöglich, danach sofort zum nächsten zu greifen; manchmal verändert sich im Laufe dieses „Reifungsprozesses“ sogar unser Urteil über ein Buch noch einmal zur Gänze. „In gewissen Kreisen“ von Elizabeth Harrower ist so ein Buch. Erst mit ungefähr 2 Wochen Abstand, bin ich in der Lage, darüber eine Rezension zu verfassen. Worum geht es? Russel und Zoe Howard fehlt es an nichts. Sie wachsen behütet in einem wohlhabenden, intellektuell offenen Elternhaus auf, wo man ihnen beibringt, dass ihnen die ganze Welt offen steht. Mit den Waisen Stephen und Anna treffen sie zum ersten Mal auf ein gleichaltriges Geschwisterpaar, das weitaus weniger Glück im Leben hatte. Im Schatten der psychisch kranken Stiefmutter aufgewachsen schlagen …

„Aya“ von Marguerite Abouet und Clement Oubrerie

„Ein Comic?!“ fragte mein Bruder leicht ungläubig, als er mich am letzten Wochenende mit „Aya“ auf dem Balkon sitzen saß. „Aber so, wie ich Dich kenne, trügt der Schein.“ Damit hatte er gleichzeitig Recht und Unrecht. Natürlich ist „Aya“ eine klassische Graphic Novel und gehört damit zu einem Genre, mit dem ich mich zuletzt vor etwa 15 Jahren beschäftigte, als ich „Barfuss durch Hiroshima“ (übrigens auch sehr empfehlenswert) las. Andererseits hat es aber nur wenig mit jenen Geschichten zu tun, die mir und den meisten anderen  beim Begriff „Comic“ sofort durch den Kopf schießen: „Superman“, „Batman“, „The Walking Dead“ oder „Lucky Luke“. „Aya“ sprüht nur so vor afrikanischer Lebensfreude und zeigt dem Westen, dass Afrika deutlich mehr zu bieten als Aidswaise, Hungersnöte, Seuchen und Bürgerkrieg. Worum geht es? Abidjan (Elfenbeinküste), Ende der 70er Jahre: Aya und ihre beiden Freundinnen Bintou und Adjoua sind 19 Jahre und stehen kurz vor dem Abitur. Doch während Bintou und Adjoua keine Party auslassen, um möglichst schnell einen geeigneten Ehemann zu finden, träumt Aya von einem Medizinstudium. Nur ihr Vater hat …

„Lasst mich da raus“ von Maria Sonia Cristoff

Mit „Lasst mich da raus“ wurde Maria Sonia Cristoff für den LiBeratur Preis 2016 nominiert, für den man noch bis zum 31.05. abstimmen kann. Ich kann die Nominierung zwar durchaus nachvollziehen, denn das Buch enthält einige herrlich schräge Ideen und skurrile Figuren. Auf Grund der sprachlichen Sperrigkeit des Werks gehört es jedoch nicht zu meinen persönlichen Favoriten. Maria Sonia Cristoff wurde 1965 in Patagonien geboren. Sie studierte Literatur in Buenos Aires, wo sie auch heute noch lebt. Worum geht es? Mara hat ihr Leben als Konferenzdolmetscherin gehörig satt. Sie will nicht länger um die Welt jetten, in den ewig gleichen Hotels übernachten und Reden dolmetschen, bei denen sie bereits nach wenigen Worten weiß, wie sie weitergehen werden. Nachdem sie ihre Anstellung nach dem „berühmt-berüchtigten Gipfeltreffen“ los wird, beschließt Mara daher, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und ihr gesamtes Leben gehörig „gegen den Strich zu bürsten“. Ein Jahr lang möchte sie „im Austausch mit der Welt schweigend“ verbringen. Soll heißen, sie wünscht sich von ihrem Umfeld so wenig Interaktion und Einmischung in ihr Leben und ihren …

„Der Triumph der Geraldine Gull“ von Joan Clark

„Der Triumph der Geraldine Gull“ führt eine junge Malerin in den hohen Norden Kanadas an die Grenze zum ewigen Eis und gewährt spannende Einblicke in das Leben in einem indianischen Fischerdorf, die durch ihre erfrischend unromantische Darstellung überzeugen. Die Autorin Joan Clark wurde 1934 in Liverpool geboren und studierte Theaterwissenschaften. Sie arbeitete als Lehrerin und heiratete eine Ingenieur, den sie auf seinen Einsätzen in ganz Kanada begleitete. In ihren Romanen verarbeitete sie ihre Erfahrungen jener Jahre. Heute lebt Joan Clark in Neufundland. 2010 wurde sie mit dem Order of Canada ausgezeichnet. Worum geht es? Niska/Kanada, Juli 1978. Willa Coyle zieht für den Sommer in das indianische Fischerdörfchen Niska im hohen Norden Kanadas. An der Grenze zum ewigen Eis soll sie den Kindern des Dorfs Zeichenunterricht geben. Dabei wird sie schon schnell mit den Problemen des Dorfs und dem harten Leben der Indianer an diesem unwirtlichen Ort konfrontiert. Und dann ist da auch noch die anarchische Geraldine Gull, die Willa bei ihrer Ankunft in Niska zuerst eine Backpfeife verpasst und Willas Brille zerbricht, nur um sie …