Frauenbloggerin, Kolumne
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Frag mich nicht. Ich bin bloß ein Mädchen.

Neulich erhielt ich eine an sich recht harmlose E-Mail von einem Bekannten, der von einem Treffen der „Mädels des Frauenarbeitskreises“ schrieb. Zunächst war ich über diese Formulierung nur irritiert, dann aber schnell wütend.

Dazu muss man wissen, dass es sich bei diesen „Mädels“ nicht um eine Jugendgruppe handelt. Der Altersdurchschnitt liegt deutlich über 50. Die „Mädels des Frauenarbeitskreises“ sind fast ausschließlich Frauen mit einer Menge politischer und ehrenamticher Erfahrung. Erwachsene, gebildete Frauen mit einer klaren eigenen Meinung, für die sie sich auch erfolgreich einsetzen.

Der Arbeitskreis ist weder eine Strickrunde noch ein Rezeptetauschzirkel. Er hat z.B. maßgeblich zur Gründung des Frauenhauses beigetragen, für dessen Ausbau und Erhalt er sich bis heute einsetzt. Auch die Schaffung einer städtischen Stelle für eine Frauenbeauftragte geht mit auf das Konto des Arbeitskreises. Und auch in zahlreichen anderen Bereichen setzen sich diese „Mädels“ für eine bessere (städtische) Frauen- und Familienpolitik ein. Trotzdem wird der Frauenarbeitskreis von Männern gutmütig belächelt wie eine Gruppe von Kindern, die Erwachsensein spielen.

„Mädels“ braucht man nicht wirklich ernst zu nehmen.

„Mädchen“ sind niedlich, brav – und vollkommen unbedeutend. Mich erinnert das an diese sprechende Aufziehpuppe, aus der einen Simpsons-Folge mit ihrem „Frag mich nicht. Ich bin nur Mädchen.“, die Lisa so wütend macht. (Ich hoffe, außer mir erinnert sich noch jemand an die Szene. Oder die Serie.)

Mein Mann meint, ich würde mehr in die Formulierung hineindeuten als tatsächlich gemeint gewesen sei. Bestimmt habe der Verfasser der E-Mail schlicht nicht weiter darüber nachgedacht. Und das kann gut sein. Trotzdem zeigt es, welche innere Haltung er diesem Arbeitskreis gegenüber – wenn vielleicht auch unbewusst – hat.

Frauen werden im wahrsten Sinne des Wortes klein geredet.

Selbst Bundespolitikerinnen werden gerne zu „Mädchen“ degradiert. Zwar ist Angela Merkel den Titel „Kohls Mädchen“ zwischenzeitlich losgeworden. Damit ist sie aber die Ausnahme. Egal ob man an Kristina Schröder, Ursula vor der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer oder eine andere führende CDU-Politikerin denkt, sie alle sind für die Presse nichts weiter als „Merkels Mädchen“. (Mach dir mal den Spaß den Ausdruck zu googeln.) Angela Merkel selbst ist derweilen zur „Mutti“ geworden; eine weitere herablassende Verniedlichung in anderem Gewand.

Ganz unabhängig von irgendwelchen Parteibüchern ist klar, dass die „Jungs“ – pardon, es sind natürlich „Männer“ – unter sich bleiben wollen. Gerade wenn es ums Gestalten, Verantwortung und Führungsaufgaben geht. Frauen werden da offenbar als Bedrohung ihres bislang exklusiven Clubs empfunden. Erst recht, wenn sie sich selbst in Gruppen organisieren. Also redet man sie im wahrsten Sinne des Wortes klein und verweist sie in die hinteren Reihen. Auf Augenhöhe stehen ein Mann und ein „Mädchen“ oder „Mädel“ nie. Und das gilt nicht nur in der Politik, sondern auch im Beruf und privaten Bereich.

Apropos Beruf: Genau da begegnete mir nur ein paar Tage nach der eingangs erwähnte E-Mail ein noch grausigerer Ausdruck, von dem ich dachte, er sei längst aus dem deutschen Wortschatz gestrichen; nämlich „Fräulein“. Aber –hey!- es war ja „nur höflich gemeint“. Kein Grund gleich hysterisch zu werden! Schließlich klingt es ähnlich elegant wie das französische „Mademoiselle“ und weist auf die Jugendlichkeit der so angesprochenen hin. So erklärte man es mir jedenfalls auf meinen Protest.

Im Gegensatz zu „Mädel“ oder „Mädchen“ bringt das „Fräulein“ aber noch eine weitere Dimension ins Spiel. (Und das gilt auch für die „Mademoiselle“ und die „Misses“.) „Fräulein“ ist nur, wer unverheiratet ist. Erst durch die Heirat wird das „Fräulein“ zur „Frau“ und damit Mitglied der Erwachsenengesellschaft.

Da stellt sich doch Herbert Grönemeyers berühmte Frage „Wann ist ein Mann ein Mann?“

Ein männliches Äquivalent zu „Fräulein“ sucht man vergebens. „Herrchen“? (Wer dann die Rolle des Hundes einnähme, überlasse ich deiner Fantasie.) „Männlein?“ (Warum eigentlich nicht?!) Selbst „Jungs“ gibt es – wenn überhaupt – nur im Sport und in der Freizeit, wenn von guten Freunden die Rede ist.

Genau wie ein „Mann“ kann auch ein „Herr“ ledig oder verheiratet sein. Offenbar ist er bereits allein auf Grund seines Geschlechts Teil der Gesellschaft, während der weibliche Teil darauf warten muss, von ihm durch die Eheschließung in den Stand der „Frau“ erhoben zu werden, um Zugang zu diesem Club zu erhalten. Trotzdem bleibt die Premiummitgliedschaft den Herren vorbehalten. Als Ehefrau eines solchen braucht sie aber nicht länger mit den „Fräulein“ vor Tür zu warten, sondern hat fortan das Recht auf einen Zuschauerplatz. Und dort kann sie sich dann mit ihren „Mädels“ in einem Frauenarbeitskreis organisieren, bevor sie als „Mutti“ ihrer wahren Bestimmung gerecht wird.

Ist das jetzt übertrieben? –Frag mich nicht. Ich bin nur ein Mädchen.

8 Kommentare

  1. Liebe Kerstin,
    ich finde diese (Selbst)bezeichnung auch ganz furchtbar. Es gibt hier so ein Stadtportal, auf dem man unter anderem auch Freundschafts- und Freizeitanzeigen schalten kann. Unfassbar, wie oft man da Sachen liest wie „Sie 50+ sucht nette Mädelsrunde“. „Mädelsrunde 30 – 40 gesucht.“ Sicher werden diese Mädelsrunden nicht gesucht um politisch aktiv zu werden, sondern eher um vielleicht zusammen auszugehen, aber diese Selbstherabwürdigung, dieses Kleinmachen erwachsener Frauen macht mich immer wieder aufs Neue völlig fassunglos. Ich geh ja auch einfach mit Freundinnen weg oder guck mit denen Filme und gründe nicht immer aufregende Bewegungen. Aber das ist dann doch bitte kein Mädelsabend! Das ist ein Abend, an dem erwachsene Frauen, die einen Beruf, vielleicht Kinder, vielleicht ein Haus haben, vielleicht einen superklugen Finanzplan haben, einen Film gucken. Und vielleicht auch mal kichern und einen Sekt trinken. Davon werden sie aber nicht acht Jahre alt.
    Genau so bescheuert finde ich es übrigens, wenn Männer um die 50 ihre Freunde als „die Jungs“ bezeichnen. Aus anderen Gründen, die hier vielleicht zu weit führen 🙂

    Liebe Grüße,
    Marion

    • Liebe Marion,

      da hast du vollkommen Recht.

      Wieso man sich selbst so herabsetzt, verstehe ich auch nicht so ganz. Vielleicht schwingt bei „Mädelsabend“ ein bisschen mit, dass man sich mal nicht erwachsen benimmt.

  2. Liebe Kerstin, ich bin Jahrgang 1950 und danke für jede Zeile.

    Seit 40 Jahren rede ich mir den Mund fusselig und schreibe mir die Finger wund, um immer wieder genau auf solches hinzuweisen. Diese Erkenntnis wurde mir allerdings nicht in die Wiege gelegt. Es war ein langer Weg dahin. Besorgt betrachte ich eher Rückschritte, als Fortschritte.

    Mit 14 Jahren in meine erste große Liebe (er, 15) verliebt, schrieb mir mein zukünftiger erster Ehemann (geheiratet mit 18) aus seinem Militärdienst – „entschuldige, dass ich in meinem letzten Brief so streng zu dir war, aber ich möchte dich jetzt schon erziehen, damit du dann so bist, wie ich dich haben möchte“. Damals stellte ich dies nicht in Frage. Als ich begann, es in Frage zu stellen, war dies das Ende der Ehe. Schmerzlich, aber gut so.

    Herzliche Grüße von einer, die mit 5 Jahren lesen konnte, damit nicht mehr Großmutter, sondern sie selbst, ihre Märchenbücher lesen konnte, und die bis heute immer einen Stoß Bücher in ihrer Nähe hat …

    Monika

    • Liebe Monika,

      vielen Dank für Deine Offenheit. Manchmal ist es ein langer, schmerzhafter Weg, bis man sich von den Erwartungen der Gesellschaft und den Werten der eigenen Erziehung befreit hat. Umso schöner, dass du es geschafft hast und auch noch die Kraft hast, andere auf ihr herabwürdigendes Verhalten aufmerksam zu machen.

  3. Stimme Dir vollumfänglich zu, möchte aber darauf hinweisen, dass auch in einem Rezeptetauschzirkel und einer Strickrunde der Begriff Mädels blöd angesehen wird. Auch wenn wir das rein zusätzlich zu unseren restlichen Ehrenamtstätigkeiten organisieren. 🙂

  4. Liebe Kerstin,
    du hast bei jedem Satz meine Zustimmung. Ich habe mich vor einiger Zeit über die „Muttis“ ausgelassen, aus denselben Gründen, die du in deinem Text auch anführst ( https://dastaeglichegruseln.blogspot.com/2019/06/mutti-vati-next-generation.html ).
    Dieses Gefälle schlägt sich auch an anderer Stelle nieder: Dringt eine Frau beruflich in ein überwiegend von Männern besetzte Umgebung ein, ändert sich in gefühlt 90 % der Fälle auch ihr Erscheinungsbild. Abgesehen von den frischeren Farben passt sie sich mit dunkler Hose, Bluse und Jacke der Männerkleidung an. Geht es nicht anders, wenn man ernst genommen werden will?
    LG
    Ina

    • Liebe Ina,

      über das Thema beruflich erfolgreiche Frauen könnte man ganze Bücher schreiben. Aber ich meine, in der jüngsten Zeit zu erkennen, dass man auch mehr Frauen bleiben kann und trotzdem ernst genommen wird. Einige neuere US-Serien, in denen erfolgreiche Frauen figurbetonte Kleider und Kostüme tragen, haben das Bild da etwas gedreht. Zum Glück!

      Aber ich hab auch von einem Experiment gelesen, bei dem Studenten Bewerbungsgespräche nachgestellt haben. Die Frauen haben inhaltlich immer die gleichen Antworten gegeben. Besser bewertet wurden aber durchweg diejenigen, die Unisex-Parfüm trugen. Je blumiger das Parfüm der „Bewerberin“ umso schlechter schnitt sie ab. (Das nutze ich mittlerweile gnadenlos aus.)

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