Alle Artikel in: Rezension

„Kein Teil der Welt“ von Stefanie de Velasco

Nachdem das zweite Quartal nun ja auch schon wieder zur Hälfte vorbei ist, wird es wohl langsam an der Zeit, endlich auch mein zweites Lesehighlight des ersten ausführlicher vorzustellen. (Die Kurzversion und zwei weitere Lieblinge der ersten drei Monate gibt es >>hier<<.) Erstaunlicherweise ist es ein Coming-Of-Age-Roman, was an sich so gar nicht mein Genre ist. „Kein Teil der Welt“ wurde mir vom Kiwi Verlag unaufgefordert als Leseexemplar zugeschickt und blieb lange unbeachtet in meinem Bücherregal. Als sich dann aber die positiven Stimmen unter den Blogger*innen mehrten, wurde ich doch neugierig. Zum Glück! In „Kein Teil der Welt“ erzählt Stefanie de Velasco von der Jugendlichen Esther. Ihre Eltern sind sehr engagierte Anhänger der Zeugen Jehovas und so wächst auch Esther in dieser Glaubensgemeinschaft auf. Kurz nach dem Mauerfall zieht die Familie als Sonderpioniere in den Osten der Republik. Ihre beste Freundin Sulamith, die für Esther wie eine Schwester war, muss sie zurück lassen. Durch Andeutungen wird gleich zu Beginn des Buches klar, dass mit Sulamith etwas Schreckliches passiert sein muss. Was genau mit ihr geschah, …

„Nichts, was uns passiert“ von Bettina Wilpert

Als Bettina Wilpert im Jahr 2018 mit „Nichts, was uns passiert“ debütierte, traf sie genau den Nerv der Zeit. Der Roman über eine Vergewaltigung und deren soziale und juristische Folgen war ein wichtiger Beitrag zur #meetoo-Diskussion. Selbstverständlich gibt es unzählige Bücher über Vergewaltigungen. Vor allem in der Spannungsliteratur wird das Thema gerne und häufig aufgegriffen. „Nichts, was uns passiert“ verfolgt jedoch einen ganz anderen Ansatz. Bettina Wilpert spielt weder ein psychologisches Verwirrspiel noch präsentiert sie ein kriminologisches Puzzle. Nein, sie erzählt schlicht die Geschichte von Anna und Jonas. Eine Geschichte, wie sie täglich zig Mal geschieht. Anna und Jonas kennen sich nur flüchtig, als sie sich zufällig in der Unibibliothek über den Weg laufen. Sie gehen ein paar Mal miteinander aus und haben ein oder zwei Mal – wenn auch keinen guten so doch zumindest einvernehmlichen – Sex. Und dann kommt da diese Party, bei der sich Anna so sehr betrinkt, dass sie einen Filmriss hat. Irgendwie landet sie mit Jonas im Bett. Eigentlich will sie diesmal keinen Sex. Sie sagt auch „Nein.“ – glaubt sie …

„Toni und Moni – oder: Anleitung zum Heimatroman“ von Petra Piuk

Keine Angst! Ich bin durch den Corona-Lockdown nicht plötzlich rührselig geworden und auf der Suche nach einem Ort, an dem die Welt noch in Ordnung ist. (Obwohl mich in schwachen Momenten tatsächlich ganz kurz eine gewisse Sehnsucht überkommt.) Aber bei „Toni und Moni“ wäre ich da auch ohnehin vollkommen falsch aufgehoben. Dabei beginnt alles zunächst so schön harmonisch in Schöngraben an der Rauscher. Schon allein der Name des Orts verspricht eine wahre Idylle. Wer hat da bitte kein atemberaubendes Bergpanorama mit einem klaren Gebirgsbach im Kopf?! – Na, gut. Bis auf die Autorin. Die hat eigentlich anderes im Sinn. Aber das stört nicht einmal den Verlag, der kurzerhand ein Bergmotiv für das Cover auswählt und diese so zwingt, zumindest eine Bergszene einzubauen. Und überhaupt macht sich das, was doch eigentlich so friedlich angelegt war, schnell selbstständig. Irgendwann will sich nicht einmal mehr die Erzählerin an den vorgesehenen Handlungsverlauf halten. Kein Wunder also, dass aus dem netten Schöngraben an der Rauscher schnell Soddom und Gomorrha wird. Eine Zeitlang hatte ich meinen Spaß daran, mitzuverfolgen wie aus …

„Emma“ von Jane Austen

Schon in meinem Leserückblick auf das erste Quartal 2020 habe ich kurz von „Emma“ von Jane Austen berichtet. Nicht nur die Geschichte sondern auch die schöne Marjolein Bastin Schmuckausgabe des Coppenrath Verlags haben es mir angetan. Die 21jährige Emma lebt mit ihrem Vater auf einem Landsitz in der Nähe von London. Die Familie gehört einem alten Landadel an und wird im Ort noch immer hoch geschätzt. Obwohl Emma sich selbst vorgenommen hat, nie zu heiraten, hat sie sich das Ehestiften zur Aufgabe gemacht. Sie meint dafür ein besonderes Talent zu haben, nachdem sie ihre ehemalige Erzieherin erfolgreich mit einem verwitweten Kaufmann am Ort verkuppelt. Von einem guten Freund der Familie wird ihr Anteil zwar stark bezweifelt, dennoch sucht sich Emma nur kurze Zeit später ein neues „Projekt“. Ihr „Opfer“ ist eine etwa gleichaltrige Waise aus dem örtlichen Mädchenpensionat, der sie einredet, nach besserem zu streben und sich nicht mit dem wohlhabenden Bauern, der sie umwirbt, zufrieden zu geben. Natürlich geht dies jedoch gründlich schief und mit jedem weiteren Versuch um Schadensbegrenzung stiftet Emma nur noch größere Unruhe. …

„Push“ von Sapphire

Für wertvoll hält sich die 16jährige Precious nicht einmal selbst. Mit ihren Eltern lebt sie in einem verwahrlosten Haus in Harlem. Schon zum zweiten Mal ist sie von ihrem Vater schwanger, der die Familie nach Lust und Laune für mehrere Woche besucht und wieder verlässt. Von ihrer Mutter ist keine Hilfe erwarten. Ganz im Gegenteil; sie gibt Precious die Schuld an ihrer unglücklichen Ehe. Sie überlässt ihrer Tochter nicht nur den gesamten Haushalt, sondern misshandelt sie auch regelmäßig. Auch in der Schule wird sie wegen ihres starken Übergewichts und ihrer schwarzen Hautfarbe ständig gehänselt. Im Unterricht hat sie längst den Anschluss verloren. Selbst lesen und schreiben fallen ihr schwer. Als Precious dann auch noch wegen ihrer Schwangerschaft von der Schule fliegt, scheint ihre Zukunft endgültig besiegelt. Wäre da nicht diese eine Lehrerin, die mehr in Precious erkennt, als sich diese selbst zutraut. Sie überredet sie am Alternative Schulprogramm „Lernen für Alle“ teilzunehmen. Und auch die dortige Lehrerin entpuppt sich als echter Glücksgriff. Sie fördert Precious nicht nur schulisch sondern hilft ihr auch Stück für Stück …

„Der Sprung“ von Simone Lappert

Während der Frankfurter Buchmesse hat mich Simone Lappert schwer beeindruckt. Während des Diogenes Talks trug sie den Beginn ihres Debüts „Der Sprung“ vor. Auswendig. Und mit einer glaublich tollen Stimmmelodie. Ich war schockverliebt! Schon vor der Buchmesse war mir der Roman des öfteren begegnet und immer war die Stimmen durchweg positiv. Außerdem kam „Der Sprung“ unter die Finalisten für den Schweizer Buchpreis. Deswegen hat es mach der Messe auch nicht lange gedauert, bis ich mir den Roman auf den E-Reader lud. Das Bücherregal war zwar voll und der Stapel an Messeneuheiten noch nicht abgearbeitet, aber was muss, das muss. Kurz: Meine Erwartungen waren riesig! Die Idee zum Roman kam Simone Lappert, als sie von einer Szene erfuhr, die auch den Beginn von „Der Sprung“ darstellt. Eine Frau steht am Rand eines mehrstöckigen Hauses und schaut in die Tiefe. Vor dem Haus haben sich neben Polizei und Rettungskräften auch ganze Menschenmassen versammelt. Sie halten ihre Smartphones in die Höhe und hoffen, den Sturz filmen zu können. Einige rufen „Spring doch!“. Andere legen sich vor der spannenden Kulisse …

„Otto“ von Dana von Suffrin

Als Dana von Suffrin ihre Doktorarbeit fertig geschrieben hatte, hatte sie Angst in ein Loch zu fallen. Nichts mit der ganzen Zeit, die sie in den letzten Monaten und Jahren damit verbracht hatte, anfangen zu können. Daher entschied sie, einfach weiter zuschreiben und meldete sich zu einem Autorenworkshop an. So erklärt Dana von Suffrin, wie es zur Entstehung ihres Debütromans „Otto“ kam. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse lud der Kiepenheuer & Witsch Verlag, in dem das Buch erschienen ist, zum Bloggerfrühstück mit ihr ein. Unterhaltsamer und humorvoller wurde mir ein Buch über die Deportation der Juden während des Dritten Reichs und den Abschied vom sterbenden Vater noch nicht vorgestellt. Diese ungewöhnliche Mischung entspricht Dana von Suffrins Sicht auf das Leben. „Ich finde einfach alles lustig, dann geht es einfacher.“ sagt sie. Ihren Roman „Otto“ bezeichnet sie als „Anti-Familienroman“. Zwar ginge es um die Themen eines jeden klassischen Familienromans. Sie habe jedoch versucht, einen kritischen Blick auf das Konzept „Familie“ zu werfen. (Biologische) Familien seien zwar nach außen harmonisch, im Grunde aber hoch dysfunktional. Trotzdem könne …

„Und Marx stand still in Darwins Garten“ von Ilona Jerger

Vor 160 Jahren erschien Charles Darwins „Von der Entstehung der Arten“. Das Buch sollte den Blick auf die Welt für immer verändern und Darwin den Ärger der christlichen Kirche einbringen. Nur 8 Jahre später veröffentliche Karl Marx mit „Das Kapital. Band 1“ ein nicht minder revolutionäres Werk, das hart mit Kirche und Gesellschaft zu Gericht ging. Aber die beiden großen Denker waren nicht nur Zeitgenossen. Ihre letzten Lebensabschnitte verbrachten Darwin und Marx in London. Dort trennten sie gerade einmal 20 Meilen. Trotzdem sind sie sich nie begegnet. In ihrem Debütroman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ beschreibt Ilona Jerger die letzten Jahre der beiden und lässt sie schließlich bei einem Dinner aufeinandertreffen. Ilona Jerger stellt die beiden großen Denker so herrlich schrullig und liebenswert dar, dass man meint, mit ihnen im Arbeitszimmer vor dem Kamin gesessen oder gemeinsam eine ihrer berühmten Denkerrunden gedreht zu haben. Die Lebendigkeit der Figuren kommt nicht von ungefähr. Ilona Jerger wälzte zahlreiche Briefe, Tagebucheinträge und Notizen von Darwin und Marx. So war es ihr möglich, deren Ausdrucksweise, Sorgen, Ängste und Gedankengänge …