Alle Artikel in: Rezension

„Epilog mit Enten“ von Sabine Friedrich

Wenn man ein Buch allein auf Grund seines ausgefallenen Titels und/oder seines ansprechenden Covers kauft, muss das nicht immer gut gehen. Glücklicherweise habe ich dabei bisher aber noch nie richtig danebengegriffen. Dies gilt auch für „Epilog mit Enten“ von Sabine Friedrich. Ein echter Volltreffer war es zwar nicht. Aber es bot solide Unterhaltung und lud zum Wegträumen in ferne Länder ein. Jedenfalls solange man über ein paar Dinge hinwegsehen kann, was mir aber leider nicht durchgehend gelungen ist. Wortgewaltig nimmt Erzählerin Sylvie die Leserin in „Epilog mit Enten“ mit auf eine Reise. Ausgangspunkt ist der Krebstod ihres geschiedenen Manns Gabo, mit dem sie eine Tochter hat. Der Roman beginnt tatsächlich mit einem Epilog und zeichnet im Folgenden den gemeinsamen Lebensweg der beiden nach. Und der hat es in sich. Denn Gabo und Sylvie waren alles andere als ein harmonisches Paar. Als sie sich in den 70er Jahren kennenlernen, ist Sylvie 17 Jahre alt und wünscht sich nichts sehnlicher als der Enge ihres kleinen Heimatorts an der innerdeutschen Grenze zu entfliehen. Daher lässt sie sich leicht von dem …

„Was uns stark macht. Begegnungen mit Patti Smith, Virginie Despentes, Joan Baez, Brigitte Bardot u.a.“ von Annick Cojean

Für die Zeitschrift „Le Monde“ interviewt die Journalistin Annick Cojean regelmäßig bekannte Persönlichkeiten zu ihrem Berufs- und Lebensweg. „Was uns stark macht“ enthält insgesamt 21 dieser Interviews. Einen festen Gesprächsfaden hat Annick Cojean nicht. Nur der Gesprächseinstieg ist immer der gleiche: Sie lässt ihre Interviewpartnerinnen den Satz „Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn …“ vervollständigen – und hört einfach zu. Annick Cojean greift Stichworte auf und fragt interessiert nach Details. Hier und da lenkt sie das Gespräch mit einem sanften Impuls. Sich selbst nimmt sie dabei zurück. Sie drängt nicht und erzwingt nichts und ist trotzdem nicht neutral. Annick Cojean nennt es „die Kunst der Begegnung“. Das wertschätzende Zuhören hat etwas Entwaffnendes. Selbst wer zu Beginn eine eher skeptische Haltung einnahm und ausweichend antwortete, wagt sich schnell aus der Deckung. Allein diese Entwicklungen beobachten, macht „Was uns stark macht“ schon lesenswert. Die Auswahl der Interviewten beschränkt sich auf „Was uns stark macht“ ausschließlich auf Frauen. In ihrem Vorwort schreibt Annick Cojean hierzu: „Weil die Welt der Frauen eine besondere ist und ihr …

„GRM. Brainfuck“ von Sibylle Berg

Es gibt Bücher, die sprechen mich unmittelbar so sehr an, dass ich meine Begeisterung am liebsten sofort teilen möchte und noch während des Lesens überlege, wem meiner Bekannten ich es empfehlen könnte. „GRM. Brainfuck“ von Sibylle Berg ist so ein Buch. Und das obwohl ich es so lange Zeit mit Missachtung gestraft habe und um ein Haar gar nicht gelesen hätte. Die Story des Romans ist dabei nur mäßig originell. Es ist eine Art Coming-of-age-Geschichte über vier jugendliche Ausreißer*innen. Von ihren Eltern vernachlässig oder verlassen steigen sie aus dem gesellschaftlichen System, das sie ohnehin nie wirklich gehörten, aus und begeben sich auf individuelle Rachefeldzüge, um die für ihre Misere schuldigen büßen zu lassen. Wesentlich stärker als die Handlung sind aber das Setting und die Erzählweise, in dem Sibylle Berg diese präsentiert. Zeitlich ist „GRM- Brainfuck“ in der unmittelbaren Zukunft – kurze Zeit nach dem Brexit – angesiedelt. Und die sieht in Sibylle Bergs Version gar nicht rosig aus: die Schere zwischen Arm und Reich ist größer denn je. Arbeits- und Perspektivlosigkeit münden bei einem Großteil der Bevölkerung …

„Hunger (Die Geschichte meines Körpers)“ von Roxane Gay

Zu Beginn des Jahres machte ich eine Liste mit einigen Backlist Büchern, die ich 2019 endlich lesen möchte. Darunter befand sich auch „Hunger. A Memoire of my Body“ von Roxane Gay. Dass das Buch – genau wie „Bad Feminist“ – vor Kurzem auch in deutscher Sprache erschien, traf sich deshalb sehr gut. In „Hunger. Die Geschichte meines Körpers“ beschreibt Roxane Gay ihr Leben, in einem „widerspenstigen Körper“; einem Körper, den es ihr nicht gelingt, zu „bändigen“, so ihre eigenen Worte. Dabei erzählt sie nicht nur über die Probleme, die mit ihren Körpermaßen einhergehen und den Vorurteilen, vor denen sie immer wieder steht. Sie beschreibt auch, wie es dazu kam, dass sie nicht mehr aufhören konnte, zu essen. Und das in einer unbeschönigten Deutlichkeit, das es an einigen Stellen nur schwer zu ertragen ist. Gays Direktheit und Offenheit sind mehr als beeindruckend; nicht zuletzt weil sie dabei bisweilen mit sich selbst hart ins Gericht geht. In dieser unverhohlenen Erzählweise beschreibt sie, wie sie als Jugendliche von ihrem Freund und dessen Bekannten vergewaltigt wurde. Wie sie sich nicht traute, …

„Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls

Ich glaube, mir ist eine Rezension noch nie so schwer gefallen wie für „Schloss aus Glas“. Mehrmals habe ich damit begonnen und immer wieder habe ich meine Texte gelöscht. Nie wollte es mir gelingen, die ganze Bandbreite an Emotionen und Gedanken, die der autobiografische Roman bei mir auslöste, voll zu erfassen. „Schloss aus Glas“ hat mich – genau wie die Verfilmung – tief bewegt. Mir kommen bei einem Buch nur sehr selten die Tränen; bei „Schloss aus Glas“ war dies der Fall. Dennoch ist es keine rührselige oder „traurige“ Geschichte. Nicht nur und defintiv nicht in erster Linie, denn Jeanette Walls Kindheit, die sie in dem Roman beschreibt, war sehr glücklich. Sie war geprägt von scheinbar grenzenloser Freiheit und Abenteuern. „Schloss aus Glas“ ist die Geschichte einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung. Jeannette Walls beschreibt, wie tief sie von ihrem Vater enttäuscht wurde und wie sie schließlich komplett mit ihm bricht. Aber sie beschreibt auch, wie liebevoll, geduldig und fantasievoll ihr Vater mit ihr umging und wie er immer für sie da war – auf seine Art. Und …

„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Auf der Suche nach modernen Klassikern aus weiblicher Feder stößt man unwillkürlich auf „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee. Als 2015 die Urversion „Gehe hin, stelle einen Wächter“ auftauchte, erlebte das Werk eine Art Renaissance. Und wie so oft bei gehypten Büchern habe ich es damals zwar gekauft, dann aber doch nicht gelesen. Die Überpräsenz schreckte mich ab. Erst jetzt – mit einigem Abstand – habe ich mich herangetraut. Über „Wer die Nachtigall stört“ gibt es eine Menge Spekulationen und Gerüchte. So soll der Roman stark autobiografisch sein. Vor allem in den lebhaften Beschreibungen einer Kindheit in den amerikanischen Südstaaten der 30er Jahre soll Harper Lee viele eigene Erlebnisse verarbeitet haben. Harper Lee selbst hat dies aber stets bestritten. Andere behaupten, dass „Wer die Nachtigall stört“ in Wahrheit aus der Feder von Truman Capote stamme. Hauptargument dieser Theorie ist, dass Harper Lee danach nie wieder etwas veröffentlichte. Und auch wenn diese Behauptung mittlerweile durch Briefe widerlegt werden konnte, ist zumindest Fakt, dass Truman Capote und Harper Lee in der gleichen Kleinstadt aufwuchsen und sich schon als Kinder …

„Der Gott am Ende der Straße“ von Luise Erdrich

Es sind große Fußstapfen, in die Luise Erdrich mit „Der Gott am Ende der Straße“ hineintreten möchte. Bereits in seiner Vorschau auf das aktuelle Frühjahrsprogramm verglich der Aufbau Verlag es mit „Der Report der Magd“. Tatsächlich lassen sich die Parallelen nicht von der Hand weisen. In beiden Romanen spielen Religion und Frauenhass zentrale Rollen. Luise Erdrich entwirft in „Der Gott der Straße“ eine Zukunftsvision, in der schwangere Frauen verfolgt und inhaftiert werden. Nachdem sich die Evolution aus ungeklärten Gründen wieder zurückentwickelt und sich Neugeborene auf lange vergangenen Evolutionsstufen entwickeln, werden Schwangerschaften zur gesellschaftlichen Bedrohung. Auch die Protagonistin Cedar ist schwanger und damit wahrscheinlich in Lebensgefahr, denn man munkelt, dass keine der aufgegriffenen Schwangeren nach der Geburt wiedergesehen wurde. Also taucht sie unter und lebt fortan mit der ständigen Angst, dass ihre Schwangerschaft erkannt und sie denunziert wird. Der Roman stellt eine Art Tagebuch dar, das Cedar für ihr ungeborenes Kind über die Erlebnisse während dieser Zeit schreibt. Darin stehen die Beschreibungen vom Verfall der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung und der Rückentwicklung der Evolution in einem starken Kontrast …

„Flügel in Flammen“ von Dagny Juel

Es kommt sehr selten vor, dass ich mich an einen Lyrikband wage. Für „Flügel in Flammen“ habe ich jetzt aber eine ganz seltene Ausnahme gemacht. Allerdings muss ich zugeben, dass es hauptsächlich die Frau dahinter war, der der Übersetzer Lars Brandt im zweiten Teil des Buchs in einem Essay näher zu kommen versucht, die mich dazu bewog. In Deutschland ist die norwegische Schriftstellerin Dagny Juel weitestgehend unbekannt. Das erstaunt nicht nur deshalb, weil sie den Großteil ihres Werks in Deutschland verfasste, sondern auch weil sie eine sehr schillernde Persönlichkeit war, die großen Künstlern wie Edward Munch den Kopf verdrehte. Sie war zugleich die Muse und eine zentrale Person der Berliner Boheme. Um Dagny Juel ranken sich viele Legenden und Mythen. Dies mag auch mit ihrem Tod zu tun haben, denn Juel wurde 1901 mit nur 34 Jahren von einem Anhänger ihres Mannes, einem polnischen Dichter und Satanisten, ermordet. Mit Hilfe ihres Werks, dass im ersten Teil von „Flügel in Flammen“ erstmals komplett in deutscher Sprache veröffentlicht ist, begibt sich Lars Brandt dennoch auf die Suche …