Alle Artikel in: Rezension

„Otto“ von Dana von Suffrin

Als Dana von Suffrin ihre Doktorarbeit fertig geschrieben hatte, hatte sie Angst in ein Loch zu fallen. Nichts mit der ganzen Zeit, die sie in den letzten Monaten und Jahren damit verbracht hatte, anfangen zu können. Daher entschied sie, einfach weiter zuschreiben und meldete sich zu einem Autorenworkshop an. So erklärt Dana von Suffrin, wie es zur Entstehung ihres Debütromans „Otto“ kam. Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse lud der Kiepenheuer & Witsch Verlag, in dem das Buch erschienen ist, zum Bloggerfrühstück mit ihr ein. Unterhaltsamer und humorvoller wurde mir ein Buch über die Deportation der Juden während des Dritten Reichs und den Abschied vom sterbenden Vater noch nicht vorgestellt. Diese ungewöhnliche Mischung entspricht Dana von Suffrins Sicht auf das Leben. „Ich finde einfach alles lustig, dann geht es einfacher.“ sagt sie. Ihren Roman „Otto“ bezeichnet sie als „Anti-Familienroman“. Zwar ginge es um die Themen eines jeden klassischen Familienromans. Sie habe jedoch versucht, einen kritischen Blick auf das Konzept „Familie“ zu werfen. (Biologische) Familien seien zwar nach außen harmonisch, im Grunde aber hoch dysfunktional. Trotzdem könne …

„Und Marx stand still in Darwins Garten“ von Ilona Jerger

Vor 160 Jahren erschien Charles Darwins „Von der Entstehung der Arten“. Das Buch sollte den Blick auf die Welt für immer verändern und Darwin den Ärger der christlichen Kirche einbringen. Nur 8 Jahre später veröffentliche Karl Marx mit „Das Kapital. Band 1“ ein nicht minder revolutionäres Werk, das hart mit Kirche und Gesellschaft zu Gericht ging. Aber die beiden großen Denker waren nicht nur Zeitgenossen. Ihre letzten Lebensabschnitte verbrachten Darwin und Marx in London. Dort trennten sie gerade einmal 20 Meilen. Trotzdem sind sie sich nie begegnet. In ihrem Debütroman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ beschreibt Ilona Jerger die letzten Jahre der beiden und lässt sie schließlich bei einem Dinner aufeinandertreffen. Ilona Jerger stellt die beiden großen Denker so herrlich schrullig und liebenswert dar, dass man meint, mit ihnen im Arbeitszimmer vor dem Kamin gesessen oder gemeinsam eine ihrer berühmten Denkerrunden gedreht zu haben. Die Lebendigkeit der Figuren kommt nicht von ungefähr. Ilona Jerger wälzte zahlreiche Briefe, Tagebucheinträge und Notizen von Darwin und Marx. So war es ihr möglich, deren Ausdrucksweise, Sorgen, Ängste und Gedankengänge …

„Die schwarze Rosa“ von Birgit Rabisch

Wenn Autor*innen die eigene Familiengeschichte beleuchten, geht es fast immer um den zweiten Weltkrieg und die Rolle der eigenen Verwandten im Dritten Reich. Seit ein paar Jahren finden sich daneben auch einige Bücher über die jüngere deutsche Geschichte, vor allem den Kalten Krieg und das Leben in der DDR. Ein familiärer Rückblick in weiter zurückliegende Zeiten wie den ersten Weltkrieg und die Anfänge der Weimarer Republik ist selten. „Die schwarze Rosa“ von Birgit Rabisch ist eine dieser wenigen Ausnahmen und schon allein deswegen einen Blick wert. Ganz besonders spannend an dem Buch ist aber, dass die darin beschriebene Familiengeschichte so eng mit diesem Stück deutscher Zeitgeschichte verbunden ist. Birgit Rabisch spürt in „Die schwarze Rosa“ dem Leben ihrer Großmutter in der bewegten politischen Umbruchphase der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts nach. Sie beschreibt wie aus der Weberstochter „Röschen“ an der Schnittstelle zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik die rechts-konservative Kaiseranhängerin „schwarze Rosa“ – eine Anspielung auf Rosa Luxemburg, die auch „rote Rosa“ genannt wurde – wurde, die an der Seite ihres Verlobten Paul Schulz die Organisation …

„Eine moderne Familie“ von Helga Flatland

Es ist mein ewiges Problem: Wie soll ich über einen Roman schreiben, der mich restlos begeistern konnte? Mit „Lies unbedingt dieses Buch!“ ist eigentlich schon alles und trotzdem noch nicht genug gesagt. Ich bin gut darin, das berühmte Haar in der Suppe zu finden. Im Fall von „Eine moderne Familie“ von Helga Flatland konnte ich aber keines finden, und das macht es mir jetzt ziemlich schwer. In ihrem mittlerweile fünften Buch erzählt Helga Flatland davon, wie schnell ein geordnetes Familienleben aus den Fugen geraten kann und dass die Dinge selten wirklich so sind, wie sie von außen wahrgenommen werden. In „Eine moderne Familie“ ist es die Scheidung der Eltern, die den Stein ins Rollen bringt. Ausgerechnet am 70. Geburtstag des Vaters geben die Eltern ihre Trennung bekannt. Und obwohl sie natürlich längst erwachsen sind und mit eigenen Partner*innen zusammenleben, bricht für ihre drei Kinder dadurch das Fundament ihres eigenen Lebens weg. Wie es Liv, Ellen und Hakon gelingt, die Familienverhältnisse wieder neu zu sortieren, wird in wechselnden Perspektiven geschildert. Hierdurch gewinnt die Leserin einen facettenreichen Einblick, in die Gedanken- …

„Epilog mit Enten“ von Sabine Friedrich

Wenn man ein Buch allein auf Grund seines ausgefallenen Titels und/oder seines ansprechenden Covers kauft, muss das nicht immer gut gehen. Glücklicherweise habe ich dabei bisher aber noch nie richtig danebengegriffen. Dies gilt auch für „Epilog mit Enten“ von Sabine Friedrich. Ein echter Volltreffer war es zwar nicht. Aber es bot solide Unterhaltung und lud zum Wegträumen in ferne Länder ein. Jedenfalls solange man über ein paar Dinge hinwegsehen kann, was mir aber leider nicht durchgehend gelungen ist. Wortgewaltig nimmt Erzählerin Sylvie die Leserin in „Epilog mit Enten“ mit auf eine Reise. Ausgangspunkt ist der Krebstod ihres geschiedenen Manns Gabo, mit dem sie eine Tochter hat. Der Roman beginnt tatsächlich mit einem Epilog und zeichnet im Folgenden den gemeinsamen Lebensweg der beiden nach. Und der hat es in sich. Denn Gabo und Sylvie waren alles andere als ein harmonisches Paar. Als sie sich in den 70er Jahren kennenlernen, ist Sylvie 17 Jahre alt und wünscht sich nichts sehnlicher als der Enge ihres kleinen Heimatorts an der innerdeutschen Grenze zu entfliehen. Daher lässt sie sich leicht von dem …

„Was uns stark macht. Begegnungen mit Patti Smith, Virginie Despentes, Joan Baez, Brigitte Bardot u.a.“ von Annick Cojean

Für die Zeitschrift „Le Monde“ interviewt die Journalistin Annick Cojean regelmäßig bekannte Persönlichkeiten zu ihrem Berufs- und Lebensweg. „Was uns stark macht“ enthält insgesamt 21 dieser Interviews. Einen festen Gesprächsfaden hat Annick Cojean nicht. Nur der Gesprächseinstieg ist immer der gleiche: Sie lässt ihre Interviewpartnerinnen den Satz „Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn …“ vervollständigen – und hört einfach zu. Annick Cojean greift Stichworte auf und fragt interessiert nach Details. Hier und da lenkt sie das Gespräch mit einem sanften Impuls. Sich selbst nimmt sie dabei zurück. Sie drängt nicht und erzwingt nichts und ist trotzdem nicht neutral. Annick Cojean nennt es „die Kunst der Begegnung“. Das wertschätzende Zuhören hat etwas Entwaffnendes. Selbst wer zu Beginn eine eher skeptische Haltung einnahm und ausweichend antwortete, wagt sich schnell aus der Deckung. Allein diese Entwicklungen beobachten, macht „Was uns stark macht“ schon lesenswert. Die Auswahl der Interviewten beschränkt sich auf „Was uns stark macht“ ausschließlich auf Frauen. In ihrem Vorwort schreibt Annick Cojean hierzu: „Weil die Welt der Frauen eine besondere ist und ihr …

„GRM. Brainfuck“ von Sibylle Berg

Es gibt Bücher, die sprechen mich unmittelbar so sehr an, dass ich meine Begeisterung am liebsten sofort teilen möchte und noch während des Lesens überlege, wem meiner Bekannten ich es empfehlen könnte. „GRM. Brainfuck“ von Sibylle Berg ist so ein Buch. Und das obwohl ich es so lange Zeit mit Missachtung gestraft habe und um ein Haar gar nicht gelesen hätte. Die Story des Romans ist dabei nur mäßig originell. Es ist eine Art Coming-of-age-Geschichte über vier jugendliche Ausreißer*innen. Von ihren Eltern vernachlässig oder verlassen steigen sie aus dem gesellschaftlichen System, das sie ohnehin nie wirklich gehörten, aus und begeben sich auf individuelle Rachefeldzüge, um die für ihre Misere schuldigen büßen zu lassen. Wesentlich stärker als die Handlung sind aber das Setting und die Erzählweise, in dem Sibylle Berg diese präsentiert. Zeitlich ist „GRM- Brainfuck“ in der unmittelbaren Zukunft – kurze Zeit nach dem Brexit – angesiedelt. Und die sieht in Sibylle Bergs Version gar nicht rosig aus: die Schere zwischen Arm und Reich ist größer denn je. Arbeits- und Perspektivlosigkeit münden bei einem Großteil der Bevölkerung …

„Hunger (Die Geschichte meines Körpers)“ von Roxane Gay

Zu Beginn des Jahres machte ich eine Liste mit einigen Backlist Büchern, die ich 2019 endlich lesen möchte. Darunter befand sich auch „Hunger. A Memoire of my Body“ von Roxane Gay. Dass das Buch – genau wie „Bad Feminist“ – vor Kurzem auch in deutscher Sprache erschien, traf sich deshalb sehr gut. In „Hunger. Die Geschichte meines Körpers“ beschreibt Roxane Gay ihr Leben, in einem „widerspenstigen Körper“; einem Körper, den es ihr nicht gelingt, zu „bändigen“, so ihre eigenen Worte. Dabei erzählt sie nicht nur über die Probleme, die mit ihren Körpermaßen einhergehen und den Vorurteilen, vor denen sie immer wieder steht. Sie beschreibt auch, wie es dazu kam, dass sie nicht mehr aufhören konnte, zu essen. Und das in einer unbeschönigten Deutlichkeit, das es an einigen Stellen nur schwer zu ertragen ist. Gays Direktheit und Offenheit sind mehr als beeindruckend; nicht zuletzt weil sie dabei bisweilen mit sich selbst hart ins Gericht geht. In dieser unverhohlenen Erzählweise beschreibt sie, wie sie als Jugendliche von ihrem Freund und dessen Bekannten vergewaltigt wurde. Wie sie sich nicht traute, …