Alle Artikel in: Rezension

„Alles, was geschieht, hat einen Grund“ von Arantza Portabales

Zugegeben: der Titel ist schrecklich. Aber lass dich davon bitte nicht abschrecken! Du würdest nämlich echt etwas verpassen. „Alles, was geschieht, hat seinen Grund“ habe ich im Urlaub quasi inhaliert. Und das obwohl wir eigentlich die Zimmertüren neu streichen wollten. Das musste der Mann dann aber alleine erledigen. (Ich habe noch immer ein schlechtes Gewissen.)</p class=“intro“> Was mich so in den Bann zogen war vor allem der ungewöhnliche Erzählstil. Aber vielleicht fange ich besser vor an, also mit dem Inhalt. „Alles, was geschieht, hat seinen Grund“ spielt in Madrid und handelt von vier Frauen, die alle auf sehr unterschiedliche Art und Weise gezwungen werden, ihr Leben zu überdenken und neu zu sortieren. Carmela erfährt, dass sie an einer unheilbaren Krankheit leidet und nicht mehr lange zu leben hat. Sara zweifelt an ihrer geplanten Hochzeit. Marina wird von ihrem Mann verlassen. Und Viviana trägt ein dunkles und belastendes Familiengeheimnis mit sich herum. Sie wollen zwar mit jemandem darüber reden, haben aber gleichzeitig nicht den Mut, mit jemandem persönlich darüber zu reden. Deshalb sprechen Sie ihre Gedanken auf …

„Die Diva“ von Michelle Marly

Der Name Michelle Marly steht für biografische Künstlerinnen-Romane. Nach „Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe“ und „Madame Piaf und das Lied der Liebe“ ist „Die Diva“ nun schon der dritte Roman, den Micaela Jary unter ihrem Pseudonym veröffentlicht. Diesmal geht es um „Maria Callas – die größte Sängerin ihrer Zeit“. Obwohl ich sehr gerne biografische Romane lese, vor allem wenn sie von Frauen handeln, ist „Die Diva“ das erste Buch, das ich von Michaela Marly gelesen habe. Dass in den beiden ersten Titeln das Wort „Liebe“ vorkam, schreckte mich bisher ebenso ab wie die allzu kitschig-verklärten Cover. Offen gestanden ließ ich mich zu „Die Diva“ nur deswegen hinreißen, weil ich das eBook bei einer Rabattaktion so günstig bekommen habe, dass ich dachte, so könne ich nicht viel falsch machen. Leider wurden meine Vorahnungen, die ich angesichts ihrer beiden ersten Werke hatte, erfüllt. Zwar wurde bei „Die Diva“ auf den Zusatz „und das Drama ihrer Liebe“ – zumindest in der ersten Titelzeile – verzichtet. Dennoch ist der Roman mehr Liebes- als Lebensgeschichte. Er handelt von der Beziehung zwischen …

„Ungebremst leben. Wie ich mit 77 Jahren die Freiheit suchte und einfach losfuhr“ von Heidi Hetzer (Marc Bielefeld)

Heidi Hetzer ist 77 Jahre alt, ehemalige Rallyefahrerin und erfolgreiche Geschäftsfrau, als sie beschließt, sich einen Traum zu erfüllen. Sie verkauft ihr Berliner Autohaus und kauft einen Hudson Great Eight von 1930, um mit ihm einmal um die Welt zu fahren. Ihr Vorbild ist Clärenore Stinnes, die sich mit gerade einmal 26 Jahren ebenfalls  dazu aufmachte, die Welt mit einem Auto umrundete. Es war die erste Fahrt dieser Art und sie dauerte knapp zwei Jahre (von 1927 bis 1929). Es war Heidi Hetzers Vater, der ihr schon als Kind die Geschichte dieser wagemutigen Frau erzählte. Er war es auch, der ihre Leidenschaft für Autos und den Motorsport weckte, die Heidi Hetzers gesamte Leben prägten. Bereits mit 16 Jahren fährt sie illegale Motorradrennen und unternimmt unerlaubt Spritztouren im Auto der Eltern. Dass sie keinen Führerschein, stört sie wenig. Später macht sie eine Ausbildung zur KfZ-Mechanikerin. Was selbst heute noch selten ist, war in den 50er Jahren ein echtes Unding. Nicht einmal ihre eigene Mutter war mit dieser Entscheidung einverstanden. Später zog sie eine Autovermietung auf und …

„Lagune“ von Nnedi Okorafor

Wow! Was man aus dem schon ziemlich abgedroschenen SciFi-Klassiker „Besuch von fremden Sternen“ mit etwas Kreativität doch nicht so alles machen. Nämlich zur Abwechslung mal keinen intergalaktischen Krieg und auch keine Bedrohung der Menschheit einschließlich heldenhafter Rettung der Erde – sondern einen fast schon poetischen Roman über soziale Ungerechtigkeit und religiösen Eifer voller afrikanischer Mythologie. Geht nicht? Geht doch! Nnedi Okorafor macht es in „Lagune“ eindrucksvoll vor. Natürlich haben die fremden Wesen auch hier eine Botschaft an den Präsidenten. Und natürlich sind sie gekommen, um die Erde zu besiedeln. Aber dies – und das ist schon sehr selten in diesem Genre – scheint nicht in böser Absicht zu geschehen. von Nigeria zu den Sternen… Die Frage nach dem Besuchsgrund steht jedoch auch gar nicht so sehr im Vordergrund. „Lagune“ beschäftigt sich eher mit den unterschiedlichen Reaktionen der nigerianischen Bevölkerung. Und die ist nicht nur größtenteils getrieben vom üblichen Streben nach Macht und Geld. Auch der Glaube an Hexen und unterschiedliche Gottheiten spielt eine große Rolle. Und natürlich Angst; die Angst vor allem Fremden und (zunächst) Unbegreiflichem. Durch …

„Kein Teil der Welt“ von Stefanie de Velasco

Nachdem das zweite Quartal nun ja auch schon wieder zur Hälfte vorbei ist, wird es wohl langsam an der Zeit, endlich auch mein zweites Lesehighlight des ersten ausführlicher vorzustellen. (Die Kurzversion und zwei weitere Lieblinge der ersten drei Monate gibt es >>hier<<.) Erstaunlicherweise ist es ein Coming-Of-Age-Roman, was an sich so gar nicht mein Genre ist. „Kein Teil der Welt“ wurde mir vom Kiwi Verlag unaufgefordert als Leseexemplar zugeschickt und blieb lange unbeachtet in meinem Bücherregal. Als sich dann aber die positiven Stimmen unter den Blogger*innen mehrten, wurde ich doch neugierig. Zum Glück! In „Kein Teil der Welt“ erzählt Stefanie de Velasco von der Jugendlichen Esther. Ihre Eltern sind sehr engagierte Anhänger der Zeugen Jehovas und so wächst auch Esther in dieser Glaubensgemeinschaft auf. Kurz nach dem Mauerfall zieht die Familie als Sonderpioniere in den Osten der Republik. Ihre beste Freundin Sulamith, die für Esther wie eine Schwester war, muss sie zurück lassen. Durch Andeutungen wird gleich zu Beginn des Buches klar, dass mit Sulamith etwas Schreckliches passiert sein muss. Was genau mit ihr geschah, …

„Nichts, was uns passiert“ von Bettina Wilpert

Als Bettina Wilpert im Jahr 2018 mit „Nichts, was uns passiert“ debütierte, traf sie genau den Nerv der Zeit. Der Roman über eine Vergewaltigung und deren soziale und juristische Folgen war ein wichtiger Beitrag zur #meetoo-Diskussion. Selbstverständlich gibt es unzählige Bücher über Vergewaltigungen. Vor allem in der Spannungsliteratur wird das Thema gerne und häufig aufgegriffen. „Nichts, was uns passiert“ verfolgt jedoch einen ganz anderen Ansatz. Bettina Wilpert spielt weder ein psychologisches Verwirrspiel noch präsentiert sie ein kriminologisches Puzzle. Nein, sie erzählt schlicht die Geschichte von Anna und Jonas. Eine Geschichte, wie sie täglich zig Mal geschieht. Anna und Jonas kennen sich nur flüchtig, als sie sich zufällig in der Unibibliothek über den Weg laufen. Sie gehen ein paar Mal miteinander aus und haben ein oder zwei Mal – wenn auch keinen guten so doch zumindest einvernehmlichen – Sex. Und dann kommt da diese Party, bei der sich Anna so sehr betrinkt, dass sie einen Filmriss hat. Irgendwie landet sie mit Jonas im Bett. Eigentlich will sie diesmal keinen Sex. Sie sagt auch „Nein.“ – glaubt sie …

„Toni und Moni – oder: Anleitung zum Heimatroman“ von Petra Piuk

Keine Angst! Ich bin durch den Corona-Lockdown nicht plötzlich rührselig geworden und auf der Suche nach einem Ort, an dem die Welt noch in Ordnung ist. (Obwohl mich in schwachen Momenten tatsächlich ganz kurz eine gewisse Sehnsucht überkommt.) Aber bei „Toni und Moni“ wäre ich da auch ohnehin vollkommen falsch aufgehoben. Dabei beginnt alles zunächst so schön harmonisch in Schöngraben an der Rauscher. Schon allein der Name des Orts verspricht eine wahre Idylle. Wer hat da bitte kein atemberaubendes Bergpanorama mit einem klaren Gebirgsbach im Kopf?! – Na, gut. Bis auf die Autorin. Die hat eigentlich anderes im Sinn. Aber das stört nicht einmal den Verlag, der kurzerhand ein Bergmotiv für das Cover auswählt und diese so zwingt, zumindest eine Bergszene einzubauen. Und überhaupt macht sich das, was doch eigentlich so friedlich angelegt war, schnell selbstständig. Irgendwann will sich nicht einmal mehr die Erzählerin an den vorgesehenen Handlungsverlauf halten. Kein Wunder also, dass aus dem netten Schöngraben an der Rauscher schnell Soddom und Gomorrha wird. Eine Zeitlang hatte ich meinen Spaß daran, mitzuverfolgen wie aus …

„Emma“ von Jane Austen

Schon in meinem Leserückblick auf das erste Quartal 2020 habe ich kurz von „Emma“ von Jane Austen berichtet. Nicht nur die Geschichte sondern auch die schöne Marjolein Bastin Schmuckausgabe des Coppenrath Verlags haben es mir angetan. Die 21jährige Emma lebt mit ihrem Vater auf einem Landsitz in der Nähe von London. Die Familie gehört einem alten Landadel an und wird im Ort noch immer hoch geschätzt. Obwohl Emma sich selbst vorgenommen hat, nie zu heiraten, hat sie sich das Ehestiften zur Aufgabe gemacht. Sie meint dafür ein besonderes Talent zu haben, nachdem sie ihre ehemalige Erzieherin erfolgreich mit einem verwitweten Kaufmann am Ort verkuppelt. Von einem guten Freund der Familie wird ihr Anteil zwar stark bezweifelt, dennoch sucht sich Emma nur kurze Zeit später ein neues „Projekt“. Ihr „Opfer“ ist eine etwa gleichaltrige Waise aus dem örtlichen Mädchenpensionat, der sie einredet, nach besserem zu streben und sich nicht mit dem wohlhabenden Bauern, der sie umwirbt, zufrieden zu geben. Natürlich geht dies jedoch gründlich schief und mit jedem weiteren Versuch um Schadensbegrenzung stiftet Emma nur noch größere Unruhe. …