Frauenleserin Rezension

„Die Hände des Louis Braille“ von Helene Jousse

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Obwohl seine Sechs-Punkte-Blindenschrift so bekannt ist, wissen die wenigstens etwas über dessen Erfinder Louis Braille. In ihrem Debütroman „Die Hände des Louis Braille“ erzählt die Bildhauerin Helene Jousse über sein Leben.

Eingebettet ist die biografische Erzählung in eine Rahmenhandlung um die Drehautorin Constance, die Louis Brailles Leben filmisch umsetzen soll.

Spricht man denn immer über sich selbst, wenn man über andere spricht?
(Seite 106)

Vor besondere Herausforderungen stellt sie es, die Ereignisse im Leben von Louis Braille unverfälscht von der eigenen Interpretation wiederzugeben. In einem roten Heft hält sie nicht nur die Fortschritte und Probleme ihrer Drehbucharbeit sondern auch persönliche Gedanken fest. So erfährt die Leserin, wieviel Constance aus ihrem eigenen Leben und ihren persönlichen Erfahrungen in die Figuren und Filmszenen legt.

Das ist nicht Louis, das bist du, du bewunderst dich selbst in Louis.
(Seite 133)

Problematisch ist dies ausgerechnet in Bezug auf eines der Grundthemen des Romans, nämlich die Darstellung des Lebens von Nicht-Sehenden im Allgemeinen und von Louis Braille im Besonderen. Constance, deren Mann auf Grund einer Erkrankung kurz vor seinem Tod erblindete, bedeutet das Leben von Nicht-Sehenden einen „Leidensweg“ (Seite 137), den Louis Braille als „glücklicher Heiliger“ (Seite 106) beschreitet. Ob eine Person, die wie Louis Braille schon mit drei Jahren – also in einem Alter, indem man noch sehr anpassungsfähig ist – sein Augenlicht verlor, tatsächlich das restliche Leben darunter leidet, ist zumindest diskussionswürdig.

Überhaupt kam mir Louis Braille insgesamt zu kurz. Hier versprechen Klappentext und Inhaltsbeschreibung etwas anders. Tatsächlich wird das Leben von Louis Braille nur in einzelnen Szenen erzählt, von denen zusätzlich auch nicht immer klar ist, ob sie auf historischen Tatsachen basieren oder allein der Fantasie von Constance entspringen. Je weiter das Drehbuch voranschreitet, umso mehr verschwimmen die Grenzen zu ihrem eigenen Leben. Mehr als die reinen Eckdaten zu Louis Brailles Leben lässt sich aus „Die Hände des Louis Braille“ so leider nicht entnehmen. Verlässliche Fakten erfährt man allein aus der Zeittafel im Anhang des Romans.

Erschwerend kommt leider hinzu, dass es der Handlung an einem Spannungsbogen fehlt. „Die Hände des Louis Braille“ lässt einen klaren Höhepunkt vermissen, auf den die Handlung zulaufen könnte. Zwar lässt sich der Versuch erkennen, Constances Ringen um eine unverfälschte Wahrheit entsprechend auszuarbeiten. Das Ergebnis ist aber zu zaghaft und kann daher nicht überzeugen.

♥♥ lesbar

Die Hände des Louis Braille – Helene Jousse (Christine Cavalli & Michael Hohmann) – Faber & Faber – ISBN: 978-3-86730-138-1 – 249 Seiten – gebunden mit Schutzumschlag – 24,-€

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