Frauenleserin Rezension

„Kein Teil der Welt“ von Stefanie de Velasco

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Nachdem das zweite Quartal nun ja auch schon wieder zur Hälfte vorbei ist, wird es wohl langsam an der Zeit, endlich auch mein zweites Lesehighlight des ersten ausführlicher vorzustellen. (Die Kurzversion und zwei weitere Lieblinge der ersten drei Monate gibt es >>hier<<.) Erstaunlicherweise ist es ein Coming-Of-Age-Roman, was an sich so gar nicht mein Genre ist.

„Kein Teil der Welt“ wurde mir vom Kiwi Verlag unaufgefordert als Leseexemplar zugeschickt und blieb lange unbeachtet in meinem Bücherregal. Als sich dann aber die positiven Stimmen unter den Blogger*innen mehrten, wurde ich doch neugierig. Zum Glück!

In „Kein Teil der Welt“ erzählt Stefanie de Velasco von der Jugendlichen Esther. Ihre Eltern sind sehr engagierte Anhänger der Zeugen Jehovas und so wächst auch Esther in dieser Glaubensgemeinschaft auf. Kurz nach dem Mauerfall zieht die Familie als Sonderpioniere in den Osten der Republik. Ihre beste Freundin Sulamith, die für Esther wie eine Schwester war, muss sie zurück lassen. Durch Andeutungen wird gleich zu Beginn des Buches klar, dass mit Sulamith etwas Schreckliches passiert sein muss. Was genau mit ihr geschah, scheint aber auch Esther nicht zu wissen. Nur dass es mit Sulamiths Versuch, die Sekte zu verlassen zu tun haben muss, wird schnell klar. Im Verlauf des Buchs wird aber nicht nur Sulamtihs Schicksal nach und nach enthüllt. Mit jedem Details, das Esther erfährt, stellt sie die Grundsätze der Glaubensgemeinschaft selbst mehr in Frage. Dieser Abnabelungsprozess von den Eltern wird schließlich noch dadurch verstärkt, dass Esther ein Stück Familiengeschichte enthüllt, das bis dahin vor ihr geheim gehalten wurde.

Allein die Story um Sulamith und die Art wie sie der Leserin präsentiert wird, ist schon super spannend und lohnt die Lektüre. Es ist eine Art Puzzle, dessen Teile man an Hand von Rückblenden selbst zusammensetzen muss. Und da es Esther ist, die sich erinnert, ist dieses Puzzle teilweise unvollständig. Manches wurde von ihr ferngehalten oder sie kennt es selbst nur vom Hörensagen. Und einiges konnte Esther auch schlicht nicht richtig oder nicht zur Gänze verstehen. Dennoch fügen sich die Teile im Verlauf mehr und mehr zu einem schrecklichen Drama zusammen.

Den zweiten Erzählstrang um das Familiengeheimnis, das Esther entdeckt, war für mich allerdings etwas too much. Für meinen Geschmack hätte es den nicht gebraucht. Zumal er mir, je weiter er enthüllt wurde, umso unrealistischer vorkam.

Wahnsinnig interessant fand ich hingegen die Beschreibung des Lebens innerhalb der Sekte, das man mehr oder weniger „nebenbei“ mitbekommt. Die Kleiderordnung, die regelmäßigen Treffen zum Bibelstudium, die Hausbesuche und Vorgaben, wie viele Hefte jedes Mitglied pro Monat verteilen muss… Es wirkt bedrückend. Wie ein Korsette, das Esther die Luft nimmt. Dass sich Esther und Sulamith zudem auch noch in der Pubertät befinden, verstärkt den ohnehin schon einengenden Eindruck.

Zwei Szenen haben mich besonders bewegt:

In der ersten Szene erlebt man Esther und Sulamith im Biologieunterricht, wo gerade die Evolutionstheorie besprochen wird. Weil die sich aber so gar nicht, mit dem Glauben der Zeugen Jehovas vereinbaren lässt, wurden sie von ihren Eltern im Vorfeld präpariert. Ihnen wurde nicht nur gründlich die biblische Schöpfungsgeschichte eingeimpft. Esther und Sulamith mussten auch ein Argumentationstraining absolvieren, in dem ihnen beigebracht wurde, wie sie die Darstellungen der Biologielehrerin mit kritischen Rückfragen oder schlichtem Leugnen entkräften können. Und natürlich mussten sie Hefte zur „wahren“ Entstehung der Welt verteilen.
In der Unterrichtsszene spürte ich beinahe selbst, wie sehr die beiden Außenseiterinnen sind. Wie sie die bewusste Zurschaustellung ihres Glaubens für ihre Mitschüler*innen zu verschrobenen Sonderlingen macht. Dass dahinter in erster Linie die eignen Eltern stehen, die ihre Kinder nicht zu selbstständigem Denken sondern zur unkritischen „Linientreue“ erziehen und jeden Widerstand bereits im Ansatz ersticken, machte die Situation für mich noch einmal unerträglicher. Ja, ich litt ein wenig mit den beiden mit. Vielleicht litt ich sogar ein wenig mehr als beiden.

In der zweiten Szene wird für die Glaubensgemeinschaft ein starkes Sommergewitter zum vermeintlichen Harmagedon. Natürlich sind alle gut vorbereitet. Mit den Taschen, die für genau diesen Fall immer fertig gepackt griffbereit stehen, treffen sich alle im Versammlungshaus und gemeinsam das Ende der Welt zu erleben. Als das jüngste Gericht dann aber doch kommt und stattdessen nur das Dach des Versammlungshauses zum Blitz getroffen wird, ist man fast schon ein wenig enttäuscht.

„Kein Teil der Welt“ gewährt einen Einblick in eine Religionsgemeinschaft mit so eigenen und starren Regeln, das sie einer Parallelgesellschaft gleichkommt. Obwohl einer meiner ehemaligen Studienkolleginnen Zeugin Jehovas war, war ich nie so nah am Leben in dieser Glaubensgemeinschaft wie durch diesem Roman. Das kommt nicht von ungefähr. Stefanie de Velasco wuchs selbst bei den Zeugen Jehovas auf. Die persönlichen Erfahrungen, die sie in „Kein Teil der Welt“ verarbeitet, machen den Roman so authentisch und bewegend.

♥♥♥♥ Buchtipp

Kein Teil der Welt • Stefanie de Velasco • Kiwi Verlag • Hardcover • 432 Seiten • ISBN: 978-3-462-05043-1• 22,00 €

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