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Leserückblick auf das erste Quartal 2020

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Gerade erst habe ich meinen Leserückblick auf das Jahr 2019 geschrieben, da sind auch schon die ersten Monate des neuen Jahres vergangen. Auf dem Blog war es in den letzten Monaten sehr still. Beruflich war sehr viel zu tun. Da fehlte mir schlicht die Muse, nach Feierabend schon wieder Texte zu produzieren.
Gelesen habe ich dennoch. Und zwar sogar erstaunlich viel. Zehn Bücher und acht Hörbücher habe ich in den ersten drei Monaten 2020 geschafft. Und – und das freut mich extrem – davon waren sieben Bücher und sieben Hörbücher von Autorinnen. Das macht eine Frauenquote von rund 78%.

Meine Top 3-Highlights waren „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent, „Kein Teil der Welt“ von Stefanie de Velasco und „Emma“ von Jane Austen – drei (Hör-)Bücher wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

„Das Seelenhaus“ spielt im 18. Jahrhundert in Island. Es geht um die Magd Agnes, die zum Tode verurteilt wurde und nun auf dem Hof eines Beamten auf die Vorstrecken wartet. Ihr wird der Mord an zwei Männer zur Last gelegt. Beide wurden erschlagen, erstochen und verbrannt. Mit stoischer Gelassenheit nimmt sie ihr Schicksal an. Auf dem Hof arbeitet sie hart und erträgt alle Schikanen ohne die geringste Gefühlsregung. Nicht nur das, sondern auch der Umstand, dass sie sehr verschlossen ist, bestätigen die anderen Bewohner*innen des Hofs darin, dass Agnes tatsächlich eine kaltblütige Mörderin ist. Dann aber beginnt sie dem jungen Vikar, der sie vor ihrem Tod zu Gott führen soll, ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Auf Grund der engen Wohnverhältnisse hört die gesamte Familie, die Agnes aufnahm, mit. Langsame kommen Zweifel an ihrer Schuld auf, denn einen der beiden getöteten Männer hat Agnes sehr geliebt.
Besonders gut gefiel mir die düstere, trostlose Atmosphäre von „Das Seelenhaus“. Fast kann man die karge isländische Winterlandschaft, die so gut Agnes` Gefühlsleben widerspiegelt, spüren.
Das Hörbuch wird von zwei Personen gelesen. Vera Teltz liest die Passagen, die aus Agnes` Sicht (als Ich-Erzählerin) geschrieben sind. Aus ihrer Stimme wird Agnes` Resignation gut deutlich, was die düstere Wirkung des Textes unterstreicht. Tobias Kleckert liest den restlichen Text, der eine größere Distanz zu den Figuren hat und weitestgehend beschreibend ist.
„Das Seelenhaus“ ist kein klassisches Buch zum Gruseln. Es kommt ohne große Effekte und Schockmomente aus. Trotzdem jagte mir die bedrückende Atmosphäre einen Schauer über den Rücken.

Ebenfalls bedrückend, aber auf eine ganz andere Weise, ist „Kein Teil der Welt“ von Stefanie de Valesco. Hierin geht es um die Jugendliche Esther, die in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas aufwächst. Kurz nach dem Mauerfall zieht sie mit ihren Eltern als Sonderpioniere in den Osten Deutschlands. Ihre beste Freundin Sulamith, mit der sie wie Schwestern aufwuchs muss sie zurück lassen. Durch Andeutungen wird gleich zu Beginn des Buchs klar, dass mit Sulamith etwas schlimmes passiert sein muss. Was genau mit ihr geschah, scheint aber auch Esther nicht wissen. Nur dass es mit Sulamiths Versuch, die Sekte zu verlassen zu tun haben muss, wird schnell klar. Im Verlauf des Buchs wird nicht nur Sulamtihs Schicksal nach und nach enthüllt. Mit jedem Details, das Esther erfährt, stellt sie die Grundsätze der Glaubensgemeinschaft selbst mehr in Frage. Dieser Abnabelungsprozess von den Eltern wird schließlich noch dadurch verstärkt, dass Esther ein Stück Familiengeschichte enthüllt, das bis dahin vor ihr geheim gehalten wurde.
„Kein Teil der Welt“ habe ich unaufgefordert als Rezensionsexemplar zugeschickt bekommen. Lang lag es in meinem Bücherregal, denn so richtig sprach es mich irgendwie nicht an. Coming-of-age ist eigentlich nicht so mein Fall. Dann haben sich in meiner Buchbubble aber die positiven Stimmen zu diesem Buch gemehrt, so dass ich neugierig wurde. Schließlich habe ich „Kein Teil der Welt“ mit Interesse gelesen. Stefanie de Valesco wuchst selbst bei den Zeugen Jehovas auf und gibt daher eine sehr authentischen Einblick in das Leben des Glaubensgemeinschaft. Sie beschreibt, wie die Kinder in der Schule als Sonderlinge ausgegrenzt werden. Wie sie von ihren Eltern vor bestimmten Unterrichtseinheiten, z. B. zur Evolutionslehre, mit Bibelzitaten „geimpft“ werden. Und wie für einen normalen Teenager ganz alltägliche Dinge wie etwa ein Walkman als Teufelszeug gelten. Zusätzlich ist „Kein Teil der Welt“ durch die vielen unterschiedlichen Erzählebenen und vor allem des Geheimnis um Sulamith super spannend. Ich bin froh, dass ich es doch noch zur Hand genommen habe.

„Emma“ von Jane Austen hat hingegen eine sehr leichte, heitere Atmosphäre. Es hat den für Jane Austen typischen ironischen Biss, den ich so mag. Emma ist die jüngste Tochter eines wohlhabenden Hauses. Seit dem Tod der Mutter und der Heirat der Schwester führt sie ihrem Vater den Haushalt. Wie so viele von Jane Austen Figuren möchte auch Emma nicht heiraten, denn sie will ihren Vater nicht verlassen. Was Emma aber sehr gerne und mit viel Aufwand und Ausdauer tut, ist das Stiften von Ehen. Leider besitzt sie dabei nicht allzu viel Geschick und es kommt zu immer neuen Verwechslungen und Verwicklungen. Ich habe mich sehr gut amüsiert. Für mich ist es Jane Austens bester Roman.
Besonderen Reiz hatte „Emma“ für mich, weil ich die tolle Schmuckausgabe des Coppenrath Verlags gewählt hatte. Sie hat nicht nur schöne florale Illustrationen, sondern auch einige Beilagen, wie Briefe und Rezeptkarten, die an den textlich passenden Stellen eingelegt sind. Das ist ein ganz besonderes Leseerlebnis.
Glücklicherweise hat der Verlag auch Jane Austens weitere Romane im gleichen Stil aufgelegt und ich fürchte, die werde ich mir auch noch zulegen müssen.

Einen richtigen Flop hatte ich übrigens auch. Auf Instagram habe ich mich dazu geäußert:

 

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Gestern habe ich „Die Bluse“ von Bastien Vives gelesen und – oh mein Gott! – so ein schlechtes Buch ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. Immerhin: gezeichnet ist die Graphic Novel sehr schön. Die Story, so man denn von einer sprechen möchte, ist aber ziemlich armselig und haarsträubend. Severine bekommt beim Babysitten das Shirt voll gekotzt und von der Mutter eine Bluse geliehen. Mit der wird sie plötzlich und unbegreiflicher Weise ganz anders wahrgenommen. Die Männerwelt ist verrückt nach ihr. Und sie nutzt das aus und stürzt sich in eine unverbindliche Affäre nach der nächsten. Ja, und das war’s dann auch schon. 🤷‍♀️ Wie gesagt: die Zeichnung sind schön, auch die Sexszenen. Aber insgesamt ist es dann doch eher ein Pornocomic. Wieso dieses Teil ausgerechnet im Feminismusregal in der Bücherei stand, ist mir ein echte Rätsel. Vielleicht soll es ein Plädoyer für die sexuelle Freiheit und Gleichberechtigung der Frau sein? #instafeminismus #bookstagram #frauenleserin #graphicnovel #comic #lesen

Ein Beitrag geteilt von Kerstin Herbert (@frauenleserin) am

 

Für das zweite Quartal des Jahres habe ich mir aber erst einmal einen ganz anderen Klassiker aus weiblicher Feder auf die Leseliste gesetzt: „Vom Wind verweht“. Zum Jahresbeginn erschien eine Neuübersetzung, die sehr gelobt wurde. Und da das Buch sowieso schon lange auf der Want-to-Read-Liste ist, ist das doch ein guter Anlass, um es endlich in Angriff zu nehmen.

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