Alle Artikel in: Frauenbloggerin

Kolumnen, Biografien, Meinungen

„Was uns stark macht. Begegnungen mit Patti Smith, Virginie Despentes, Joan Baez, Brigitte Bardot u.a.“ von Annick Cojean

Für die Zeitschrift „Le Monde“ interviewt die Journalistin Annick Cojean regelmäßig bekannte Persönlichkeiten zu ihrem Berufs- und Lebensweg. „Was uns stark macht“ enthält insgesamt 21 dieser Interviews. Einen festen Gesprächsfaden hat Annick Cojean nicht. Nur der Gesprächseinstieg ist immer der gleiche: Sie lässt ihre Interviewpartnerinnen den Satz „Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn …“ vervollständigen – und hört einfach zu. Annick Cojean greift Stichworte auf und fragt interessiert nach Details. Hier und da lenkt sie das Gespräch mit einem sanften Impuls. Sich selbst nimmt sie dabei zurück. Sie drängt nicht und erzwingt nichts und ist trotzdem nicht neutral. Annick Cojean nennt es „die Kunst der Begegnung“. Das wertschätzende Zuhören hat etwas Entwaffnendes. Selbst wer zu Beginn eine eher skeptische Haltung einnahm und ausweichend antwortete, wagt sich schnell aus der Deckung. Allein diese Entwicklungen beobachten, macht „Was uns stark macht“ schon lesenswert. Die Auswahl der Interviewten beschränkt sich auf „Was uns stark macht“ ausschließlich auf Frauen. In ihrem Vorwort schreibt Annick Cojean hierzu: „Weil die Welt der Frauen eine besondere ist und ihr …

Frag mich nicht. Ich bin bloß ein Mädchen.

Neulich erhielt ich eine an sich recht harmlose E-Mail von einem Bekannten, der von einem Treffen der „Mädels des Frauenarbeitskreises“ schrieb. Zunächst war ich über diese Formulierung nur irritiert, dann aber schnell wütend. Dazu muss man wissen, dass es sich bei diesen „Mädels“ nicht um eine Jugendgruppe handelt. Der Altersdurchschnitt liegt deutlich über 50. Die „Mädels des Frauenarbeitskreises“ sind fast ausschließlich Frauen mit einer Menge politischer und ehrenamticher Erfahrung. Erwachsene, gebildete Frauen mit einer klaren eigenen Meinung, für die sie sich auch erfolgreich einsetzen. Der Arbeitskreis ist weder eine Strickrunde noch ein Rezeptetauschzirkel. Er hat z.B. maßgeblich zur Gründung des Frauenhauses beigetragen, für dessen Ausbau und Erhalt er sich bis heute einsetzt. Auch die Schaffung einer städtischen Stelle für eine Frauenbeauftragte geht mit auf das Konto des Arbeitskreises. Und auch in zahlreichen anderen Bereichen setzen sich diese „Mädels“ für eine bessere (städtische) Frauen- und Familienpolitik ein. Trotzdem wird der Frauenarbeitskreis von Männern gutmütig belächelt wie eine Gruppe von Kindern, die Erwachsensein spielen. „Mädels“ braucht man nicht wirklich ernst zu nehmen. „Mädchen“ sind niedlich, brav – …

„Hunger (Die Geschichte meines Körpers)“ von Roxane Gay

Zu Beginn des Jahres machte ich eine Liste mit einigen Backlist Büchern, die ich 2019 endlich lesen möchte. Darunter befand sich auch „Hunger. A Memoire of my Body“ von Roxane Gay. Dass das Buch – genau wie „Bad Feminist“ – vor Kurzem auch in deutscher Sprache erschien, traf sich deshalb sehr gut. In „Hunger. Die Geschichte meines Körpers“ beschreibt Roxane Gay ihr Leben, in einem „widerspenstigen Körper“; einem Körper, den es ihr nicht gelingt, zu „bändigen“, so ihre eigenen Worte. Dabei erzählt sie nicht nur über die Probleme, die mit ihren Körpermaßen einhergehen und den Vorurteilen, vor denen sie immer wieder steht. Sie beschreibt auch, wie es dazu kam, dass sie nicht mehr aufhören konnte, zu essen. Und das in einer unbeschönigten Deutlichkeit, das es an einigen Stellen nur schwer zu ertragen ist. Gays Direktheit und Offenheit sind mehr als beeindruckend; nicht zuletzt weil sie dabei bisweilen mit sich selbst hart ins Gericht geht. In dieser unverhohlenen Erzählweise beschreibt sie, wie sie als Jugendliche von ihrem Freund und dessen Bekannten vergewaltigt wurde. Wie sie sich nicht traute, …

„Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls

Ich glaube, mir ist eine Rezension noch nie so schwer gefallen wie für „Schloss aus Glas“. Mehrmals habe ich damit begonnen und immer wieder habe ich meine Texte gelöscht. Nie wollte es mir gelingen, die ganze Bandbreite an Emotionen und Gedanken, die der autobiografische Roman bei mir auslöste, voll zu erfassen. „Schloss aus Glas“ hat mich – genau wie die Verfilmung – tief bewegt. Mir kommen bei einem Buch nur sehr selten die Tränen; bei „Schloss aus Glas“ war dies der Fall. Dennoch ist es keine rührselige oder „traurige“ Geschichte. Nicht nur und defintiv nicht in erster Linie, denn Jeanette Walls Kindheit, die sie in dem Roman beschreibt, war sehr glücklich. Sie war geprägt von scheinbar grenzenloser Freiheit und Abenteuern. „Schloss aus Glas“ ist die Geschichte einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung. Jeannette Walls beschreibt, wie tief sie von ihrem Vater enttäuscht wurde und wie sie schließlich komplett mit ihm bricht. Aber sie beschreibt auch, wie liebevoll, geduldig und fantasievoll ihr Vater mit ihr umging und wie er immer für sie da war – auf seine Art. Und …

Brauchen wir wirklich eine gendergerechte Sprache?

Die einen würden sie am liebsten abschaffen. Die anderen sähen sie gerne im Duden. Gendergerechte Sprache polarisiert nicht nur; sie ist längst zum ideologischen Thema geworden. Der Verein Deutsche Sprache etwa sorgt sich „um die zunehmenden, durch das Bestreben nach mehr Geschlechtergerechtigkeit motivierten zerstörerischen Eingriffe in die deutsche Sprache“. Er fordert „Schluss mit dem Gender-Unfug!“ und ruft zum „Widerstand“ auf. Mehr als 71.000 Unterschriften hat der Verein bereits gesammelt. Unter den ersten 100 befinden sich immerhin 23 Frauen, u.a. auch namenhafte Autorinnen wie Angelika Klüssendorf und Judith Hermann. Die Argumente sind dabei nicht neu und durchaus zutreffend. So besteht in der deutschen Sprache tatsächlich kein fester Zusammenhang zwischen dem grammatikalischen und dem natürlichen Geschlecht. Und ob die neuen Wortschöpfung nun das eigene sprachliche Ästhetikempfinden stören, muss jede selbst für sich entscheiden. Aber stimmt es wirklich, dass eine gendergerechte Sprache nicht dazu beiträgt, Frauen zu mehr Rechten zu verhelfen? Johanna Usinger und Philipp Müller, die Betreiber der Internetseite „Geschickt Gendern“ sehen das anders. Ihrer Meinung nach beeinflusst Sprache auch das Denken. Daher reiche es nicht aus, Frauen …

„Flügel in Flammen“ von Dagny Juel

Es kommt sehr selten vor, dass ich mich an einen Lyrikband wage. Für „Flügel in Flammen“ habe ich jetzt aber eine ganz seltene Ausnahme gemacht. Allerdings muss ich zugeben, dass es hauptsächlich die Frau dahinter war, der der Übersetzer Lars Brandt im zweiten Teil des Buchs in einem Essay näher zu kommen versucht, die mich dazu bewog. In Deutschland ist die norwegische Schriftstellerin Dagny Juel weitestgehend unbekannt. Das erstaunt nicht nur deshalb, weil sie den Großteil ihres Werks in Deutschland verfasste, sondern auch weil sie eine sehr schillernde Persönlichkeit war, die großen Künstlern wie Edward Munch den Kopf verdrehte. Sie war zugleich die Muse und eine zentrale Person der Berliner Boheme. Um Dagny Juel ranken sich viele Legenden und Mythen. Dies mag auch mit ihrem Tod zu tun haben, denn Juel wurde 1901 mit nur 34 Jahren von einem Anhänger ihres Mannes, einem polnischen Dichter und Satanisten, ermordet. Mit Hilfe ihres Werks, dass im ersten Teil von „Flügel in Flammen“ erstmals komplett in deutscher Sprache veröffentlicht ist, begibt sich Lars Brandt dennoch auf die Suche …

Brauchen wir den Frauentag wirklich als gesetzlichen Feiertag?

Der heutige Weltfrauentag ist etwas besonders. Zum allerersten Mal ist er auch in einem deutschen Bundesland – nämlich Berlin – gesetzlicher Feiertag. Und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem wir in Deutschland 100 Jahre Frauenwahlrecht feiern. Endlich am Ziel! Also herrscht künftig am 8. März allgemeine Partystimmung und es regnet rote Rosen für alle Frauen?! Schon gegen die Tradition, Frauen am 8. März eine Rose (alternativ auch eine Nelke) zu schenken, habe ich eine regelrechte Allergie entwickelt. Auf mich wirkt diese Geste überhaupt nicht respektvoll, wie sie wohl eigentlich gemeint ist,  sondern beschwichtigend, fast schon herablassend. Ich kann mir einfach nicht helfen. Mir kommt dabei immer ein Kind in den Sinn, dem man einen Keks in die Hand drückt, damit sich „die Großen“ noch etwas weiter ungestört unterhalten können. Die Einführung eines gesetzlichen Feiertags potenziert diese Wirkung um ein Vielfaches. Dabei war das ursprüngliche Ziel des Frauentags ein ganz anderes. Es sollte ein Tag sein, an dem Frauen laut sind, auf die Straße gehen und für ihre Rechte kämpfen. Ein Frauenkampftag. Als solcher wurde …

Elisabeth Selbert – Mutter des Grundgesetzes

Während meines Besuchs der Ausstellung „Damenwahl“ im Historischen Museum in Frankfurt (Main) hatte ich auch Gelegenheit, Susanne Selbert kennenzulernen. Die SPD-Politikerin erzählte von ihrer berühmten Großmutter Elisabeth Selbert, die – zusammen mit drei weiteren Frauen – als „Mutter des Grundgesetzes“ gilt. Durch ihren Vortrag konnte ich einige spannende Details über Elisabeth Selberts Lebensweg erfahren. Den Titel „Mutter des Grundgesetzes“ bekam Elisabeth Selbert, weil sie eine der vier Frauen war, die zusammen mit 61 (!) Männern 1948 Mitglied des Parlamentarischen Rates war. Dieser erstellte des Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das – wenn auch wiederholt aktualisiert – noch heute gilt. Besondere Anerkennung findet vor allem ihr Einsatz für die Aufnahme der Gleichberechtigung von Mann und Frau in den Grundrechteteil des Grundgesetzes. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Artikel 3 des Grundgesetzes Ursprünglich sollte dieser Artikel lauten: „Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerrechtlichen Rechte und Pflichten.“ Elisabeth Selbert ging diese Formulierung aber nicht weit genug. Zwar hätte sie den Frauen das (aktive und passive) Wahlrecht gesichert, sich aber nicht auf den Bereich des Familienrechts ausgewirkt. In zähen Verhandlungen …