Frauenbloggerin
Kommentare 1

Interview mit Leena vom Blog „Frauenfiguren“

Beim gelangweilten Surfen im Internet bin ich vor ein paar Wochen auf einen sehr interessanten Blog gestoßen. „Frauenfiguren“ beschäftigt sich mit „Frauen in Geschichten und Geschichte“. Leena stellt (fiktive und reale) weibliche Biografien vor. Dank ihr konnte ich eine Menge spannender Frauen entdecken und kennenlernen, die mir bis dato noch nicht bekannt waren. Zu meiner großen Freude hat sich Leena zu einem (schriftlichen) Interview bereit erklärt.

Ich freue mich sehr, dass das geklappt hat. Zum Aufwärmen starten wir am besten mit ein paar leichteren Fragen. Neben dem Interesse an weiblichen Biografien verbindet uns, wie ich auf dem Blog gelesen hab, noch etwas anderes; nämlich die Vorliebe für Horrorfilme.

Was macht für dich einen guten Horrorfilm aus?

Im Prinzip die gleichen Faktoren, die bei anderen Filmen die Qualität für mich ausmachen: Nimmt mich der Film emotional mit? Dieses Mitgenommen-Sein kann unterschiedlich ausfallen, ich kann mich einfach unterhalten fühlen, vielleicht etwas zu lachen haben, mich in Angst versetzt fühlen, die im besten Fall über die Dauer des Films hinaus nachwirkt, oder mich vom Film vor ethische, moralische oder psychologische Fragen gestellt sehen. Dem Horrorfilm eigen ist natürlich, dass er sich hauptsächlich an die unangenehmen Gefühle wendet, Schmerzen und Angst. Es ist eine natürliche Neigung des Menschen, diese eigentlich zu meiden, aber es gibt den Begriff der Angstlust, der so auch zum Beispiel beim Achterbahnfahren von Bedeutung ist. Das mache ich auch gerne und meine Gefühlsreaktionen sind sehr ähnlich: Während die Spannung aufgebaut wird, denke ich immer „Warum tust Du Dir das an?!“ Aber hinterher ist der Adrenalinrausch in einem sicheren Rahmen eben ein belebendes Gefühl.

Perfekt ist es dann, wenn ein Film mich auch noch einlädt zu einer Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner Umwelt, ob so gewollt oder nicht. Da haben Horrorfilme gerade wegen ihrer unangenehmen Thematik meines Erachtens großes Potential: Warum macht mir das Gesehene Angst? An welche meiner Schwächen, meiner Fantasien rührt es? Und was sagt mir der Film über die Gesellschaft, in der er entstanden ist? Da können an unerwarteten Stellen interessante Beobachtungen herauskommen.

Was war bzw. ist deine Motivation für „Frauenfiguren“?

Darauf gibt es zwei Antworten, zum theoretischen und zum praktischen Aspekt.

Der praktische Aspekt ist folgender: Ich wollte und will immer schreiben. In meiner beruflichen Laufbahn hatte ich das bis vor kurzem jedoch gemieden, die Gründe tun hier nicht so viel zur Sache. Ich hatte zwischen meinem Studienabschluss 2003 und dem Anfang von „Frauenfiguren“ jedenfalls unterschiedliche Versuche gemacht, trotz mangelnder Zeit und Anstöße von außen „dranzubleiben“. Ein erstes persönliches Blog war völlig gerechtfertigt untergegangen, ein Filmtagebuch in einem Forum hatte sich als zu großer Stressfaktor entpuppt. 2011 entging ich knapp einem Burnout und hatte das Glück, schnell eine berufliche Veränderung zu schaffen. Mit etwas mehr Zeit und therapeutisch veränderten Perspektiven hatte ich dann die Idee und auch die Möglichkeit, das Blog zu starten. Das öffentliche Schreiben zu einem bestimmten Thema, vor allem in der regelmäßigen Form eines Kalenders, ergab das genau richtige Maß an innerem und äußerem Erwartungsdruck. Ich habe mir damit einen Grund und einen Themenrahmen für mein Schreiben geschaffen.

Der theoretische Aspekt ist der, den auch Bücher wie Goodnight Stories for Rebel Girls verfolgen. Frauen* sind in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens unterrepräsentiert, oder auf Bereiche beschränkt, die als typisch gelten. Dabei haben Frauen, oft entgegen größeren Widerständen als Männer*, auch Großes geschafft, manchmal auch Schreckliches getan. Mir geht es dabei vor allem darum, den gegenderten Klischees und Vorurteilen die Vielseitigkeit von Frauen* entgegenzuhalten und das grundsätzliche Mensch-Sein unabhängig vom Geschlecht zu betonen.

Die Idee hatte ich genau gesagt bei der Sichtung von „20.000 Meilen unter dem Meer“, einem Film, in dem keine einzige Frau mitspielt (an die sich die Zuschauer erinnern müssten), aber dennoch beständig von „she“ und „her“ („sie“ und „ihr“) die Rede ist – weil das Schiffweiblich ist. Das wäre immer noch eigentlich ein interessanter Text.

Wo findest du Inspirationen? Welche Quellen benutzt du für deine Recherchen?

 Ich muss gestehen, dass ich es mir da recht leicht mache. Da das Blog schon immer eigentlich ein Hobby war, das mich zwischen Beruf und Familie erfreuen und nicht stressen soll, gehe ich sehr einfach vor: Ich schlage das Tagesdatum auf Wikipedia nach und durchsuche die Liste der an diesem Tag Geborenen. Das geht mit moderner Technik sehr schön: Über die Suchfunktion das Suffix „in“ markieren – damit ist die weibliche Endung hervorgehoben. Da tauchen dann natürlich alle möglichen Frauen auf, ein Motto für das Jahr hilft mir bei der Eingrenzung. Ich erstelle eine Liste aller Frauen der Woche und gehe dann ehrlich gesagt nach Lust, Laune und Zeit. Manchmal kommt es vor, dass die Auswahl sehr gering ist, manchmal weiß ich schon bei der dritten Frau, die mir begegnet: Über die will ich schreiben. Das selbstbestimmte Format des Blogs ist mir da sehr lieb, weil ich keiner anderen Redaktion als meinem eigenen Bedürfnis und Vermögen etwas schuldig bin.

Neben Wikipedia ist Google meine Freundin; dabei ist leider oft bemerkenswert, was es alles nicht zu finden gibt. Wenn ich sonst nichts anderes tun müsste, um Geld zu verdienen, würde ich mich zu gerne in echte Bibliotheken stürzen und auf dem Blog die Dinge erzählen, die bisher im Internet nicht zu finden sind. So kann ich im Augenblick leider nur etwas wie einen kleinen Knotenpunkt darstellen und neben dem Wikipedia-Eintrag vielleicht hier und dort auf andere Quellen und Informationen verweisen.

(Genau aus diesem Grund schmerzt mich übrigens auch der inzwischen bekannte Sexismus hinter den Kulissen von Wikipedia. Ich habe schon überlegt, ob ich mich da stärker engagieren soll, aber das wäre eine Entscheidung gegen das Blog, unter meinen jetzigen Lebensumständen.)

Welche weibliche/n Biografie/n findest du besonders beeindruckend?

Grundsätzlich beeindrucken mich natürlich die Frauen*, denen es besonders schwer gemacht wurde und die unter den schwierigsten Voraussetzungen ihren eigenen Weg gingen. Das sind oft die Frauen*, die nicht nur aufgrund ihres Geschlechts, sondern auch ihrer Religion, ihrer Hautfarbe oder ihrer sexuellen Orientierung marginalisiert wurden, oder die in Regionen der Welt aufwuchsen, die weniger privilegiert sind als Europa und Nordamerika.

Ich will nicht sagen, dass ich alle „meine Frauen*“ gleichermaßen beeindruckend finde, aber während ich über eine schreibe, kommt es oft vor, dass ich mich sozusagen in sie verliebe. Dabei kann mich eine Frau* auch beeindrucken, ohne dass ich ihr moralisch zustimme – manchmal liegt genau im Zwiespalt die Faszination. Es kann dann ihre Aufrichtigkeit, ihre Prinzipientreue oder Konsequenz sein, die ich bemerkenswert finde, und es kann knifflig werden, Anerkennung von Bewunderung zu trennen.

Wenn ich mich jetzt auf eine oder ein paar festlege, denke ich mit Sicherheit beim nächsten Mal, wenn ich zurückblicke, mit Schrecken daran, wen ich hier jetzt vergessen habe.

Eine, die mir immer zuerst einfällt, ist Clara Immerwahr, eine junge Chemikerin, Jüdin in Deutschen Reich vor dem Ersten Weltkrieg. Sie heiratete einen Mann, der sie ins Haus verbannte und in seinem Labor Giftgas zur Ermordung tausender Soldaten im Ersten Weltkrieg entwickelte. Nach dem ersten Einsatz seiner Erfindung schoss sie sich selbst auf dem Rasen vor dem Haus ins Herz. Für mich spielt die Gewichtung zwischen persönlicher Frustration und moralischer Entrüstung als Motiv für den Selbsmord keine Rolle, mich beeindruckt die innere Kraft, die nötig ist, aus einer so persönlichen Handlung ein so deutliches Statement zu machen.

Mit welcher Frau (tot, lebend oder fiktiv) würdest du gerne einmal zu Abendessen und worüber würdest du dich mit ihr unterhalten?

Ebenso wie mit den beeindruckenden Biografien fällt es mir schwer, mich dabei auf eine festzulegen – mit so vielen „meiner Frauen*“ würde ich mich sehr gerne einmal austauschen, oder ihnen auch einfach nur beim Erzählen zuhören.

Für einen interessanten Austausch zu einem Thema, in dem ich auch eine gewisse Expertise mitbringe, würde ich wohl am ehesten Laura Mulvey wählen, die den Begriff des male gazeim Film geprägt hat. Mit ihr ließe sich auch das Thema Horrorfilme sicher tiefschürfend erörtern.

Hast du einen Buchtipp zu einer spannenden weiblichen Biografie?

Ich lese zurzeit leider sehr wenig, und grundsätzlich vorzugsweise Fiktion. Aber ich könnte behaupten, einen Grundstein für die Idee zu dem Blog gelegt hat schon in meiner Pubertät das Buch „Briefe an meine Tochter“ von Martha Jane Cannary Burke, besser bekannt als Calamity Jane. Es ist weniger eine Biografie als eine einseitige Korrespondenz mit einem Kind, das sie nicht selbst großziehen konnte. Bevor ich das Buch las, kannte ich sie nur als die witzige Figur aus dem Lucky-Luke-Heft. Aus ihren Briefen habe ich einiges über sie als Person, aber auch über die Zeit und Gesellschaft erfahren, in der sie lebte.

„Seit Anfang des Jahres bloggst du auch für „Filmlöwin“.

Wodurch unterscheidet sich die Arbeit für „Frauenfiguren“ von der für „Filmlöwin“?

Sophie Charlotte Rieger hat die Filmlöwin von vorneherein wesentlich professioneller aufgezogen als ich mein Blog. Ihr Anspruch ist es, das feministische Filmmagazin zu sein, das in der deutschen Filmkritik-Landschaft im Übrigen dringend benötigt wurde. Sie hat das bewundernswert lange alleine geschafft. Jetzt als Teil des „Rudels“ zu schreiben, ist für mich ehrenamtliche Arbeit. Für die Filmlöwin schreibe ich eine klare Textform, nämlich Filmrezensionen, in den Formaten, wie Sophie sie schon vorher eingeführt hat. Sie ist die namentlich Verantwortliche und die Seite ist ihr „Baby“, dementsprechend ist es selbstverständlich, dass sie auch lektoriert und ich meine Texte ihren Ansprüchen entsprechend schreibe. Gleichzeitig bekomme ich dafür Gelegenheit, mich professionell mit meiner anderen Leidenschaft, dem Film, auseinanderzusetzen.

In meinem Blog bin ich allein verantwortlich und es ist im Prinzip noch immer ein Hobby, auch wenn ich es inzwischen als unbezahlte Kulturarbeit verstehe. Ich muss mich selbst motivieren und disziplinieren, aber ich habe auch die Freiheit, mal einen Blogbeitrag ganz anders zu gestalten, eine Frau* zum Anlass zu nehmen, über irgendein Thema zu referieren, oder aus dem Nähkästchen zu plaudern. Zum Vorteil oder zum Nachteil der Texte bin ich meine eigene Lektorin und Redakteurin.

… Fortsetzung auf Seite 2

1 Kommentare

  1. Pingback: Die Frauenleserin fragt – frauenfiguren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.