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Brauchen wir wirklich eine gendergerechte Sprache?

Die einen würden sie am liebsten abschaffen. Die anderen sähen sie gerne im Duden. Gendergerechte Sprache polarisiert nicht nur; sie ist längst zum ideologischen Thema geworden.

Der Verein Deutsche Sprache etwa sorgt sich „um die zunehmenden, durch das Bestreben nach mehr Geschlechtergerechtigkeit motivierten zerstörerischen Eingriffe in die deutsche Sprache“. Er fordert „Schluss mit dem Gender-Unfug!“ und ruft zum „Widerstand“ auf. Mehr als 71.000 Unterschriften hat der Verein bereits gesammelt. Unter den ersten 100 befinden sich immerhin 23 Frauen, u.a. auch namenhafte Autorinnen wie Angelika Klüssendorf und Judith Hermann. Die Argumente sind dabei nicht neu und durchaus zutreffend. So besteht in der deutschen Sprache tatsächlich kein fester Zusammenhang zwischen dem grammatikalischen und dem natürlichen Geschlecht. Und ob die neuen Wortschöpfung nun das eigene sprachliche Ästhetikempfinden stören, muss jede selbst für sich entscheiden.

Aber stimmt es wirklich, dass eine gendergerechte Sprache nicht dazu beiträgt, Frauen zu mehr Rechten zu verhelfen?

Johanna Usinger und Philipp Müller, die Betreiber der Internetseite „Geschickt Gendern“ sehen das anders. Ihrer Meinung nach beeinflusst Sprache auch das Denken. Daher reiche es nicht aus, Frauen einfach nur mitzumeinen, ohne sie auch konkret zu nennen. Nur so ließen sich stereotypische Rollenbilder aufbrechen.

Und die haben wir alle mehr oder weniger unbewusst im Kopf. Am deutlichsten wird dies, wenn es um Berufsbezeichnungen geht. Bei Feuerwehrleuten, Piloten oder Automechanikern haben wir beispielsweise sofort Männer im Kopf, wohingegen wir bei Erziehern, Sprechstundenhilfen oder Reinigungs- und Pflegekräften an Frauen denken.

Noch deutlicher wird der Effekt beim Begriff „Sekretär“ bzw. „Sekretärin“. Unter einem Sekretär kommt mir zuerst ein Parteisekretär in den Sinn – also einen Mann mit einem gewissen Ansehen und Einfluss. Wenn dagegen von einer Sekretärin die Rede ist, denke ich an eine Chefsekretärin – also eine Art Assistentin, die im Hintergrund unterstützt. Bis vor Kurzem fanden sich diese beiden Worte mit genau diesen Erklärungen übrigens auch noch im Duden wieder.

Oder versucht doch einmal das generische Femininum. Dabei gerät man ganz schnell ins Schmunzeln, weil eben vieles so ungewohnt und irritierend ist.

Genau diese Denkfallen werden aufgebrochen, wenn man ganz bewusst beide Geschlechter nennt. Dann nämlich entstehen bei uns erst gar keine Stereotypen im Kopf, die unsere Vorstellungskraft und Weltsicht beschränken. Und je „normaler“ beispielsweise weibliche Taxifahrerin oder männliche Erzieher in unserem Denken werden, umso leichter lassen sie sich auch in der Realität etablieren.

Dies haben auch antifeministische Parteien wie die AfD längst erkannt und benutzt es als Argument gegen die Gendersprache. In dem Versuch, deutlich zu machen, dass Geschlecht ein soziales Konstrukt ist, sieht die AfD einen „Anschlag auf die Rede- und Meinungsfreiheit„. Da wundert es kaum, dass die Bundes-AfD den Aufruf des Vereins Deutsche Sprache unterstützt.

Im hessischen Landtag beantragte sie sogar, die Gendersprache in der öffentlichen Verwaltung wieder abzuschaffen. Und auch hierbei werden Argumente so lange verdreht, bis sie nicht mehr für sondern gegen gendergerechte Ausdrucksweisen sprechen. So verweist die hessische AfD in ihrem Antrag beispielsweise auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass in der Beschränkung auf zwei Geschlechtsoptionen einen Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht sieht. Dass die Konsequenz dieses Urteils war, dass beispielsweise im Geburtsregister nun auch „ohne Angaben“ eingetragen werden kann und Stellenanzeigen immer öfter den Zusatz (m/w/d) enthalten – es also zu mehr und nicht weniger Diversität führte -, wird hierbei ignoriert.

Was mich jedoch tatsächlich zum Nachdenken brachte, ist der Hinweis, dass gendergerechte Sprache noch nicht konsequent umgesetzt wird. Ich habe wirklich noch nie den Ausdruck „Bürgerinnen- und Bürgermeister*in“ gehört. Aber auch das wird sich ja vielleicht noch ändern. Schließlich unterliegt Sprache einem ständigen Wandel. Das Deutsch von Goethe und Schiller, dass sich die Gegner der gendergerechten Sprache angeblich zurückwünschen, ist schon lange nicht mehr das Deutsch, das wir – nicht einmal die ewiggestrigen Sprachnostalgikerinnen – heute sprechen und schreiben. Ob nun mit oder Sternchen.

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