Biografie, Rezension
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„Flügel in Flammen“ von Dagny Juel

Es kommt sehr selten vor, dass ich mich an einen Lyrikband wage. Für „Flügel in Flammen“ habe ich jetzt aber eine ganz seltene Ausnahme gemacht. Allerdings muss ich zugeben, dass es hauptsächlich die Frau dahinter war, der der Übersetzer Lars Brandt im zweiten Teil des Buchs in einem Essay näher zu kommen versucht, die mich dazu bewog.

In Deutschland ist die norwegische Schriftstellerin Dagny Juel weitestgehend unbekannt. Das erstaunt nicht nur deshalb, weil sie den Großteil ihres Werks in Deutschland verfasste, sondern auch weil sie eine sehr schillernde Persönlichkeit war, die großen Künstlern wie Edward Munch den Kopf verdrehte. Sie war zugleich die Muse und eine zentrale Person der Berliner Boheme. Um Dagny Juel ranken sich viele Legenden und Mythen. Dies mag auch mit ihrem Tod zu tun haben, denn Juel wurde 1901 mit nur 34 Jahren von einem Anhänger ihres Mannes, einem polnischen Dichter und Satanisten, ermordet.

Mit Hilfe ihres Werks, dass im ersten Teil von „Flügel in Flammen“ erstmals komplett in deutscher Sprache veröffentlicht ist, begibt sich Lars Brandt dennoch auf die Suche nach der „wahren“ Dagny Juel.

„Im Zentrum von allem steht für Juel die Leidenschaft, deren Ungebändigtheit durch jegliche Fesseln von Sitte und Moral ihr die Macht verleiht. Anders als im herrschenden gesellschaftlichen Konzept der Zeit vorgesehen, überließ Juel die Sexualität nicht dem Mann, sie sah in ihr eine zentrale Kraft, was sich in ihrem Leben niederschlug wie in ihrem Werk.“ – aus: „Flügel im Flammen“ (Seite 134)

Der überwiegende Teil von Dagny Juels Werken handelt von Dreiecksbeziehungen. Dabei ist es meistens eine Frau, die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss. Diese lässt sich immer von ihrer Leidenschaft leiten und befreit sich von allen gesellschaftlichen Konventionen. Bei Juel sind die Frauen nicht rein passiv, sondern nehmen sich, was sie wollen. Und das ohne jegliche Skrupel oder Rücksicht auf Verluste. Nicht selten gehen sie dabei sogar über Leichen. Juel präsentiert damit ein emanzipiertes Frauenbild jenseits der lieblichen Unschuld, die Frau in jener Zeit sonst zugeschrieben wurde.

Auch Juel selbst galt als Femme Fatale. Im Umgang mit Männern zeigte sie sich nur wenig damenhaft. Laut, trinkfest und dennoch sinnlich soll sie gewesen sein. Eine Mischung, die fast keinen Mann der Berliner Boheme ganz kalt ließ.

Trotz aller Leidenschaft hängt auch etwas düsteres über Juels Werk. Tod und Verfall sind weitere zentrale Motive. Juel lotet die gesamte Spanne menschlicher Gefühle aus. Das Innenleben ihrer Figuren steht immer im Vordergrund. Selbst ihre Dramen bleiben sehr statisch und auf die Gefühle der Protagonisten gerichtet. Gleichzeitig sind Juels Texte aber auch sehr komprimiert. Sie sind eingekocht. Essenz. Gefühlsessenz. Dies verstärkt ihre Wirkung und macht die Lektüre sehr intensiv.

Interessanter Weise sah sich Juel selbst dennoch nicht als ernsthafte Schriftstellerin. Sie setzte sich zwar sehr für die Karriere ihres Mannes und ihrer männlichen Künstlerfreunde ein. Eine eigene Karriere forcierte sie aber nie. Hier zeigte sich Juel mit einem sehr tradierten, klassischen Rollenverständnis.

Grelle Leidenschaft und finsterer Tod. Unmoralische Frauen mit tradiertem Rollenverständnis. Es müssen wohl diese extremen Widersprüchlichkeiten gewesen, die die Faszination an Dagny Juel ausmachten. So ganz greifbar wurde sie für mich aber auch durch Brandts Essay nicht.

Er enthält kaum Lebensdaten über Dagny Juel. Gerade einmal das Geburtsjahr (1867) und das Todesjahr (1901) erfährt man daraus. Über ihren familiären Hintergrund weiß Brandt nur zu berichten, dass Juel aus einer wohlhabenden Mittelschicht stammte und eine Ausbildung zur Pianistin machte, die sich schließlich auch nach Berlin führte. Über ihre dortigen Lebensverhältnisse enthält der Essay nichts. Auch wie Juel ihren Mann kennenlernte, bleibt ebenso offen, wie ihr Verhältnis zu ihren Eltern und Geschwistern. (Es dürfte wohl nicht besonders gut gewesen sein; schließlich wählte Juel die Armut eines Künstlerlebens anstatt den sicheren, geordneten und wohlhabenden Verhältnissen, aus denen sie stammte.) Immerhin schildert Brandt die zerrütteten Eheverhältnisse, in denen Juel lebte und die beiden gemeinsamen Kinder erzog. Den Schleier der Mystifizierung konnte er aber  trotzdem nicht vollständig lüften.

Dies aber wird man ihm kaum ankreiden können. Außer ihren Gedichten hat Dagny Juel wenig hinterlassen. Auch private briefliche Korrespondenz, die Juel sicherlich unterhielt, ist nicht viel erhalten. So bleiben nur die Erinnerungen ihrer Künstlerfreunde aus den Berliner Jahren. Diese beziehen sich aber mehr auf Dagny Juels Ausstrahlung, ihr so unkonventionelles Wesen. „Harte“ Fakten gibt es daher kaum.

Zudem lässt sich der Essay auch nicht besonders gut lesen. Die Sätze gehen meist über mehrere Zeilen. Zudem hat er einen sehr wissenschaftlichen, nüchternen Ton.

Trotzdem habe ich es nicht bereut, mich endlich einmal wieder an einen Gedichtband gewagt zu haben. Vielleicht werde ich das so in absehbarer Zeit wiederholen.

Dagny Juels Werke:      ♥♥♥♥ Buchtipp
Lars Brandts Essay:      ♥♥♥ lesbar

Flügel in Flammen • Dagny Juel / Lars Brandt • Weidle Verlag • broschiert • 171 Seiten • ISBN: 978-3-938803-91-2 • 20,-€

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