Frauenleserin, Rezension
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„Und Marx stand still in Darwins Garten“ von Ilona Jerger

Vor 160 Jahren erschien Charles Darwins „Von der Entstehung der Arten“. Das Buch sollte den Blick auf die Welt für immer verändern und Darwin den Ärger der christlichen Kirche einbringen. Nur 8 Jahre später veröffentliche Karl Marx mit „Das Kapital. Band 1“ ein nicht minder revolutionäres Werk, das hart mit Kirche und Gesellschaft zu Gericht ging. Aber die beiden großen Denker waren nicht nur Zeitgenossen. Ihre letzten Lebensabschnitte verbrachten Darwin und Marx in London. Dort trennten sie gerade einmal 20 Meilen. Trotzdem sind sie sich nie begegnet. In ihrem Debütroman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ beschreibt Ilona Jerger die letzten Jahre der beiden und lässt sie schließlich bei einem Dinner aufeinandertreffen.

Ilona Jerger stellt die beiden großen Denker so herrlich schrullig und liebenswert dar, dass man meint, mit ihnen im Arbeitszimmer vor dem Kamin gesessen oder gemeinsam eine ihrer berühmten Denkerrunden gedreht zu haben. Die Lebendigkeit der Figuren kommt nicht von ungefähr. Ilona Jerger wälzte zahlreiche Briefe, Tagebucheinträge und Notizen von Darwin und Marx. So war es ihr möglich, deren Ausdrucksweise, Sorgen, Ängste und Gedankengänge authentisch wiederzugeben. Ein klein Wenig merkt man es „Und Marx steht in Darwins Garten“ an, dass Ilona Jerger vor allem Darwin-Kennerin ist. Doch auch wenn dieser etwas stärker im Fokus steht, wird Marx ebenfalls sehr lebendig dargestellt.

Als Bindeglied zwischen den beiden historischen Figuren dient Ilona Jerger der gemeinsame Hausarzt Dr. Beckett. Auch diese fiktive Figur hat reale Vorbilder. Dr. Beckett ist ganz Kind seiner Zeit. Nicht nur ist er Anhänger der Aufklärung. Er vertritt auch einen für die damalige Zeit sehr modernen ganzheitlichen Gesundheitsansatz, in dem er neben den körperlichen Symptomen auch psychische Ursachen einbezieht. Hierzu führt er nicht nur Gespräche mit seinen Patienten, sondern auch mit den Personen in deren unmittelbarem Umfeld. Auf diese Weise gelingt es Ilona Jerger viele historische Tatsachen, wie beispielsweise Marx´ unehelichen Sohn, und Gedankenkonzepte sowie Thesen stimmig in die Handlung einzubetten.

Eine Art Gegenpart zu diesen eher schwer verdaulichen Themen bilden die leichte Hypochondrie von Marx und Darwins Eigenwilligkeit bzw. Altersstarrsinn. Diese Eigenschaften führen immer wieder zu liebenswerten Szenen, bei denen man sich ein Schmunzeln nicht verkneifen kann. So gelingt es Ilona Jerger, große Konzepte mit einer Prise Humor in alltägliche Begebenheiten zu verpacken.

Etwas enttäuscht war ich hingegen von der Darstellung der Ehefrauen. Dass diese eher blass und im Hintergrund bleiben, lässt sich noch mit den Geschlechterrollen des 18. Jahrhunderts erklären. Insofern wirkt deren Darstellung insgesamt passend. Dass Darwins Ehefrau aber ausgerechnet während des gemeinsamen Dinners von Marx und Darwin in den Mittelpunkt rückt und als uninformiertes Dummchen mit fehlender Sensibilität für den eigentlichen Witz der Szene sorgt, störte mich dann doch. Und das lag nicht nur an der enttäuschenden Frauendarstellung. Frau Darwin dominiert die Szene so stark, dass die eigentliche Begegnung zwischen Darwin und Marx, auf die die gesamte Erzählung in den ersten zwei Dritteln zulief, schließlich nur peripher anklingt. Die direkte Unterhaltung zwischen den beiden fällt recht kurz aus und bleibt inhaltlich sehr an der Oberfläche. Hier hätte man definitiv mehr daraus machen können. Schade.

Aber auch so ist „Und Marx stand still in Darwins Garten“ ein ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Roman, den ich sehr gerne gelesen habe. Ilona Jerger vermischt Fakten und Fiktion zu einer sehr kurzweiligen, anregenden und intelligenten Erzählung.

♥♥♥♥ Buchtipp

 

Und Marx stand still in Darwins Garten • Ilona Jerger • Ullstein Buchverlage • Hardcover / Klappbroschur / eBook • 288 Seiten • ISBN: 9783550081897(Hardcover) / 9783548290614 (Klappbroschur)/ 9783843715829(eBook)• 20,-€ (Hardcover) / 11,-€ (Klappbroschur / 8,99 € (eBook) • Leseprobe:>>klick<< 

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