Frauenzählerin
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Wie weiblich sind die deutschen Literaturpreise?

Mit dem Deutschen Buchpreis ist heute einer der wichtigsten deutschen Literaturpreise verliehen worden. Der Gewinnertitel sowie die Nominierten der Long- und Shortlist sind und werden ausführlich besprochen. Nicht nur der Deutsche Buchpreis, sondern Literaturpreise im Allgemeinen garantieren den honorierten Werken und dessen Autor*innen öffentliche Aufmerksamkeit. Damit tragen Literaturpreise stark zur Sichtbarkeit von Autorinnen bei. Mich hat daher interessiert, wie weiblich deutsche Literaturpreise tatsächlich sind. Also habe ich ein bisschen gezählt und gerechnet. Unterm Strich kam ich zu dem Ergebnis, dass die deutschen Literaturpreise im Trend zwar weiblicher werden; ausgewogene Verhältnisse insgesamt aber noch immer in weiter Ferne sind.

Zählt man alle Genre-, Debüt-, Blogger- und sonstigen „Spezial“-Preise mit, werden in Deutschland insgesamt über 350 Literaturpreise vergeben. (Auf Wikipedia gibt es dazu eine Übersicht.) Da ich als Freizeitbloggerin aber nicht mit diesen Arbeiten wollte, liegt meiner Auswertung die deutlich kleiner Liste der Literaturpreisgewinner 2019 auf Literaturpreisgewinner.dezu Grunde. Hier werden knapp 60 Literaturpreise aufgeführt, wobei die wesentlichen alle erfasst sind müssten. Davon gingen erfreuliche 64% in der Hauptkategorie an Autorinnen. (Wow!) Aber wie so oft steckt der Teufel leider auch hier im Detail.

Von den Preisträger*innen der fünf wichtigsten deutschen Literaturpreise war in den vergangenen 15 Jahren nur jede fünfte eine Frau.

Bei den meisten Literaturpreisen handelt es sich um regionale und eher unbekannte Auszeichnungen, deren Preisträger*innen nur mäßiges Interesse erfahren. Die meiste Resonanz finden wohl der Ingeborg-Bachmann-Preis, der Deutsche Buchpreis, der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, der Georg-Büchner-Preis und der Preis der Leipziger Buchmesse.

Hier liegt der Frauenanteil in diesem Jahr insgesamt bei 40%. Dies entspricht ungefähr dem Gesamtwert der letzten 15 Jahre (37%). Die wichtigsten deutschen Literaturpreise werden also noch immer häufiger an Männer vergeben. Betrachtet man alle Honorierten seit Einführung der jeweiligen Literaturpreise fällt das Ergebnis noch viel deprimierender aus. Insgesamt ging nur jede fünfte Auszeichnung an eine Autorin. Dass sich im Vergleich zumindest ein positiver Trend abzeichnet, ist da nur ein schwacher Trost. Um auf eine ausgeglichene Gesamtbilanz zu gelangen, braucht es noch eine ganze Menge Preisträgerinnen.

Je älter die Literaturpreise sind, umso geringer fällt der Frauenanteil unter den Honorierten aus.

Die positive Tendenz bestätigt sich auch im Vergleich der Frauenanteile der fünf Literaturpreise untereinander. Je älter die Literaturpreise sind, umso geringer fällt der Frauenanteil unter den Honorierten aus.

Die ältesten der fünf Literaturpreise sind der Georg-Büchner-Preis und der Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Beide werden seit 1950 vergeben und haben einen Gesamtfrauenanteil von ungefähr 15%. Immerhin ging der Georg-Büchner-Preis schon 1955 zum ersten Mal an eine Frau (Marie Luise Kaschnitz), wohingegen die Frauen bis 1965 warten musste, bevor Nelly Sachs als erster Frau der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde. Mit 42% deutlich besser fällt da schon der Gesamtfrauenanteil des Ingeborg-Bachmann-Preises aus. Er wird seit 1977 verliehen und hatte 1983 mit Friederike Roth die erste Preisträgerin. Auch der Deutsche Buchpreis setzt diese Trendreihe fort. Er wird erst seit 15 Jahren vergeben und ist damit – zusammen mit dem Preis der Leipziger Buchmesse – der jüngste der fünf Literaturpreise. Sein Frauenanteil liegt bei 47% und ging schon im zweiten Jahr an Katharina Hacker. Einzig der Preis der Leipziger Buchmesse passt nicht so recht ins Bild. Mit 33% liegt sein Frauenanteil noch unter dem deutlich älteren Ingeborg-Bachmann-Preis. Dabei hatte er einen sehr vielversprechenden Start, denn gleich im ersten Jahr wurde mit Terezia Mora eine Frau ausgezeichnet.

Aber auch die älteren dieser fünf wichtigsten Literaturpreise wurden in den letzten 15 Jahren weiblicher.

Aber auch die älteren dieser fünf wichtigsten Literaturpreise wurden in den letzten 15 Jahren weiblicher. So schafften es sowohl der Georg-Büchner-Preis als auch der Friedenspreis des deutschen Buchhandels von 2005 bis 2019 immerhin auf einen Frauenanteil von jeweils 27%. Der Ingeborg-Bachmann-Preis knackte in den letzten 15 Jahren sogar die 50%-Hürde und überholte damit noch den Deutschen Buchpreis.

Dabei konnte der Georg-Büchner-Preis den meisten prozentualen Zuwachs verzeichnen. Im Vergleich des Frauenanteils seit der ersten Preisverleihung mit dem der letzten 15 Jahre ergibt sich eine Steigerung am 13%. Die Frauenanteile der Preisträger*innen des Friedenspreises des deutschen Buchhandels und des Ingeborg-Bachmann-Preises erhöhten sich demgegenüber nur um jeweils 11%. Dennoch bleibt der Georg-Büchner-Preis auch im 15-Jahres-Vergleich (zusammen mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels) das Schlusslicht. Von einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis sind die beiden Literaturpreise noch immer weit entfernt.

Hinweis: Der Preis der Leipziger Buchmesse und der Deutsche Buchpreis werden erst seit 2005 vergeben, so dass ein entsprechender Zeitvergleich hier nicht möglich ist.

Fazit:

Abschließend lassen sich zwei Dinge feststellen:

  1. Der Frauenanteil der (fünf wichtigsten) deutschen Literaturpreise ist in den vergangenen 15 Jahren merklich gestiegen.
  2. Es müssen noch eine Menge Autorinnen ausgezeichnet werden, um in der Gesamtbetrachtung auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zu kommen.

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