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„Die schwarze Rosa“ von Birgit Rabisch

Wenn Autor*innen die eigene Familiengeschichte beleuchten, geht es fast immer um den zweiten Weltkrieg und die Rolle der eigenen Verwandten im Dritten Reich. Seit ein paar Jahren finden sich daneben auch einige Bücher über die jüngere deutsche Geschichte, vor allem den Kalten Krieg und das Leben in der DDR. Ein familiärer Rückblick in weiter zurückliegende Zeiten wie den ersten Weltkrieg und die Anfänge der Weimarer Republik ist selten. „Die schwarze Rosa“ von Birgit Rabisch ist eine dieser wenigen Ausnahmen und schon allein deswegen einen Blick wert. Ganz besonders spannend an dem Buch ist aber, dass die darin beschriebene Familiengeschichte so eng mit diesem Stück deutscher Zeitgeschichte verbunden ist.

Birgit Rabisch spürt in „Die schwarze Rosa“ dem Leben ihrer Großmutter in der bewegten politischen Umbruchphase der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts nach. Sie beschreibt wie aus der Weberstochter „Röschen“ an der Schnittstelle zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik die rechts-konservative Kaiseranhängerin „schwarze Rosa“ – eine Anspielung auf Rosa Luxemburg, die auch „rote Rosa“ genannt wurde – wurde, die an der Seite ihres Verlobten Paul Schulz die Organisation der illegalen paramilitärischen „Schwarzen Reichswehr“ übernahm und sogar die politischen Morde ihres Bruders rechtfertigte.

In einem Vorwort erzählt Birgit Rabisch davon, wie sie ihre Großmutter erlebte und wie sie von ihrer Vergangenheit erfuhr. Hierdurch kommt man der „echten“ Rosa ein gutes Stück näher. Die Handlung des Romans wurde für mich so ein ganzes Stück greifbarer.

Für mich war es das erste Mal, dass mir die „Schwarze Reichswehr“ und die „Fememorde“als zentrale Themen eines Romans begegneten. Entsprechend spannend fand ich es, mich diesem Teil der deutschen Geschichte literarisch zu nähern. Auch ohne Detailwissen waren die Handlung und der historische Hintergrund gut verständlich. Der Anhang mit Auszügen aus Originaltexten wie Gerichtsprotokollen zu den Mordprozessen und Zeitungsartikeln trägt gut zum Verständnis bei und hilft, das gelesene in einen zeitlichen und politischen Kontext zu stellen. Er ist nicht nur hilf- und lehrreich, sondern dokumentiert gleichzeitig die umfassende Recherchearbeit, die Birgit Rabisch im Vorfeld leistete.

Der weibliche Blickwinkel auf diesen geschichtlichen Abschnitt hat ihren Reiz. Viel zu selten wird davon geschrieben, welchen Anteil Frauen an geschichtlichen Ereignissen hatten. Die Figur der Rosa ist mir dabei aber leider etwas zu passiv und unscheinbar geraten. Auch wenn sie auf realen Personen basieren, betont Birgit Rabisch in ihrem Nachwort, dass es sich bei den Hauptcharakteren des Romans um literarische Personen handelt. Für meinen Geschmack ist Rosa etwas zu naiv und leicht beeinflussbar dargestellt. Das tatsächliche Ausmaß der Aktivitäten ihres Verlobten und ihres Bruders in der Schwarzen Reichswehr wird ihr schließlich erst im Nachhinein durch die Mordprozesse deutlich. Davor hinterfragt sie die Dinge nicht weiter. Hierdurch gerät Rosa dann doch wieder wie die meisten weiblichen Figuren mit historischem Bezug an den Rand der Geschichte. Es ist weniger Rosas Geschichte, die in „Die schwarze Rosa“ erzählt wird. Es ist die Geschichte der Schwarzen Reichswehr, die lediglich aus Rosas Blickwinkel erzählt wird.

(Dies ist sicher verständlich. Wer stellt sich seine eigene Großmutter schon gerne als Beihelferin zu Morden und einem Putschversuch vor? Zumal wenn man sie als großherzige Frau kannte und von ihr großgezogen wurde.)

Die Schilderungen der Kriegshandlung des Ersten Weltkriegs zu Beginn des Romans hätte es für meinen Geschmack nicht gebraucht. Dafür gefiel mir die zweite Hälfte des Buchs umso mehr. Ich fand es interessant mitzuerleben, wie Rosa mit zunehmendem Einblick in die Taten ihres ehemaligen Verlobten Paul Schulz sowie ihres Bruders mehr und mehr von der „schwarzen Reichswehr“ löst. Auch ihr innerer Kampf um die Frage, ob sie ihren Bruder zu einem Deal mit seinen Anklägern (Verzicht auf die Todesstrafe bei Aussage gegen Paul Schulz und die weiteren Hauptverantwortlichen) überreden soll, fand ich spannend.

„Die schwarze Rosa“ endet noch vor der Machtergreifung Hitlers. Ganz bewusst verzichtete Birgit Rabisch darauf, eine weitere „Familie im dritten Reich“-Geschichte zu erzählen. Dies ist nur konsequent, denn das Hauptaugenmerk des Romans liegt darin, die Wurzeln des Nationalsozialismus anhand eines Stücks persönlicher Familiengeschichte greifbar zu machen. Es wird deutlich, dass die Nazis keine Erfindung Hitlers waren und irgendwann „vom Himmel fielen“, sondern dass es eine schleichende Entwicklung war, die zu Beginn sogar durch das Militär der Weimarer Republik (inoffiziell) unterstützt wurde.

Insgesamt hat mir „Die schwarze Rosa“ gut gefallen. Es dokumentiert ein spannendes und noch immer wenig beachtetes Stück deutsche Geschichte. Durch die Verknüpfung mit der eigenen Familienvergangenheit wird diese Zeit greif- und erlebbar. Die geschichtlichen Einzelheiten lernt man so ganz nebenbei und ohne den üblichen Mief eines nüchternen Geschichtsbuchs und hat am Ende auch noch das Gefühl, richtig gut unterhalten worden zu sein.

♥♥♥♥ Buchtipp

 

Die schwarze Rosa • Birgit Rabisch • Verlag Duotincta • Taschenbuch • 264 Seiten • ISBN:9783946086505 • 17,-€ • Leseprobe:>>klick<< 

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