Frauenleserin, Rezension
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„Epilog mit Enten“ von Sabine Friedrich

Wenn man ein Buch allein auf Grund seines ausgefallenen Titels und/oder seines ansprechenden Covers kauft, muss das nicht immer gut gehen. Glücklicherweise habe ich dabei bisher aber noch nie richtig danebengegriffen. Dies gilt auch für „Epilog mit Enten“ von Sabine Friedrich. Ein echter Volltreffer war es zwar nicht. Aber es bot solide Unterhaltung und lud zum Wegträumen in ferne Länder ein. Jedenfalls solange man über ein paar Dinge hinwegsehen kann, was mir aber leider nicht durchgehend gelungen ist.

Wortgewaltig nimmt Erzählerin Sylvie die Leserin in „Epilog mit Enten“ mit auf eine Reise. Ausgangspunkt ist der Krebstod ihres geschiedenen Manns Gabo, mit dem sie eine Tochter hat. Der Roman beginnt tatsächlich mit einem Epilog und zeichnet im Folgenden den gemeinsamen Lebensweg der beiden nach. Und der hat es in sich. Denn Gabo und Sylvie waren alles andere als ein harmonisches Paar. Als sie sich in den 70er Jahren kennenlernen, ist Sylvie 17 Jahre alt und wünscht sich nichts sehnlicher als der Enge ihres kleinen Heimatorts an der innerdeutschen Grenze zu entfliehen. Daher lässt sie sich leicht von dem 7 Jahre älteren Gabo beeindrucken, der in Berlin lebt und in einer angesagten Disco dealt. Dass Gabo ein sehr egozentrischer und manipulativer Mensch ist, erkennt die naive Sylvie erst, als sie sich bereits mit ihm mitten auf dem Hippietrail unterwegs nach Goa befindet.

Diese Reise mit ihren unterschiedlichen Landschaften, Menschen und Begegnungen schildert Sabine Friedrich so bildreich und intensiv, dass man „Epilog mit Enten“ für autobiografisch halten könnte. Ich habe es sehr genossen, Sylvie auf ihrem Weg nach Goa und ihrer Zeit vor Ort zu begleiten. Herrliche Sonnenuntergänge vor exotischer Kulisse. Unbefestigte kleine Passstraßen durch einsame und malerische Landschaften. Dichtes Gewusel in schmalen Gassen. Fremde Gerüche, fremdes Essen und unbekannte Gebräuche. Und das Gefühl der ganz großen Freiheit und des unendlichen Sommers. Dabei das ein oder andere Abenteuer wie ein defekter Motor oder ein verweigertes Visum. „Epilog mit Enten“ hat eigentlich alles, was ein spannender Reisebericht braucht. Und solange es mir gelang, mich auf diesen Aspekt des Buchs zu konzentrieren, konnte es mich auch sehr begeistern.

Aber da ist auch noch diese „Liebesgeschichte“, von der Sylvie mit einem zeitlichen Abstand von mehreren Jahrzehnten selbst nicht mehr so genau weiß, ob es jemals wirklich eine war, und die sie gleichzeitig doch immer wieder als schicksalshaft und über das Leben und den Tod hinausgehend beschreibt. Nüchtern betrachtet ist es eine hochtoxische Beziehung. Gabo ist ein Mensch der großen Gesten und Emotionen. Genauso sehr wie er in schwärmerischen rauschähnlichen Liebestaumel gerät, stürzt er auch emotional ab. Dann wütet und schimpft er mit absolut rücksichtsloser Rigidität, nur um sich nach dem Abebben seines Ausbruchs vollkommen zerknirscht, hilflos und (emotional) bedürftig zu zeigen. Dies geht bis hin zu Selbstmorddrohungen und spektakulären (Schein-) Versuchen. Sylvie hat diesem emotionalen Chaos nichts entgegenzusetzen. Hilflos taumelt sie mit Gabo vom einen Extrem ins nächste. Sie selbst geht fast vollständig darin unter. Rückblickend stellt sie sich immer wieder die Frage „Warum bin ich geblieben?“ und „Warum haben wir geheiratet?“, ohne befriedigende Antworten zu finden. Und doch setzt sie ihre Erinnerungen immer wieder in ein fast märchenhaftes Licht. Diese Romantisierung einer zerstörerischen, selbstsüchtigen Liebe störte mich massiv.

Enttäuscht war ich auch, wie wenig kritisch sich Sabine Friedrich bzw. Sylvie zum Thema Drogen äußert. Dass diese unweigerlich zu einer Hippiegeschichte wie dieser dazugehören, ist klar. Aber obwohl Sylvie mehrfach betont, selbst keinerlei Drogen konsumiert zu haben, werden deren Schattenseiten nicht ein einziges Mal erwähnt.

Gleichzeitig zeigt Sabine Friedrich gerade durch diese positiven Färbungen aber auch sehr gekonnt das eigentliche Wesen von Erinnerungen. In Sylvie Schilderungen wird deutlich, wie sehr Ereignisse in der Retrospektive oftmals unterbewusst verklärt werden und wie schwierig es ist, den wahren Kern einer Begebenheit oder eines Gefühls später wieder zurückzurufen. Genau hieran scheitert auch Sylvie bei ihrer Erzählung immer wieder. Mehrmals warnt sie: „Lieber Leser, bitte glaub mir kein Wort.“ Oder sie wirft sich selbst verzweifelt vor: „Aber so war es in Wirklichkeit gar nicht.“ und fängt von neuem an, ein bestimmtes Ereignis zu beschreiben. Dabei springt sich von einem Gedanken zum nächsten, zieht Assoziationen, die zeitlich mehrere Jahr früher oder später ansetzen, bis sie sich selbst irgendwann wieder zur Ordnung ruft. Bisweilen verfällt Sylvie ins „Du“, spricht Gabo direkt an, nur um im nächsten Satz wieder die Leserin als dritte, außerhalb der Erzählung stehenden Person zu adressieren. In diesem Ringen um eine geordnete Struktur spürt man beim Lesen, welche Schwierigkeiten es Sylvie bereitet, einen emotionalen Abstand aufzubauen und die Dinge so nüchtern zu betrachten, dass eine ungefärbte Schilderung der Ereignisse möglich ist. Die verschlungenen Gedankenpfade lassen den Text sehr authentisch wirken. Allerdings hat es hierdurch auch eine Weile gedauert, bis ich in die Geschichte fand.

Schließlich ist „Epilog mit Enten“ – wie die meisten Roadtrip-Geschichten – auch ein Entwicklungsroman, denn natürlich kehrt Sylvie nicht so von ihrer Indienreise zurück, wie sie losfuhr. Diese drei Aspekte (Roadtrip, Liebesgeschichte und Entwicklungsroman) verschränkt Sabine Friedrich sehr geschickt zu einer wunderbar flüssigen Erzählung. Begeistern konnten mich dabei vor allem die bilderstarken Reiseszenen. Trotzdem gibt es von mir nur

♥♥♥ lesenswert

 

Die Romantisierung der toxischen Liebensbeziehung und die undifferenzierte Darstellung des Drogenkonsums ärgerten mich an einigen Stellen doch sehr.

Epilog mit Enten• Sabine Friedrich • dtv • Hardcover / eBook • 529 Seiten • ISBN: 978-3-423-28087-7(gebunden) / 978-3-423-43044-9(eBook)• 24,-€ (gebunden) / 19,99 € (eBook) • Leseprobe:>>klick<<

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