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Rezension #146: „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski

Es fällt schwer, Untenrum frei in ein bestimmtes Genre einzuordnen. Am ehesten ist es wohl ein Sachbuch, in dem Margarete Stokowski beschreibt, wie Frauen schon früh weibliche Rollenbilder internalisieren und wie schwierig es ist, diese später abzulegen. Dass sie dies mit einer gehörigen Portion Humor und anhand persönlicher Erlebnisse schildert, lässt jedoch auch eine andere Lesart. Letztlich – und das ist auch gleich eine Kernaussage Stokowski (wenn auch in einem anderen Kontext) – ist das Etikett gar nicht so entscheidet. Wichtiger ist, dass „Untenrum frei“ mich dazu anregte, über mich selbst nachzudenken.

Margarete Stokowski wurde 1986 geboren und ist damit der Jahrgang meines jüngeren Bruders. Während unserer Schulzeit trennten uns nur drei Klassen. Wir beide wuchsen – wie alle Kinder der 90er – im Geiste von Gameboy, Bravo, Backstreet Boys und Space Girls auf. Der Umstand, dass wir zur gleichen Generation gehören, machte es mir leicht, die persönlichen Erlebnisse, die Margarete Stokowski in Untenrum frei beschreibt, auf mein eigenes Leben zu übertragen.

Dieser neue Blick auf die eigene Vergangenheit ist eine sehr spannende Reise.

Mich hat sie einmal mehr darin bestätigt, wie dankbar ich meinen Eltern sein muss, dass sie mich als Kind nicht in weibliche Rollenbilder pressen wollten. Ich trug kurze Haar, spielte mit Lego (Technik) und bekam von meinem Vater ein wenig Programmiersprache beigebracht. An Sätze wie „Als Mädchen macht man das nicht.“ kann ich mich nicht erinnern. Stattdessen hieß es „Wenn du jetzt schon ein Kleid/lackierte Nägel/Zöpfe hast, musst du dich aber auch entsprechend benehmen.“ Am liebsten waren mir daher Hosen. Und das war okay.
Natürlich hat sich das in meiner Pubertät dann doch etwas geändert. Aber auch damals entschied ich mich für den Mathe-Leistungskurs und wählte Biologie, Kunst und Französisch ab. Imaginäre Zahlen und Astrophysik fand ich spannender als Mode und Makeup.

Spaß macht Untenrum frei aber auch, weil es einen unerwartet hohen Unterhaltsfaktor besitzt.

Margarete Stokowski hat einen großartigen Humor. Ihr Buch garniert sich nicht nur immer wieder mit sprachlichen Spitzen gegen überholte Denkmuster. Sie besitzt zudem Selbstironie. Auch sprachlich trifft Untenrum frei einen sehr angenehmen Ton trifft. Er ist sehr nahe am gesprochenen Wort. Es lässt sich daher flüssig lesen, ohne dass man auf verschwurbelte Sätze trifft, bei denen man auch nach mehrmaligem Lesen noch immer das Gefühl hat, nicht alles erfasst zu haben.

Dabei gelingt es Margarete Stokowski eine Balance zu den inhaltlichen Themen zu finden. Trotz all der Leichtigkeit ist Untenrum frei keineswegs albern oder trivial. Ganz im Gegenteil habe ich einiges daraus gelernt. Beispielsweise über die Geschichte des Feminismus, die in mehreren „Wellen“ verlief, und die einzelnen Strömung innerhalb der Bewegung. Besonders sympathisch ist mir dabei Margarete Stokowskis eigene Ansicht, wonach sich Feminismus für eine generelle Gleichberechtigung – nicht nur die von Mann und Frau – einsetzen müsse. Auch ihre Forderung nach einer Poesie des „Fuck you“, also einer inneren Haltung, bei der wir uns weniger an den Werten unserer Mitmenschen orientieren, begrüße ich sehr.

Bahnbrechendes sollte man von Untenrum frei dabei nicht erwarten.

Neue Ansätze oder Forderungen hat Margarete Stokowski nicht. Dies jedoch ist auch nicht Intension von Untenrum frei. Vielmehr sensibilisiert das Buch für die vielen – teils anerzogenen, teils gesellschaftlich auferlegten – Denk- und Verhaltensmuster, mit denen sich Frauen selbst klein machen. Dabei nimmt sie für sich nicht in Anspruch, selbst frei von sämtlichem Rollenverhalten zu sein. Nach all den klugen und starken Worten empfand ich es fast schon als Erleichterung, dass auch Margarete Stokowski sind ab und zu dabei erwischt, wie sich bei ihrem Freund dafür bedankt, dass er das gemeinsame Geschirr abspülte.

Fazit:

Nach unzähligen (biografischen) Romanen über starke Frauen war dies mein erstes systematischeres Buch, das sich auch ein wenig mit den Hintergründen, Studien und anderen Grundlagen beschäftigte, und dabei einen direkten Bezug zu meinem eigenen Leben herstellte. Ich empfand Untenrum frei daher als sehr interessante und lehrreiche Lektüre, die mich zum Nachdenken anregte und (dank einer umfangreichen Literaturliste im Anhang) neugierig auf eine Vielzahl weiterer feministischer Bücher machte. (Meine gesamte Leseliste zum Thema mit allen gelesenen und ungelesenen Bücher findet Ihr übrigens in einem eigenen >>Goodreads-Regal „Feminismus“<<.)

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp

Titel: Untenrum frei ♦ Autorin: Margarete Stokowski ♦ Verlag: Rowohlt ♦ Umfang: 256 Seiten ♦ Format: Hardcover ♦ ISBN: 978-3498064396 ♦ Preis: 19,95 € ♦ Leseprobe: >>PDF<<

Das Taschenbuch erscheint übrigens am 28.04.2018.  Es wird 12,00 € kosten und kann bereits vorbestellt werden.

Sehr empfehlenswert ist auch >>Margarete Stokowskis Kolumne Oben und unten<<, die wöchentlich auf Spiegel Online erscheint.

Untenrum frei

Untenrum frei
8.5

Aufbau

8.9 /10

Sprache

9.3 /10

Relevanz

8.6 /10

Unterhaltungsfaktor

7.1 /10

  • humorvoll
  • persönlich
  • regt zur Eigenreflektion an
  • gibt einen guten Überblick
  • tolle Literaturliste

  • wenig neues

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