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Neulich im Zug: menspreading par excellence

Wenn man wie ich jeden Tag mehr als 2 Stunden mit dem Zug unterwegs ist, erlebt man eine ganze Menge. Zu meinen „Lieblingen“ gehören Mitreisende, die mehr als einen Sitzplatz in Anspruch nehmen und vollkommen ignorieren, dass sie nicht alleine im Zug sitzen. In dieser Woche hatte ich  einen besonders hartnäckigen Fall.

Üblicher Weise mache ich mich in solchen Fällen ganz bewusst auch etwas breiter. Die meisten verstehen den nonverbalen Hinweis auch und Schränken sich etwas mehr ein. Bei diesem Beispiel war das aber vergebens. Dieses Exemplar war für subtile Hinweise leider gar nicht empfänglich. Und für große Diskussionen war es mir zu früh. Im Nachhinein ärgere ich mich aber über mich selbst, dass ich die Szene – eigentlich waren es ja sogar zwei – unkommentiert stehen ließ.

Kurz zum Hintergrund:
Ich fahre jeden Tag mit dem gleichen Intercity von Heppenheim über Bensheim und Darmstadt nach Frankfurt. Der Zug kommt aus Heidelberg. Wenn ich in Heppenheim einsteige, ist der Zug schon gut gefüllt und es gibt nur noch vereinzelte Plätze. In Bensheim muss man dann schon großes Glück haben, um überhaupt noch einen Sitzplatz zu ergattern. Die meisten, die hier einsteigen, müssen mindestens bis Darmstadt stehen.

Mein Erlebnis

(eines von vielen dieser Art)

An diesem Morgen erwische ich ein Abteil für sechs Personen, in dem bereits 3 Männer sitzen. Genau in der Mitte einer einer der beiden Dreier-Sitzgruppen sitzt ein Typ nicht nur breitbeinig da; er hat die Füße auch soweit im Raum, dass niemand mehr an ihm vorbei oder ihm gegenüber sitzen kann. Ich kenne diesen Mitfahrer bereits und vermeide es normalerweise, mich zu ihm in ein Abteil zu setzen. An diesem Tag ist es aber ungewöhnlich voll und ich beiße in den sauren Apfel. Den Mann, der vor mir das Abteil betrat, lässt der Beinspreizer anstandslos vorbei. Als ich mich ihm gegenüber setzen will, bringt er dann aber demonstrativ die Füße wieder in die alte Position.
Ich setze mich also neben ihn. Eigentlich will ich sowieso nur meine Ruhe und die Nase in mein Buch stecken. Der Mann, der mir gegenüber sitzt, scheint die Szene aber beobachtet zu haben. Er grinst süffisanten und stellt seinen Rucksack zurück auf den Sitz gegenüber des Beinespreizers.
Ich denke „Was für zwei Idioten!“ und ärgere mich, dass ich so schnell klein beigab und diese territorialen männlichen Besitzansprüche einfach akzeptierte.

Beispiel für menspreading (aufgenommen an einem anderen Tag)

In Bensheim steigt dann zum Glück zumindest der Rucksacktyp aus. Dafür setzen sich zwei Frauen zu uns ins Abteil, eine davon dem Beinespreizer direkt gegenüber. Der denkt aber nicht einmal daran, seine Sitzposition zu ändern und stellt sich schlafend. Die Frau sitzt also in den Sitz gequetscht da und hat kaum eine Möglichkeit die Füße zu bewegen.

In Darmstadt steigt dann der Mann, den der Beinespreizer in Heppenheim durch ließ wieder aus. Und jetzt ratet mal, wer dem Herren Platz zum Aussteigen macht! Nicht etwas der Beinespreizer. Oh, nein! Es ist die Frau ihm gegenüber. Sie muss halb aufstehen, um Platz zu machen. Der Beinespreizer bewegt sich noch immer keinen Milimeter.

Die „Fakten“

Ich bin fassungslos über so viel Egoismus und google „menspreading“, einen Ausdruck für eben diese Sitzhaltung, auf den ich mal irgendwann in der „Emma“ gestoßen bin.

Auf Wikipedia lerne ich dazu, dass es angeblich am männlichen Körperbau läge, sich mit geöffneten Beinen hinzusetzen. Auch sollen Männer, die so sitzen, meist als sexuell attraktiver wahrgenommen werden. Beides ist angeblich wissenschaftlich belegt.

Aber sind wir mal ehrlich: eine Rechtfertigung ist das trotzdem noch lange nicht. Ich finde es nach einem Neun-Stunden-Arbeitstag auch bequemer, meine Füße hochzulegen. Ich tue es trotzdem. Außerdem gibt es zwischen einer „römisch-katholischen“ Sitzposition mit zusammengepressten Knien und world wide open mit Blockade von mindestens zwei Sitzplätzen ja auch noch einige Abstufungen.
Überhaupt ist es mir zu leicht, wenn an dieser Stelle schlicht mit natürlichen Anlagen, körperlichen Unterschieden oder ähnlichem argumentiert wird. Solche Argumente werden auch ganz gerne mal ins Feld geführt, wenn es um sexuelle Belästigung geht. Aber – haltet mich für hoffnungslos optimistisch – auch der männliche Teil der Weltbevölkerung hat zwischenzeitlich eine Evolutionsstufe erreicht, auf der ein gewisses Maß an Empathie und Vernunft erwartet werden kann, das die animalischen Triebe im Zaum hält. Wenn man das denn will.

Und was die sexuelle Attraktivität betrifft. Nun, da kann ich natürlich nur für mich sprechen. Und ich finde einfühlsame Männer, die sich auch ohne allzu plakative Machtdemonstrationen durchsetzen können, wesentlich anziehender. Einem Beinespreizer falle ich höchstens dann in den Schoß, wenn der Zug abrupt eine Vollbremsung machen sollte.

Und jetzt kommt mir bitte nich mit dieser „she-bagging“-Geschichte (=Blockieren eines Sitzplatzes durch eine Tasche). Ja, die gibt es auch. Aber entgegen der allgemeinen Darstellung ist das eben kein rein weibliches Phänomen, wie mein Rucksacktyp in dieser Woche bewies.

Schöne Beispiele für beide Phänomene gibts übrigens bei Instagram unter den Hashtags #menspreading und #shebagging zu bestaunen.

2 Kommentare

  1. Liebe Kerstin,
    ich habe deinen Beitrag vorhin auf dem Ergometer gelesen und mich köstlich amüsiert 😀 Ich bin selbst Pendlerin und vier Tage die Woche je Strecke etwas über zwei Stunden unterwegs, eine Stunde davon in einem IC oder ICE (wenn sie denn fahren …). Ich habe erst gestockt, als ich von deinem Ärger auf die Reisenden schriebst, die mehr als einen Platz für sich einnehmen. Denn ich setze mich selbst auch immer auf den Gangplatz und stelle meine Tasche und alles andere auf den Fensterplatz 😀 Allerdings ist in den Zügen auch immer ausreichend Platz, sodass ich mir darüber keine Sorgen machen muss.

    Was du berichtest, ist kaum zu glauben, so ärgerlich und stumpf ist das Verhalten der Mitfahrer. Ich hätte, ehrlich gesagt, nicht an mich halten können und ziemlich rigoros reagiert. Kaum zu glauben, dass du immer noch durchgehalten und Rücksicht genommen hast. Ich könnte das vermutlich nicht.

    Ich freue mich sehr, jetzt dein Blog entdeckt zu haben, denn ich weiß ja aus eigener Erfahrung, was man beim Pendeln alles so erleben kann 😀
    Die Hashtags kannte ich auch noch nicht, danke dafür!

    Liebe Grüße,
    Sandra

    • Hallo Sandra.

      Wow! mir der Fahrtzeit toppst du mich ja noch. Und ich dachte immer, ich hab schon einen langen Arbeitsweg.

      Klar, wenn genügend Platz ist, lege ich meine Handtasche auch auf dem Sitz neben mir ab. Schon allein, weil sie immer recht schwer ist, weil ich doch eine Menge mit mir rumschleppe. Spätestens, wenn ich merke, dass es recht voll wird, mache ich aber Platz.

      Viele Grüße
      Kerstin

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