Biografie, starke Frauen
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Frauen in der Automobilgeschichte

Der Motorsport ist eine heute eine fast rein männliche Domäne. Nur wenige Frauen wie etwa Jutta Kleinschmidt konnten sich erfolgreich am Steuer eines Autos einen Namen machen. Immerhin gehören autofahrende Frauen heute in den meisten Ländern im Alltag zur Normalität. In den Anfängen des Autos jedoch waren sie eine echte Seltenheit. Umso mehr erstaunte es mich daher, als ich entdeckte, dass ausgerechnet Frauen wichtige Meilensteine in der Automobilgeschichte setzten.

Auf das Thema aufmerksam wurde ich durch eine Fernseh-Dokumentation, die ich im Sommer mit meinem Mann gesehen habe

Heidi Hetzer – mit fast 80 Jahren in einem Oldtimer einmal um die Welt

Darin ging es um Heidi Hetzer, die 2015 im Alter von 78 Jahren zu einer Reise um die Welt aufbrach. In einem Hudson Great Eight mit dem Baujahr 1930. Zwei Jahre brauchte sie für dieses Abenteuer. Mich faszinierte diese Frau und ihre Geschichte, die auf mich einen beeindruckend willensstarken, toughen und unabhängigen Eindruck machte. Eine Frau aus Stahl, die mit ihren fast 80 Jahren so manchen ihrer deutlich jüngeren, männlichen Begleiter alt aussehen ließ.

Sich der Männerdomäne des Automobils durchzusetzen, lernte die 1937 geborene Heidi Hetzer schon früh. Mit 17 Jahren begann sie eine Ausbildung zur KfZ-Mechanikerin im väterlichen Betrieb und erschloss sich damit ein Berufsbild, in dem Frauen bis heute eine Ausnahme sind. Nach dem Tod ihres Vaters übernahm sie 1967 das Autohaus, das sie bis 2012 leitete und in dieser Zeit zu einem der größten Berlins ausbaute. Aber nicht nur ihr unternehmerischer Erfolg machten Heidi Hetzer zu einer bekannten Persönlichkeit. In der Automobilszene machte sie sich auch einen Namen als Rennfahrerin und leidenschaftliche Oldtimer-Sammlerin. Rallye Monte Carlo, Panama-Alaska-Rallye (1997) und Rallye Düsseldorf-Shanghai (2007) sind nur drei Rennen, an denen Heidi Hetzer im Laufe ihrer Rannfahrerinnen-Karriere teilnahm. Diese große Rallye-Erfahrung kam ihr schließlich auch beim größten Abenteuer ihres Lebens sehr zugute: einer zweijährigen Fahrt um die Welt. Dass sich Heidi Hetzer dazu ausgerechnet einen Oldtimer aus dem Jahr 1930 aussuchte, ist dabei nicht nur ihrer Sammlerinnen-Leidenschaft geschuldet. Heidi Hetzers Autofahrt um die Welt hatte vielmehr ein historisches Vorbild: Clärenore Stinnes, die von 1927 bis 1929 mit nicht einmal 30 Jahren nicht nur als erste Frau sondern als erster Mensch überhaupt mit dem Auto einmal um die ganze Welt fuhr.

Clärenore Stinnes – als erster Mensch mit dem Auto einmal um die Welt

Was den Schwierigkeitsgrad ihrer Weltreisen angeht, unterscheidete sich das Projekt von Heidi Hetzer jedoch deutlich von der 1901 geborenen Clärenore Stinnes´. Dank ihrer beeindruckenden körperlichen Fitness war Heidi Hetzers größtes Problem vor allem, den Oldtimer, in dem sie reiste, am Laufen zu halten und mit Ersatzteilen zu versorgen. Dabei fragte sie nicht selten via Facebook und auf ihrem Blog andere Bastler um Rat. Clärenore Stinnes hingegen standen diese modernen Kommunikationswege nicht zur Verfügung. Sie konnte nicht einmal auf ein bestehendes Werkstätten- und/oder Tankstellennetz zurückgreifen. Deswegen wurde sie von einem zweiten Wagen begleitet, in dem sie Benzin und Ersatzteile transportierte. Auch hatte Clärenore Stinnes – ganz im Gegenteil zum Heidi Hetzer – keinerlei Verständnis für Automobiltechnik, so dass sie auf die beiden mitreisenden Mechaniker angewiesen war. Dennoch war es ausschließlich Clärenore Stinnes, die den Ton angab und das Tempo bestimmte. Und das war erheblich. Clärenore Stinnes war so erbarmungslos, dass sich die beiden Mechaniker bereits in Russland von ihr trennten. Aufgeben kam für sie aber nicht in Frage. Clärenore Stinnes machte mit ihrem Fotografen und Kameramann alleine weiter.

All diese Hürden waren jedoch verhältnismäßig harmlos und konnten durch eine gute Planung und Organisation überwunden werden. Wesentlich unberechenbarer und daher auch deutlich gefährlicher war die Tatsache, dass es zu jener Zeit keine befestigten Straßen gab. (Nordamerika war dabei die einzige Ausnahme und eine echte Erholung für die Weltfahrer.) Nicht selten blieb eines der Fahrzeuge in Schlammpfützen stecken, versackte bis zur Mitte der Radnarbe in Eis, setzte auf einem Felsen auf oder fuhr sich im Wüstensand fest. Dann war Improvisation und körperlicher Einsatz gefragt. Gelang es nicht, den Wagen innerhalb von Stunden wieder zu befreien, konnte es schnell gefährlich werden. Kälte oder Hitze führten gleich mehrmals zu ernsthaft lebensbedrohlichen und hoch dramatischen Situationen, denen Clärenore Stinnes in einem Fall tatsächlich nur sehr knapp und mit reichlich Glück entkam. Dennoch führte sie ihr Projekt eisern zu Ende und wurde dafür mit einem Happy End belohnt: nach zwei Jahren wieder zurück in Berlin heiratete sie den jungen Schweden, der sie als Kameramann auf ihrer abenteuerlichen Weltreise begleitete.

Bei allen Unterschieden gibt es aber dennoch eine Sache, die Heidi Hetzer und Clärnore Stinnes verbindet: die Liebe zum Rennsport. Auch Clärenore Stinnes nahm an zahlreichen Autorennen teil. Bis 1927 konnte 17 Siege feiern – in den allermeisten Fällen ausnahmslos gegen Männer. Damit war Clärenore Stinnes zu ihrer Zeit die erfolgreichste Rennfahrerin Europas.

Nach ihrer Weltumrundung führte Clärenore ein stilles und bürgerliches Leben. Mit ihrem Mann bewirtschaftete sie einen Gutshof und Schweden. Das Paar hatte drei Kinder und zog mehrere Pflegekinder groß.

Bertha Benz – die erste Langstreckenfahrt der Automobilgeschichte

Aber das Abenteuer von Clärenore Stinnes wäre ohne eine andere deutsche Frau mit nicht weniger Wagemut sowie technischem und unternehmerischem Verständnis nicht möglich gewesen: Bertha Benz. Die Ehefrau des Benz-Patent-Motorwagens Carl Benz gilt nämlich als die erste Autofahrerin der Welt, die eine Langstreckenfahrt mit der „pferdelosen Kutsche“ unternahm und damit bewies, dass dieser Art der Fortbewegung die Zukunft gehörte.

Geboren wurde sie als Cacilie Bertha Ringer 1849 in Pforzheim als Tochter eines Zimmermeisters. Sie besuchte die Höhere Töchterschule und verlobte sich schließlich mit Carl Benz, der nach dem Abschluss eines Maschinenbaustudiums eine Eisengießerei und mechanische Werkstatt gründet, wo er an der Entwicklung eines schienenlosen selbstbeweglichen Fahrzeugs arbeitet. Um ihm die Fortsetzung seines Unternehmens zu ermöglichen, lässt sich Bertha Benz 1871 vorzeitig ihr Mitgift auszahlen. 1872 heiraten die beiden schließlich. Sie bekommen 2 Söhne und 3 Töchter.

Als der finanzielle Erfolg des von Benz 1885 konstruierten Benz-Motorwagens trotz Patentierung (1886) und erfolgreicher Vorstellung auf der Münchner Kraft- und Arbeitsmaschinenausstellung (1888) ausbleibt, rettet sein Ehefrau Bertha Benz sein Unternehmen ein weiteres Mal. Sie erkennt, dass das Publikum an der Alltagstauglichkeit des neuen Fortbewegungsmittels zweifelt und das Automobil als technische Spinnerei abtut. Tatsächlich wurden bisher nur kurze Strecken mit dem Auto zurückgelegt. Bertha Benz beschließt daher, mit dem Benz-Motorwagen Nr. 3 von Mannheim, wo sie und Carl wohnen, zu ihrer Mutter ins 106 km entfernte Pforzheim zu fahren. Ihre beiden Söhne begleiten sie.

Frühmorgens schleichen sich die drei im August 1888 aus dem Haus. Heimlich. Denn Carl weiß nichts von ihren Ausflugsplänen. Zu groß war die Gefahr, dass er unterbunden hätte.

Es war eine abenteuerliche Fahrt. Der Benz-Motorwagen Nr. 3 hatte nur einen Gang. Bergauf musste das Automobil daher nicht selten von Bertha und dem ältesten Sohn geschoben werden, während der jüngere am Steuer saß. Und natürlich ereilte die Ausreißer die ein oder andere Panne. So musste unterwegs beispielsweise ein Schmied aufgesucht werden, um eine Kette, die sich gelängt hatte, zu kürzen, und ein Sattler, um die Bremsklötze neu zu beschlagen. Kleinere Reparaturen nahm Bertha Bank hingegen selbst vor. Mit dem Mitteln der Damen von Welt. So machte sie etwa einen verstopfte Treibstoffleitung mit ihrer Hutnadel frei und zweckentfremdete ihr Strumpfband, um damit eine zerbrochene Zündung zu reparieren.

 

Schließlich gut in Pforzheim angekommen, telegrafierten die Fernfahrer nach Hause „Fahrt nach Pforzheim gelungen – Wir sind bei der Oma angekommen“. Drei Tage bleibt Bertha mit ihren Söhnen in Pforzheim. In dieser Zeit erfahren sie große Aufmerksamkeit. Es muss ein Fahrtdienst eingerichtet werden, so viele Interessenten für Probefahrten gibt es.

 

Der Beweis war gelungen: das Automobil taugte durchaus, um weite Strecken damit zurückzulegen. Nach einigen Weiterentwicklungen natürlich. So konstruierte Carl Benz auf Grund Berthas Erfahrungen mit den Bergfahrten schließlich einen zweiten und dritten Gang.

Für uns mag eine Fahrt von 106 km keine große Sache zu sein und auch eine Weltumrundung mit Auto ist heute weitaus weniger spektakulär. Um das Ausmaß der Leistungen dieser Pionierinnen der Automobilgeschichte wirklich erfassen zu können, sollte man bedenken, dass sie ohne die heutigen technischen Helferlein, Warnleuchten am Armaturenbrett und den ADAC auskommen mussten. Allein auf sich und ihr eigenes technisches Verständnis angewiesen unternahmen sie Fahrten, die sich die meisten Männer jener Zeit nicht zutrauten. Damit verhalfen diese Frauen dem Automobil maßgeblich zum Durchbruch und bewiesen neben ihrem Mut und ihrem technischen Verständnis auch ihren großen unternehmerischen Spürsinn.

 

Zum Thema:

 Heidi Hetzer:

Clärenore Stinnes:

  • Porträt „Mit dem Auto um die Welt“: ARTE
  • Buch „Im Auto durch zwei Welten“, Clärenore Stinnes, Promedia Verlag, ISBN: 9783853711057, 253 Seiten, Hardcover, 24,-€
  • Film „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“, Regie: Erica von Moeller, DVD, 13,99€
  • Originalfilm von Clärenore Stinnes „Im Auto durch zwei Welten“, DVD, 25,-€

Bertha Benz

  • Buch „Mein Traum ist länger als die Nacht: Wie Bertha Benz ihren Mann zu Weltruhm fuhr“, Angela Elis, Hoffmann & Campe Verlag, ISBN 9783455501469, 352 Seiten, 20,- €
  • Film „Carl & Bertha“, ARD Video zur Themenwoche „Der mobile Mensch, Regie: Till Endemann, DVD, 12,92€ 

2 Kommentare

  1. Hallo Heiko,
    vielen Dank für den spannenden Link. Es gibt bestimmt noch ein paar tolle Frauen am Steuer aus jener Zeit. Mein Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die beiden Frauen (Benz und Stinnes) habe ich vor allem deshalb herausgegriffen, weil sie die ersten Autofahrer waren, die wichtige Meilensteine setzten. Hetzer ergänzt die Liste, weil sie den Anstoß gab, mich mit diesem Thema zu beschäftigen.

    Alles Liebe.
    Kerstin

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