Frauenbloggerin
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Interview mit Leena vom Blog „Frauenfiguren“

Auf „Frauenfiguren“ schreibst du über dich Ich bin eine Person, die zufällig eine Frau ist. Dieser besondere Zufall bestimmt jedoch sicherlich im höchsten Maße, wie die Welt mich sieht.“.

Wie genau, wirst du denn deiner Meinung nach von der Welt gesehen?

Nun, mit dem körperlichen Geschlecht bzw. den Geschlechtsteilen, die im Phänotyp vorhanden sind, werden ja auch heute noch immer bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen verbunden, das ist ja nicht einmal eine Erfahrung, die nur Frauen* machen, sondern alle Menschen. Auch wenn „die Welt“ sich genau genommen nicht tatsächlich für mich als Individuum interessiert, verbleiben immer noch mit den Geschlechtsteilen assoziierte Klischees und Erwartungen, die sich in Medien und Marketing, aber auch im zwischenmenschlichen Umgang niederschlagen. Das Bild besteht gesellschaftlich noch immer, der emotionalen, fürsorglichen, liebebedürftigen Frau*, die eher weich, leise und freundlich ist, die natürlich mit Kindern umgehen kann und will, die sich einen Beschützer wünscht und sich ohne einen Partner einsam fühlt, nicht so sehr an beruflichem, vor allem finanziellen Erfolg interessiert ist, die Geld und handwerkliche Tätigkeiten lieber „dem Fachmann“ überlässt, die sich nicht für Naturwissenschaften, sondern für Kunst und Kultur interessiert, die nicht so würzige, kräftige Lebensmittel schätzt, sondern „leichte“ und süße, die sich um ihr Aussehen, insbesondere ihr Gewicht sorgt, die weint und depressiv wird statt zu schreien und aggressiv zu werden… Ich denke, ich könnte das noch eine Weile fortsetzen. Mir persönlich ist das oft dann bewusst geworden, wenn Menschen mit Erstaunen auf meine individuellen Verhaltensweisen, Interessen, Vorlieben oder Äußerungen reagiert haben, weil sie aufgrund meiner Weiblichkeit andere Erwartungen an mich hatten. Diese „Komplexitätsreduktion“ ist natürlich und in gewissem Maße einfach menschlich, davon kann auch ich mich nicht freimachen. Ich bemerke nur an eben diesen Erwartungen und meiner erlebten Realität, wie absurd und arbiträr diese Erwartungen sind.

Wie zutreffend ist dieses Bild, das sich die Welt von dir gemacht hat?

Ich denke, bei mir wie bei jedem Menschen gibt es Dinge, die gesellschaftlich dem Geschlecht zugeschrieben werden, die auch auf mich als Individuum zutreffen – ich bezweifle nur, dass das tatsächlich mit meinem physiologischen Geschlecht zu tun hat. Wie bei jedem Menschen setzen sich meine Eigenschaften und Verhaltensweisen individuell zusammen, nicht immer stimmig mit dem, was in der Genderrolle aus den körperlichen Gegebenheiten extrapoliert wird. Zum Beispiel bin ich tatsächlich emotional – in manchen Situationen. In anderen bin ich sehr pragmatisch, sogar in Gefühlsdingen. Weil ich eine sehr hellhäutige und sehr schlanke Frau bin, überrasche ich oft Menschen zum Beispiel mit meiner Lautstärke und einem manchmal „burschikosen“ Auftreten. Ich beschreibe das scherzhaft als „Holzfäller, gefangen im Körper einer Elfe“. Eine Vorliebe für Horrorfilme und „aggressive“ Musikstile gehört auch nicht unbedingt zu den Dingen, die von einer feingliedrigen, bildungsbürgerlichen Akademikerin erwartetwerden – nichtsdestotrotz empfinde ich mich als Individuum natürlich sehr stimmig. Da unterscheide ich mich sehr wenig von allen anderen Menschen.

Inwiefern hat dein Frausein andersherum Einfluss darauf, wie du die Welt siehst?

Ich habe natürlich nur die eigene Erfahrung – nämlich als Mädchen* und Frau* – machen können, die aber eben zum Beispiel beinhaltete, dass mir explizit bestimmte Fähigkeiten nicht zugetraut oder bestimmte Handlung untersagt wurden, weil ich weiblich bin. Wer Mangel oder Einschränkungen erlebt, hat mehr Anlass, sich mit den Gründen und der Entstehungsgeschichte der Gegebenheiten zu befassen, die den Mangel oder die Einschränkungen hervorrufen. Wenn einer Person alle professionellen Berufswege offenstehen, insbesondere die, in denen Geld und Ruhm angehäuft werden können, wenn diese Person sich in der Öffentlichkeit oder im beruflichen Rahmen im Alltag verhältnismäßig sicher bewegen kann und nicht jederzeit einen verbalen und/oder sexuellen Übergriff erwarten muss, warum sollte diese Person sich damit befassen, warum das so ist? Warum gar versuchen, den Zustand zu verändern? (Sie sollte es natürlich tun, weil Solidarität und das Einstehen für Benachteiligte etwas ist, was zu den besten menschlichen Eigenschaften gehört.)

Vereint mit dem kritischen, und ich glaube, differenzierten Denken, das ich dankenswerterweise von meinen Eltern erlernt habe, hat eben meine geschlechtliche Identität dafür gesorgt, dass ich die Welt an den Stellen, an denen sie Mängel hat, besonders genau betrachte. Das hieß zunächst wie bei den meisten: Wo die Welt nach meinem EmpfindenMängel hat; das Bewusstsein, dass sie für andere Menschen noch viel größere und ganz andere Mängel hat, das kam erst mit fortgeschrittener Reife.

 Die restlichen Aspekte meiner Weltsicht haben meiner Meinung nach tatsächlich weniger mit meinen Geschlechtsteilen zu tun als mit den Charaktereigenschaften, die mein menschliches Gehirn hervorgebracht hat, und den Einflüssen meiner (ziemlich emanzipierten) Familie und der Umwelt, in der ich dankenswerterweise aufwachsen durfte.

Du hast auch schon zwei Bilderbücher veröffentlicht. In deinem ersten Bilderbuch hießt es am Ende „Katze und der Igel, die haben sich sehr gern. Manchmal ganz aus der Nähe und manchmal auch von fern.“ Und auch in „Füchsin und Dachs“geht es darum, wie gut sich die unterschiedlichen Talente beider Figuren ergänzen.

Wie wichtig ist es dir, (deine eigenen) Kinder zu ermutigen, zu sich selbst zu stehen und Unterschiede zu anderen nicht nur zu akzeptieren, sondern sie sogar als Chance zu begreifen?

Sehr! Du hast es genau erfasst, eines meiner wichtigsten Erziehungsziele ist es, die Variation und Diversität der Welt als eine Freude, einen Gewinn zu verstehen. Worum es bei „Katze und Igel“auch geht, ist das Verständnis, dass die Bedürfnisse eines anderen keine Aussage über den eigenen Wert sind. Ich gehöre selbst zu den Menschen, die sehr gut allein glücklich sein können, ich habe sogar ein (sehr menschliches) ausgeprägtes Bedürfnis nach dem Alleinsein. Nicht jede Sekunde mit noch so geliebten Menschen verbringen zu wollen, heißt nicht, dass ich diese Menschen weniger liebe.

(Zur Entstehungsgeschicht erzähle ich auch gerne mehr: Mein älteres Kind habe ich gerne „Kätzelchen“ genannt, als es kleiner war. Das jüngere Kind kam mit einem mittelschweren Klumpfuß auf die Welt, und mein Partner machte eine Bemerkung, dass er das Igelchen-Lied mit der Text-Zeile „…deine Beine sind krumm…“ nun nicht mehr singen möge. Ich habe das genau anders empfunden, und so wurde das kleine Kind eben Igelchen. Das Igelchen saß im Krabbelalter des öfteren vor der Zimmertür des Kätzelchens und durfte nicht herein. Ich konnte beide Bedürfnisse nachvollziehen, und darüber kam ich auf die Idee. „Füchsin und Dachs“ folgte dann im Schwung des Reimens. Der Gedanke, dass Unterschiede, wenn sie als positiv angenommen werden, eben zu einer ausgewogenen Gemeinschaft führen, ist aber natürlich in der Kindererziehung, zb. als Beispiel für eine gute Beziehung zwischen den Eltern, auch Thema.)

Was sind deine nächsten Projekte?

Da ich gerade nach zwei Jahren des Herumpuzzelns in meiner Selbständigkeit einen Aufschwung erlebe, gibt es viele Projekte, bzw. das eine große Projekt, so viel arbeiten zu können, dass ich mich einem nennenswerten Einkommen nähere, möglichst, ohne dabei auf zu viel meiner familiären Bedürfnisse und andere Leidenschaften verzichten zu müssen.

Es gibt zwei Arbeiten von mir, die derzeit auf ihre Veröffentlichung warten, besser gesagt, auf die ich hin fiebere. Das eine ist ein Beitrag, den ich für die Webseite einer Galerie in Amsterdam geschrieben habe, eine Studienfreundin arbeitet dort: beeldend gesproken. Ich habe für sie erläutert, warum ich mit meinem 9-jährigen Kind über Selbstmordgedanken gesprochen habe.

Das zweite Projekt liegt schon lange in der Pipeline, aus unterschiedlichen Gründen. Für den Verlag eines Freundes, édition moustache (gibt leider noch keine Webseite), habe ich die Biografie von Yoram Gross aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, ein australischer Trickfilmproduzent, der den Holocaust als Jude in Polen mit viel Erfindungsgeist überlebt hat. Der Verlag hat sehr spezielle Themen im Portfolio, die nicht zwingend zu Assoziationen mit dieser bewegenden Geschichte einladen, aber es dreht sich grundsätzlich immer um Filme. Meine Übersetzung dreht mir wahrscheinlich zwei Jahre nach der Erstellung den Magen um – an jedem Text könnte ich hinterher immer noch ein bisschen was machen – aber ich habe eine Verteidigung. Yoram Gross, der kein wortgewandter Autor, sondern ein sehr pragmatischer Macher war, schrieb seine Memoiren auf Polnisch und ließ diese wortwörtlichins Englische übersetzen und anschließend sozusagen sprachlich glattziehen. Diese zweite englische Version lag mir dann zur Übersetzung ins Deutsche vor. Ich möchte behaupten, ich habe den Stil und Charakter von Yoram Gross ganz gut eingefangen, es klingt nur eben als deutscher Text möglicherweise etwas eigen.

Und selbstverständlich gibt es immer die nächste „Frau der Woche“ als Projekt. Mein erklärtes Ziel ist es, immer vier Wochen im Voraus Beiträge geschrieben und zur Veröffentlichung geplant zu haben. Die Realität sieht leider derzeit so aus, dass ich jede Woche ganz schnell recherchiere und mich für eine Frau* entscheide, die hoffentlich nicht gerade gestern Geburtstag hatte. Über allem steht wohl das große Projekt „Selbstorganisation“!

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Ich wünsche deinem Blog und deiner Arbeit noch viele interessierte Leser*innen.

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