Frauenleserin
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… wenn „4 3 2 1“ von einer Frau geschrieben worden wäre

„4 3 2 1“ ist Paul Austers Opus Magnum. Es ist ein literarisches Gedankenexperiment, dass auf der simplen Frage „was wäre, wenn …“ beruht. Im Mittelpunkt des Buchs steht Archie Ferguson, der im Amerika der 50er und 60er Jahren seinen Platz in der Welt sucht. So weit so normal. Das Besondere an „4 3 2 1“ ist jedoch, dass die Leser*innen gleich vier verschiedene Versionen dieser Suche präsentiert bekommen, die sich jeweils ausgehend von einem gemeinsamen Beginn vollkommen unabhängig voneinander entwickeln. Manchmal sind es große, einschneidende Erlebnisse, die das Schicksal des jungen Archie beeinflussen. Mal sind es aber auch ganz leise, unscheinbare und zufällige Begebenheiten, die Archie sanft in eine bestimmte Richtung schubsen.

Was wäre, wenn Archies Vater früh und auf dramatische Weise sterben würde? Was wäre, wenn sich Archie im Kindergartenalter ein Bein brechen würde? Was wäre, wenn Archie seine homosexuellen Neigungen ausleben würde? Was wäre, wenn Archie beim Bücher Stehlen erwischt werden würde? Was wäre, wenn Archies bester Freund noch im Teenageralter sterben würde?

Auch wenn es manchmal etwas unübersichtlich und schwierig wird, sich zu behalten, welcher Archie-Version nun was zustieß, fand ich es spannend, sich auf das Gedankenexperiment einzulassen. Schließlich hätten sich bei allen vier Varianten an jeder beliebigen Stelle beliebig viele weitere Archies entwickeln lassen. Genauso gut kann man aber auch ein paar Schritte zurücktreten und eine ganz andere und – wie ich find – wesentlich spannendere Frage stellen „Was wäre, wenn …“-Frage stellen, nämlich:

Was wäre, wenn „4 3 2 1“ von einer Frau geschrieben worden wäre?

In diesem Fall wäre Archie höchstwahrscheinlich nicht Archie, sondern Annie. Und Annie würde sich gerade in ihrer späten Jugend nicht nur Gedanken über Fragen des richtigen Colleges und Hauptfachs machen, wie Archie es tut. Annie würde auch und zuallererst über Fragen der Familiengründung nachdenken müssen. Gerade in den späten 50er und frühen 60er Jahren, in denen „4 3 2 1“spielt.

Was wäre, wenn Annie früh schwanger würde? Was wäre, wenn Annie sich gegen dieses Kind entscheiden würde? Was wäre, wenn Annie alleinerziehend wäre? Was wäre, wenn Annie gleich nach dem Highschoolabschluss heiraten würde? Was wäre, wenn sich Annie für eine eigene berufliche Karriere entschiede? Was wäre, wenn Annie sich in der Frauenbewegung der 60er Jahre anschließen würde?

Für Paul Austers Archie stellen sich all diese Fragen nicht. Er forciert allein seine beruflichen Pläne. (Und die sind auch noch in allen Versionen reichlich elitär.) Paul Auster macht seinen Archie nicht einmal zu einem (ungewollt) frühen Vater. Das zeigt, wie wenig Platz Kinder und Familie in männlichen Lebensentwürfen einnahmen (und meistens noch immer einnehmen). Selbst bei Amy – einer Figur, die mal Archies Stiefschwester, mal seine Freundin, mal seine Cousine und mal beides auf einmal ist – verpasst Paul Auster die Chance, doch noch das eine oder andere weibliche „Was wäre, wenn …“ zumindest am Rande abzuarbeiten.

Vielleicht wagt tatsächlich irgendwann einmal eine Frau dieses Experiment. Einen Versuch von Chimamanda Ngozi Adichie fände ich spannend. Dann wäre auch gleich noch ein „Was wäre, wenn Annie Afroamerikanerin wäre?“ abgedeckt.

Wenn ich hier aber schon alternative Versionen eines Buchs über alternative (Figuren-) Versionen entwickele:

Was wäre denn, wenn es gleich eine gemischtgeschlechtliche Version, also ein Buch mit männlichen und weiblichen Archies bzw. weiblichen und männlichen Annies, gäbe?
Wären diese Versionen von Anfang an von grundverschiedenen Faktoren beeinflusst? Und wenn ja, von welchen? Und wenn nein, gäbe es später irgendwann einen Bruch? Und wenn ja, wann wäre das? Und wenn nein, wieso vermisse ich dann in Paul Austers „4 3 2 1“ eine Variable?

Und was wäre, wenn man zusätzlich jeweils eine damals- und eine heute-Version hinzufügen würde? Gäbe es Unterschiede? Und wenn ja, worin bestünden sie? Und wenn nein, wieso wird dann behauptet, dass die Gleichberechtigung längst erreicht sei?

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