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Brauchen wir den Frauentag wirklich als gesetzlichen Feiertag?

Der heutige Weltfrauentag ist etwas besonders. Zum allerersten Mal ist er auch in einem deutschen Bundesland – nämlich Berlin – gesetzlicher Feiertag. Und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem wir in Deutschland 100 Jahre Frauenwahlrecht feiern. Endlich am Ziel! Also herrscht künftig am 8. März allgemeine Partystimmung und es regnet rote Rosen für alle Frauen?!

Schon gegen die Tradition, Frauen am 8. März eine Rose (alternativ auch eine Nelke) zu schenken, habe ich eine regelrechte Allergie entwickelt. Auf mich wirkt diese Geste überhaupt nicht respektvoll, wie sie wohl eigentlich gemeint ist,  sondern beschwichtigend, fast schon herablassend. Ich kann mir einfach helfen. Mir kommt dabei immer ein Kind in den Sinn, dem man einen Keks in die Hand drückt, damit sich „die Großen“ noch etwas weiter ungestört unterhalten können. Die Einführung eines gesetzlichen Feiertags potenziert diese Wirkung um ein Vielfaches.

Dabei war das ursprüngliche Ziel des Frauentags ein ganz anderes.

Es sollte ein Tag sein, an dem Frauen laut sind, auf die Straße gehen und für ihre Rechte kämpfen. Ein Frauenkampftag. Als solcher wurde er in Deutschland 1911 auch erstmals ausgerufen. Damals wollten sich die Frauen vor allem das Wahlrecht erkämpfen. Nach dessen Einführung 1918 standen dann die Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, Stärkung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und sexueller Selbstbestimmung.

 

Natürlich sind wir hier schon ein gutes Stück weiter als 1918. Aber die aktuellen Debatten um #metoo, § 219a StGB und der Equal Pay Day machen deutlich, dass auch noch einmal mindestens genauso großes Stück Arbeit vor uns liegt. Der 8. März ist also ebenso sehr weiterhin ein Tag, um zu kämpfen, wie einer, um zu feiern.

Und genau da liegt für mich das Problem. Ein gesetzlicher Feiertag kann nicht beidem gerecht werden. Um das zu begreifen, braucht man sich nur das Schicksal des 1. Mai anzusehen. Der „Tag der Arbeit“ ist schon lange vom Arbeiterkampftag zum feuchtfröhlichen Volkswandertag wahlweise auch Ausnüchterungstag der Mainachtfeier mutiert. (Oder wann warst du zum letzten Mal am 1. Mai tatsächlich auf einer Gewerkschaftsveranstaltung? – Ich war noch nie auf einer. Jedenfalls nicht am 1. Mai.) Dem 8. März wird es als Feiertag ähnlich ergehen.

Noch ernüchternder wird die vermeintliche Sensation um den neuen Berliner Feiertag, wenn man sich dessen Entstehungsgeschichte einmal genauer ansieht.

Denn eigentlich wollte der Berliner Senat gar keinen neuen Feiertag. Nachdem die nördlichen Bundesländer aber den Reformationstag (31.10.) zum Feiertag erklärt hatten, wurde der mediale Druck auf den Berliner Senat schlicht zu groß.

«Und damit hatten wir die Feiertagsdebatte. Die wollte ich nicht. Die hätten wir aus eigener Kraft glaube ich auch nicht angefangen. Aber sie war dann auch nicht mehr wegzubekommen.»

zitiert Berlin.de den Regierenden Bürgermeister Müller.

Danach wurden verschiedene Daten diskutiert. Sogar von einem variablen Feiertag, der jedes Jahr anhand „runder“ Jahrestage neu festgelegt werden sollte, war zwischenzeitlich die Rede. Der Frauentag war schlicht der kleinste gemeinsame Nenner der Berliner Senatsparteien. Eine bewusste, gewollte und aktiv vorangetriebene Entscheidung sieht anders aus.

Mit der Einführung des 8. März als gesetzlichem Feiertag hat Berlin dem Frauentag einen Bärendienst erwiesen. Im besten Fall endete er als Tag des allgemeinen sich gegenseitig auf die Schulter Klopfens. Im schlimmsten Fall reiht er sich in Feier- und Gedenktage wie den Muttertag oder Valentinstag ein. Tage, an denen mit übertrieben-herzlichen Gesten versucht wird, das aufzuwiegen, was das gesamte restliche Jahr schief gelaufen ist, um so das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen. In beiden Fällen sehe ich wenig Grund zum Feiern.

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