Frauenleserin Rezension

„Die Chroniken von Alice“ von Christina Henry

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Der Penhaligon Verlag kündigt „Die Chroniken von Alice“ von Christine Henry als eine „düstere Neuerzählung von „Alice im Wunderland““ an. Das ist eine Kombination, die mich sofort begeistern konnte. Ich mag „Alice im Wunderland“. Und liebe düstere Geschichten. Und auch wenn ich keine Neuerzählung sondern eine Art eigenwilliger, aber nichtsdestotrotz düsterer Fortsetzung vorgefunden habe, hatte ich absolut meinen Spaß beim Lesen. Vor allem und ganz besonders beim ersten Band „Finsternis im Wunderland“.

Der setzt dort ein, wo „Alice im Wunderland“ aufhört: nach ihrer Rückkehr hat man Alice in die Psychiatrie weggeschlossen, denn natürlich hat ihr niemand geglaubt, als sie von sprechenden Tieren und Keksen, die groß und klein machen, und anderen seltsamen Dingen erzählte, die ihr angeblich passiert sein sollten. Ihr Zellennachbar ist der Axtmörder Hatcher, mit dem sich Alice über die Jahre hinweg anfreundet. Als ein Feuer ausbricht, gelingt es Hatcher sich und Alice zu befreien. Den beiden folgt ein unheimliches, finsteres Wesen, das Hatcher größter Alptraum ist: der Jabberwock.

„Die Chroniken von Alice“ spielen in einer weniger fantastischen Welt als das Original: Das Kaninchen, die Raupe, das Walross und Grinsekatze sind beispielsweise Gangbosse und sehr menschlich, auch wenn sie teilweise über magische Fähigkeiten verfügen. Ich mochte diesen Einfall. Es macht die Story etwas realer und lässt sie modern erscheinen.

„Finsternis im Wunderland“ hat einen rasanten Erzählstil mit viel Action und einer ganzen Menge brutaler blutiger Gewalt. Eine abgefahrene Idee jagt die nächste. Auf die vielen sehr plastisch geschilderten Vergewaltigungs- und Missbrauchsszenen, die sich ausschließlich gegen Frauen richtet, hätte ich aber verzichten können, auch wenn es Teil dieser misogynen Welt ist, die Christina Henry baut.

Extrem gut gefallen hat mir die Entwicklung, die Alice durchlebt. Während sie am Anfang als ängstliches Mäuschen dargestellt wird, das von Hatcher beschützt werden muss, um in dieser gnadenlosen Welt überhaupt überleben zu können, wird sie später zur brutalen Kämpferin, die schließlich sogar Hatcher beschützt.

Ja, ich war ziemlich begeistert von „Finsternis im Wunderland“. So begeistert, dass ich direkt den zweiten Band „Die Schwarze Königin“ nachgeschoben habe. Aber – wie leider nur allzu oft bei Mehrteilern – fand ich diesen deutlich schwächer; manchmal sogar regelrecht langweilig.

Christina Henry nimmt deutlich den Speed raus. Und es gibt auch kaum noch von diesen bizarren Varianten der Figuren aus „Alice im Wunderland“, an deren Neuinterpretation durch Christina Henry ich im ersten Band so einen großen Spaß hatte.

Das alles war aber noch nicht das eigentliche Problem. Aber dem zweiten Band fehlt deutlich die Struktur. In „Finsternis im Wunderland“ hatten die beiden eine konkrete Mission.  In „Die Schwarze Königin“ geraten sie gleich zu beginnen von ihrem eigentlichen Weg ab. Erst ganz am Schluss schließt sich der Kreis. Ein wirklicher Überraschungsmoment, der mich vollkommen überwältigen konnte, war aber auch das leider nicht. Dafür gibt es gleich zu Beginn eine Szene, die im gesamten restlichen Buch nicht mehr aufgegriffen wird. Solche losen Fäden kann ich nicht leiden.

In „Die Schwarze Königin“ ist Alice weitestgehend auf sich alleine gestellt, was ja nur die logische Fortführung ihrer Entwicklung des ersten Bandes ist. Und doch macht die Beziehung zwischen ihr und Hatcher einen ziemlichen Wandel durch, den ich zunehmend als bedenklich empfand.

Zu Beginn des ersten Bandes war Hatcher vor allem Beschützer, denn in dieser brutalen, frauenfeindlichen Welt hat sich Alice nicht alleine zurecht gefunden. Aus dieser Abhängigkeit wird im Laufe von „Finsternis im Wunderland“ zuerst eine platonische Liebe und schließlich – in „Die Schwarze Königin“ – eine romantische Beziehung. Alleine dieser Weg ist meines Erachtens bereits höchst fraglich.

Besonders kritisch finde ich dabei aber, die Art, mit der Hatcher seine Liebe für Alice ausdrückt:

„Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas zustößt, Alice. Ich töte dich, bevor ich zulasse, dass das Walross oder sonst wer dich mir wegnimmt.“
„Finsternis im Wunderland“, Seite 104

Dazu kommt, dass sich Hatcher durch einen sehr impulsiven und brutalen Charakter auszeichnet. Immer wieder heißt es in beiden Büchern, in seinem Kopf sei Durcheinander und er träume von Blut. Alice aber relativiert diese potenzielle Gefahr für sich selbst immer wieder, indem sie wiederholt betont, dass er ihr nie etwas tun würde und er eben ein Mann sei. (WTF?!)

Diese ständige Spannung in der Beziehung löst Christina Henry schließlich dadurch auf, dass Hatcher zum Werwolf verzaubert wird. Dadurch erfährt er die körperliche Aufspaltung seiner beiden Naturelle, die Alice bisher ohnehin schon emotional vornahm: das Tierische, Impulsive lebt er nachts als Wolf aus. Seine Fürsorglichkeit kommt tagsüber im Zusammenleben mit Alice zum Tragen.

„… sie dachte auch, dass er in mancher Nacht einfach aufwachen und nach draußen gehen und auf vier Beinen mit dem Mond um Wette laufen würde statt auf zweien. Und wenn das passierte, würde sie sich keine Sorgen machen, denn er würde seine Wildheit ausleben und Blut schmecken, aber am nächsten Morgen würde er zu ihr zurückkommen, um wieder ihr Hatcher zu sein.“
„Die Schwarze Königin“, Seite 289

Die Romantisierung einer so hoch problematischen und ungesunden Beziehung ist fatal und das vollkommen falsche Signal an alle die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die eigentliche Zielgruppe dieser Bücher sind. Liebe kann bestimmt viel bewirken. Aber sie wird aus einem so brutalen Menschen, der sich noch noch durch ein extremes Besitzdenken auszeichnet, bestimmt keinen liebevollen Partner machen. Ich verstehe wirklich nicht, warum solche Stories immer wieder verlegt werden. „Die Chroniken von Alice“ sind da ja noch ein recht harmloses Beispiel, weil es vordergründig keine Liebesgeschichte ist.

Fazit:

„Die Chroniken von Alice. Finsternis im Wunderland“ von Christina Henry begeisterte mich durch das rasante Erzähtempo und die vielen aberwitzigen, bizarren Einfälle, die sie zur klassischen „Alice im Wunderland“ hatte. Hinzu kommt eine Protagonistin, die eine tolle positive Entwicklung durchmacht.

♥♥♥♥ Buchtipp

Die Chroniken von Alice. Finsternis im Wunderland – Christina Henry (Sigrun Zühlke) – Penhaligon Verlag – ISBN: 978-3-7645-3234-5 – 351 Seiten – Hardcover – 18,- – >>Leseprobe<<

In „Die Chroniken von Alice. Die Schwarze Königin“ kann Christina Henry weder Action noch die Einfallsreichtum des erstes Bandes halten. (Und der war nunmal der Hammer und lässt die Erwartungen ziemlich in die Höhe schießen.) Hinzu kommt eine Geschichte, die sehr schnell das eigentliche Ziel aus den Augen verliert, und die Romantisierung einer höchst problematischen und ungesunden Beziehung.

♥♥ lesbar

Die Chroniken von Alice. Die Schwarze Königin – Christina Henry (Sigrun Zühlke) – Penhaligon Verlag – ISBN: 978-3-7645-3235-2 – 335 Seiten – Hardcover – 18,- – >>Leseprobe<<

Mit „Dunkelheit im Spiegelland“ wird im April 2021 der dritte und letzte Band von Christina Henrys „Chroniken von Alice“ erscheinen. Er erhält vier Kurzgeschichten. Nach meiner Enttäuschung über den zweiten Teil werde ich ihn mir ersparen. Sehr vorfreudig und neugierig bin ich aber auf die Neuerzählung von „Peter Pan“, die im Juni 2021 unter dem Titel „Die Chroniken von Peter Pan. Albtraum im Nimmerland“ erscheinen wird. Außerdem sollen noch Neuerzählungen von „Die Meerjungfrau“ (Oktober 2021) und „Rotkäppchen“ (März 2022) folgen.

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