Alle Artikel in: Rezension

„Großmama packt aus“ von Irene Dische

„Großmama packt aus“ ist eine tragische deutsch-jüdische Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts, über die man sich herrlich amüsieren kann. Inhaltlich bietet der Roman nur wenig neues; gleichzeitig ist er aber doch erfrischend originell. In ihrem sehr persönlichen Roman gelingt es Irene Dische scheinbar unvereinbare Gegensätze auf sehr unterhaltsame Weise nicht einander zu verbinden. Über drei Frauengenerationen erzählt Irene Dische in „Großmama packt aus“ die eigene Familiengeschichte. Sie schildert die Ehe ihre Großmutter mit einem deutschen Juden und die daraus entstehenden Schwierigkeiten in Nazideutschland, die Flucht der jungen Familie in die USA und die anschließenden Anstrengungen, um dort Fuß zufassen. Dem Weg der Familie folgt sie schließlich weiter über die nachfolgenden beiden Frauengenerationen bis in die heutige Zeit. So entsteht im Kleinen gleichzeitig ein Porträt des 20. Jahrhunderts. Wie fand ich … … den Einstieg? Selten konnte mich ein Buch bereits mit dem allerersten Satz so sehr für sich einnehmen wie „Großmama packt aus“. Dass meine Enkeltochter so schwierig ist, hängt vor allem mit Carls geringer Spermadichte zusammen. 1. Satz aus „Großmama packt aus“ von Irene Dische …

„Rebellinnen. Hannah Arendt, Rosa Luxemburg und Simone Weil“ von Simone Frieling

Anfang des kommenden Jahres gibt es gleich zwei Mal Anlass, sich an große deutsche Sozialrevolutionärinnen zu erinnern: eine davon ist Rosa Luxemburg, die am 15. Januar 1919 ermordet wurde. Die andere ist Simone Weil, die am 3. Februar 110 Jahre alt geworden wäre. Ihnen und Hannah Arendt widmet die Künstlerin und Schriftstellerin Simone Frieling ihr neues Buch. Hannah Arendt, Simone Weil und Rosa Luxemburg beschäftigten sich mit den großen politischen Fragen ihrer Zeit, in der so viele Weichen für unsere heutige Gesellschaft und Demokratie gelegt wurden. In drei aufschlussreichen Porträts verwebt die Künstlerin und Schriftstellerin Simone Frieling ihre Leben und Werke auf sehr geschickte Weise zu einem stimmigen Gesamtbild und verhilft so zu einem besseren Zugang zu diesen faszinierenden Frauen. Wie fand ich … … die Auswahl der porträtierten Frauen? Mit Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil stellt Simone Frieling drei große Denkerinnen des 20. Jahrhunderts vor. Die kompromisslose Radikalität, mit der sie für ihre Überzeugungen einstanden, faszinieren und inspirieren auch fast 100 Jahre nach ihrem Wirken. Dass sie sich damit nicht (nur) der …

„Frankenstein. Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley

Bereits vor 200 Jahren erschien „Frankenstein. Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley. Ein Buch, dass vollkommen zu Recht zu den Klassikern der Literatur zählt. Bis heute ist das Monster Inspiration für zahlreiche Comicserien und Filme, aber auch beliebtes Halloweenkostüm. Dabei hat das Werk so viel mehr zu bieten als nur Gruselfaktor. Es ist eines der ersten Science Fiction-Bücher und spricht Themen an, die auch heute noch erschreckend aktuell sind. Schon die Entstehungsgeschichte von „Frankenstein. Der moderne Prometheus“ ist außergewöhnlich. Mary Shelley war nämlich gerade einmal 18 Jahre alt, als sie die Grundidee des Romans entwarf. Den Sommer 1816 verbrachte sie mit ihrem späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley und einigen weiteren Reisebegleitern – darunter Lord Byron – am Genfer See. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Paar gesellschaftlich geächtet, denn Percy Shelley war noch verheiratet und Mary bereits mit 16 Jahren von ihm von ihm schwanger. Es war ein verregneter Sommer, den sich Reisegesellschaft damit vertrieb, sich gegenseitig Gruselgeschichten vorzulesen. Irgendwann kamen sie dann auf die Idee, jeder solle eine eigene Geschichte erfinden. Mary ersann eine Geschichte, …

„Putzfrau bei den Beatles“ von Birgit Rabisch

Wie bereits in ihren beiden vorangegangenen Romanen schildert Birgit Rabisch auch in Putzfrau bei den Beatles den Konflikt zwischen der 68er Generation und deren Nachkommen. Und diesmal geschieht dies auf besonders unterhaltsame Weise. Aber vielleicht bin ich da auch ein wenig voreingenommen. Denn für etwas, bei dem es um die Beatles geht, bin ich immer zu haben. In diesem Fall dreht es sich aber nicht um die Fab Four aus Liverpool, sondern um eine Senioren-WG. Früher traten die Rentner als Beatles Coverband auf. Noch heute spricht man sich untereinander mit den Bühnennamen – George, Paul, John und Ringo – an. Da lag es nahe, die WG Yellow Submarine zu nennen. Für den Haushalt ist Jana zuständig, die sich neben ihrer Putzstelle als Schriftstellerin versucht. An die Spleens ihrer Arbeitgeber hat sie sich längst gewöhnt. Erst als der zwölfjährige Leander plötzlich vor der Tür steht und behauptet, Pauls Enkel zu sein, ist es mit dem Frieden der Senioren vorbei. Okay, Titel und Cover sprachen mich nicht wirklich an. Wäre das – wie bei vielen anderen Büchern, …

„Untenrum frei“ von Margarete Stokowski

Es fällt schwer, Untenrum frei in ein bestimmtes Genre einzuordnen. Am ehesten ist es wohl ein Sachbuch, in dem Margarete Stokowski beschreibt, wie Frauen schon früh weibliche Rollenbilder internalisieren und wie schwierig es ist, diese später abzulegen. Dass sie dies mit einer gehörigen Portion Humor und anhand persönlicher Erlebnisse schildert, lässt jedoch auch eine andere Lesart. Letztlich – und das ist auch gleich eine Kernaussage Stokowski (wenn auch in einem anderen Kontext) – ist das Etikett gar nicht so entscheidet. Wichtiger ist, dass „Untenrum frei“ mich dazu anregte, über mich selbst nachzudenken. Margarete Stokowski wurde 1986 geboren und ist damit der Jahrgang meines jüngeren Bruders. Während unserer Schulzeit trennten uns nur drei Klassen. Wir beide wuchsen – wie alle Kinder der 90er – im Geiste von Gameboy, Bravo, Backstreet Boys und Space Girls auf. Der Umstand, dass wir zur gleichen Generation gehören, machte es mir leicht, die persönlichen Erlebnisse, die Margarete Stokowski in Untenrum frei beschreibt, auf mein eigenes Leben zu übertragen. Dieser neue Blick auf die eigene Vergangenheit ist eine sehr spannende Reise. Mich hat …

„Mit Vivienne Westwood an der Nähmaschine. Revolution auf dem Laufsteg“ von Gernot Uhl

Gernot Uhls Biografienblog „Eulengezwitscher“ ist schon seit langem ein von mir gerne und oft besuchter Blog. Wir teilen die Liebe zu außergewöhnlichen Lebensläufe. Daher war ich sofort begeistert, als ich erfuhr, dass mit der „Bibliothek der Wagemutigen“ ein paar von Gernot Uhls Texten nun als E-Book erscheinen. In seiner E-Book-Reihe erzählt Gernot Uhl von Menschen, die Geschichte machten, indem sie ihren inneren Überzeugungen folgten und so nicht selten auch einmal unbequem oder unverstanden waren. Mich faszinieren solche Lebensgeschichten, weil sie dazu inspirieren, weniger auf andere zu schauen. Vor allem außergewöhnliche weibliche Lebensentwürfe finde ich spannend. Daher habe mich als erste E-Book von Gernot Uhls „Bibliothek des Wagemutigen“ die Biografie über Vivienne Westwood vorgenommen. „Mit Vivienne Westwood an der Nähmaschine“ ist eine spannend und flüssig zu lesende Biografie über die Erfinderin des Punk-Looks. Obwohl das E-Book in einem für Biografien typischen eher nüchternen Sachbuchton geschrieben ist, überzeugten mich vor allem Gernot Uhls Beschreibungen der von Vivienne Westwood entworfenen Outfits. Diese sind so präzise und detailliert wiedergegeben, dass ich ein deutliches Bild davon vor Augen hatte, obwohl …

„Das Unglück anderer Leute“ von Nele Pollatschek

Es ist ein weit verbreitetes Phänomen, dass trotz aller guter Absichten und freudiger Erwartungen aus der vermeintlich besinnlichen Zeit des Jahres plötzlich ein handfester Familienstreit wird. Wenn man gleich mehrere Tage hintereinander mit den lieben Verwandten verbringt, werden aus kleinen Macken schnell ausgewachsene Probleme und man fragt sich „Wieso sind in meiner Familie eigentlich alle bekloppt?“ Wem über die Weihnachtsfeiertage genau diese Gedanken kamen, empfehle ich Das Unglück anderer Leute von Nele Pollatschek, nach dessen Lektüre – das garantiere ich – einem die eigene Familie plötzlich als die normalste der Welt vorkommt. Worum geht es? Thene ist Mitte 20, studiert in Oxford Literatur und verbringt die Semesterferien am liebsten bei ihrem Freund in Heidelberg, von wo aus sie gemeinsam in den Odenwald fahren, um den Tag auf Klappstühlen auf einer Waldlichtung zu verbringen. In dieser friedlichen Idylle gelingt es Thene, den nötigen Abstand von ihrer anstrengenden Patchwork-Familie zu finden. Nun aber steht die Abschlussfeier in Oxford an und natürlich sind ihre manipulative Mutter Astrid, die über ihren unermüdlichen Versuchen, die Welt zu retten, gerne die …

„Die Spionin“ von Paulo Coelho

Paulo Coelho ist ein Autor, von dem ich bis vor kurzem noch nichts gelesen hatte, obwohl ich es mir immer wieder vorgenommen habe. Mit seinem kürzlich erschienenen Roman Die Spionin über das Leben von Mata Hari hat er nun genau meine Lesevorliebe getroffen. Und dank Vorablesen und dem Diogenes Verlag durfte ich das Buch sogar bereits vor dem offiziellen Erscheinungstermin lesen. So begleitete es mich in der letzten Woche nach Hong Kong. Warum ich Die Spionin dann in einem Rutsch durchgelesen habe und so angetan davon bin, verrate ich Euch in diesem Beitrag. Worum geht es? Paulo Coelho verleiht in Die Spionin Mata Hari eine eigene Stimme. In einem (fiktiven) Brief, den sie kurz vor ihrer Hinrichtung aus dem Gefängnis an ihren Anwalt schreibt, lässt er Mata Hari ihr Leben noch einmal revuepassieren: ihre unglückliche Ehe in Niederländisch-Ostindien, ihre Erfolge als exotische Tänzerin und wie es in den Wirren des Ersten Weltkriegs zur Anklage wegen Spionage und als Doppelagentin kam. Wie fand ich … … den Einstieg? In einem Prolog stellt Paulo Coelho dem eigentlichen …