Alle Artikel in: Rezension

„Flügel in Flammen“ von Dagny Juel

Es kommt sehr selten vor, dass ich mich an einen Lyrikband wage. Für „Flügel in Flammen“ habe ich jetzt aber eine ganz seltene Ausnahme gemacht. Allerdings muss ich zugeben, dass es hauptsächlich die Frau dahinter war, der der Übersetzer Lars Brandt im zweiten Teil des Buchs in einem Essay näher zu kommen versucht, die mich dazu bewog. In Deutschland ist die norwegische Schriftstellerin Dagny Juel weitestgehend unbekannt. Das erstaunt nicht nur deshalb, weil sie den Großteil ihres Werks in Deutschland verfasste, sondern auch weil sie eine sehr schillernde Persönlichkeit war, die großen Künstlern wie Edward Munch den Kopf verdrehte. Sie war zugleich die Muse und eine zentrale Person der Berliner Boheme. Um Dagny Juel ranken sich viele Legenden und Mythen. Dies mag auch mit ihrem Tod zu tun haben, denn Juel wurde 1901 mit nur 34 Jahren von einem Anhänger ihres Mannes, einem polnischen Dichter und Satanisten, ermordet. Mit Hilfe ihres Werks, dass im ersten Teil von „Flügel in Flammen“ erstmals komplett in deutscher Sprache veröffentlicht ist, begibt sich Lars Brandt dennoch auf die Suche …

„Der Report der Magd“ von Margaret Atwood

Margaret Atwood im Allgemeinen und „Der Report der Magd“ im Speziellen erleben zur Zeit einen richtigen Hype. 2017 wurde der Roman, der bereits 1987 erstmals in Deutschland erschien, erfolgreich als Fernsehen-Serie verfilmt. Im gleichen Jahr erhielt Atwood zudem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ich habe einen recht ambivalenten Eindruck von „Der Report der Magd“. „In ihrem 1985 (dt. 1987) erschienenen dystopischen Roman „Der Report der Magd“ beschreibt sie in der Tradition George Orwells eine totalitäre Ge­sellschaft, in der Frauen als Gebärmaschinen benutzt und unterdrückt werden.“ – aus der Pressemeldung „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an Margaret Atwood“ Margaret Atwood widmet sich in „Der Report der Magd“ gleich mehreren frauenpolitischen Themen. Sie zeigt zum einen, wie Religion missbraucht wird, um ein totalitäres Patriarchat zu installieren und ideologisch zu untermauern. Dass es im Falle von „Der Report der Magd“ hierzu zur Abwechslung einmal die Bibel und nicht der Islam benutzt wird, macht diesen Aspekt des Romans umso interessanter und aussagekräftiger. Hierdurch macht Atwood klar, dass grundsätzlich jede Religion frauenfeindliche Tendenzen besitzt, die dazu verwendet werden können, um die Unterdrückung …

„Der gute Sohn“ von Jeong Yu-Jeong

Wenn eine Autorin als „Südkoreas Antwort auf Stephen King“ angekündigt wird, weckt das natürlich sofort mein Interesse. Gleichzeitig liegt die Messlatte damit aber sehr hoch. Unter meine Neugier auf Jeong Yu-Jeongs neustes Buch mischte sich daher auch ein wenig Skepsis. Auf den ersten Seiten wurden meine Bedenken dann auch noch prompt bestätigt. Fast schon quälend kleinteilig beschreibt Yu-Jeong die Ausgangsszene. Die aber ist so rätselhaft, dass ich mich gerne hierauf einließ.  Der Roman beginnt damit, dass Ich-Erzähler Yu-Jin mit einem Filmriss aufwacht. Zu seinem Entsetzen ist er vollkommen blutverschmiert, aber es kommt noch viel schlimmer: Im Wohnzimmer findet er seine Mutter mit aufgeschnittener Kehle in einer riesigen Blutlache liegen. Im Folgenden schickt Yu-Jeong ihre Leser*innen auf Spurensuche. Schnell entwickelt sich eine beängstigende Eigendynamik. Was man dabei über Yu-Jin erfährt, ist wesentlich mehr und noch sehr viel grausiger als die Ereignisse des vorherigen Abends.  Yu-Jeong lässt ihre Leser*innen in die tiefen Abgründe der menschlichen Seele blicken. Einen besonderen Nervenkitzel erhält „Der gute Sohn“ dadurch, dass er nicht einfach nur grausige Dinge und Handlungen beschreibt. Yu-Jeong zeigt …

„Großmama packt aus“ von Irene Dische

„Großmama packt aus“ ist eine tragische deutsch-jüdische Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts, über die man sich herrlich amüsieren kann. Inhaltlich bietet der Roman nur wenig neues; gleichzeitig ist er aber doch erfrischend originell. In ihrem sehr persönlichen Roman gelingt es Irene Dische scheinbar unvereinbare Gegensätze auf sehr unterhaltsame Weise nicht einander zu verbinden. Über drei Frauengenerationen erzählt Irene Dische in „Großmama packt aus“ die eigene Familiengeschichte. Sie schildert die Ehe ihre Großmutter mit einem deutschen Juden und die daraus entstehenden Schwierigkeiten in Nazideutschland, die Flucht der jungen Familie in die USA und die anschließenden Anstrengungen, um dort Fuß zufassen. Dem Weg der Familie folgt sie schließlich weiter über die nachfolgenden beiden Frauengenerationen bis in die heutige Zeit. So entsteht im Kleinen gleichzeitig ein Porträt des 20. Jahrhunderts. Wie fand ich … … den Einstieg? Selten konnte mich ein Buch bereits mit dem allerersten Satz so sehr für sich einnehmen wie „Großmama packt aus“. Dass meine Enkeltochter so schwierig ist, hängt vor allem mit Carls geringer Spermadichte zusammen. 1. Satz aus „Großmama packt aus“ von Irene Dische …

„Rebellinnen. Hannah Arendt, Rosa Luxemburg und Simone Weil“ von Simone Frieling

Anfang des kommenden Jahres gibt es gleich zwei Mal Anlass, sich an große deutsche Sozialrevolutionärinnen zu erinnern: eine davon ist Rosa Luxemburg, die am 15. Januar 1919 ermordet wurde. Die andere ist Simone Weil, die am 3. Februar 110 Jahre alt geworden wäre. Ihnen und Hannah Arendt widmet die Künstlerin und Schriftstellerin Simone Frieling ihr neues Buch. Hannah Arendt, Simone Weil und Rosa Luxemburg beschäftigten sich mit den großen politischen Fragen ihrer Zeit, in der so viele Weichen für unsere heutige Gesellschaft und Demokratie gelegt wurden. In drei aufschlussreichen Porträts verwebt die Künstlerin und Schriftstellerin Simone Frieling ihre Leben und Werke auf sehr geschickte Weise zu einem stimmigen Gesamtbild und verhilft so zu einem besseren Zugang zu diesen faszinierenden Frauen. Wie fand ich … … die Auswahl der porträtierten Frauen? Mit Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil stellt Simone Frieling drei große Denkerinnen des 20. Jahrhunderts vor. Die kompromisslose Radikalität, mit der sie für ihre Überzeugungen einstanden, faszinieren und inspirieren auch fast 100 Jahre nach ihrem Wirken. Dass sie sich damit nicht (nur) der …

„Frankenstein. Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley

Bereits vor 200 Jahren erschien „Frankenstein. Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley. Ein Buch, dass vollkommen zu Recht zu den Klassikern der Literatur zählt. Bis heute ist das Monster Inspiration für zahlreiche Comicserien und Filme, aber auch beliebtes Halloweenkostüm. Dabei hat das Werk so viel mehr zu bieten als nur Gruselfaktor. Es ist eines der ersten Science Fiction-Bücher und spricht Themen an, die auch heute noch erschreckend aktuell sind. Schon die Entstehungsgeschichte von „Frankenstein. Der moderne Prometheus“ ist außergewöhnlich. Mary Shelley war nämlich gerade einmal 18 Jahre alt, als sie die Grundidee des Romans entwarf. Den Sommer 1816 verbrachte sie mit ihrem späteren Ehemann Percy Bysshe Shelley und einigen weiteren Reisebegleitern – darunter Lord Byron – am Genfer See. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Paar gesellschaftlich geächtet, denn Percy Shelley war noch verheiratet und Mary bereits mit 16 Jahren von ihm von ihm schwanger. Es war ein verregneter Sommer, den sich Reisegesellschaft damit vertrieb, sich gegenseitig Gruselgeschichten vorzulesen. Irgendwann kamen sie dann auf die Idee, jeder solle eine eigene Geschichte erfinden. Mary ersann eine Geschichte, …

„Putzfrau bei den Beatles“ von Birgit Rabisch

Wie bereits in ihren beiden vorangegangenen Romanen schildert Birgit Rabisch auch in Putzfrau bei den Beatles den Konflikt zwischen der 68er Generation und deren Nachkommen. Und diesmal geschieht dies auf besonders unterhaltsame Weise. Aber vielleicht bin ich da auch ein wenig voreingenommen. Denn für etwas, bei dem es um die Beatles geht, bin ich immer zu haben. In diesem Fall dreht es sich aber nicht um die Fab Four aus Liverpool, sondern um eine Senioren-WG. Früher traten die Rentner als Beatles Coverband auf. Noch heute spricht man sich untereinander mit den Bühnennamen – George, Paul, John und Ringo – an. Da lag es nahe, die WG Yellow Submarine zu nennen. Für den Haushalt ist Jana zuständig, die sich neben ihrer Putzstelle als Schriftstellerin versucht. An die Spleens ihrer Arbeitgeber hat sie sich längst gewöhnt. Erst als der zwölfjährige Leander plötzlich vor der Tür steht und behauptet, Pauls Enkel zu sein, ist es mit dem Frieden der Senioren vorbei. Okay, Titel und Cover sprachen mich nicht wirklich an. Wäre das – wie bei vielen anderen Büchern, …

„Untenrum frei“ von Margarete Stokowski

Es fällt schwer, Untenrum frei in ein bestimmtes Genre einzuordnen. Am ehesten ist es wohl ein Sachbuch, in dem Margarete Stokowski beschreibt, wie Frauen schon früh weibliche Rollenbilder internalisieren und wie schwierig es ist, diese später abzulegen. Dass sie dies mit einer gehörigen Portion Humor und anhand persönlicher Erlebnisse schildert, lässt jedoch auch eine andere Lesart. Letztlich – und das ist auch gleich eine Kernaussage Stokowski (wenn auch in einem anderen Kontext) – ist das Etikett gar nicht so entscheidet. Wichtiger ist, dass „Untenrum frei“ mich dazu anregte, über mich selbst nachzudenken. Margarete Stokowski wurde 1986 geboren und ist damit der Jahrgang meines jüngeren Bruders. Während unserer Schulzeit trennten uns nur drei Klassen. Wir beide wuchsen – wie alle Kinder der 90er – im Geiste von Gameboy, Bravo, Backstreet Boys und Space Girls auf. Der Umstand, dass wir zur gleichen Generation gehören, machte es mir leicht, die persönlichen Erlebnisse, die Margarete Stokowski in Untenrum frei beschreibt, auf mein eigenes Leben zu übertragen. Dieser neue Blick auf die eigene Vergangenheit ist eine sehr spannende Reise. Mich hat …