Autor: Kerstin Herbert

Wir sollten alle viel mehr über Menstruation reden; immer mehr Bücher tun es bereits.

Im Mai habe ich mich, wenn auch nur sporadisch, an der #instafeminismus Challenge von Filmlöwin beteiligt. Ein Thema war Menstruation. In meinem Beitrag habe ich unter anderem auch erzählt, wie schlecht (bzw. nicht vorhanden) der Aufklärungsunterricht zum weiblichen Körper für mich war. Die Kommentare zeigten, dass ich mit dieser Erfahrung nicht allein bin. Es ist nicht nur schade, dass viele so wenig über das Thema Menstruation wissen, sondern auch dass es noch immer ein Tabuthema ist, über das offensichtlich nicht einmal Biologielehrer gerne sprechen. Das Ergebnis ist, dass bestenfalls ein gefährliches Halbwissen besteht. Das führt nicht nur zu lächerlichen Vorurteilen. Auch in Sachen Verhütung ist das Unwissen groß. Ich habe eine Bekannte, die jung ungewollt Mutter wurde, weil sie und ihr Partner den Termin des Eisprungs falsch berechneten. Mal ganz davon abgesehen, dass das sowieso keine sichere Verhütungsmethode ist, da Spermien einige Tage „überleben“, war den beiden nicht klar, dass der Eisprung nicht zwangsläufig 14 Tage nach der letzten Periode, ja nicht einmal in der Zyklusmitte liegen muss. Und dabei handelt es sich um zwei …

„Hunger (Die Geschichte meines Körpers)“ von Roxane Gay

Zu Beginn des Jahres machte ich eine Liste mit einigen Backlist Büchern, die ich 2019 endlich lesen möchte. Darunter befand sich auch „Hunger. A Memoire of my Body“ von Roxane Gay. Dass das Buch – genau wie „Bad Feminist“ – vor Kurzem auch in deutscher Sprache erschien, traf sich deshalb sehr gut. In „Hunger. Die Geschichte meines Körpers“ beschreibt Roxane Gay ihr Leben, in einem „widerspenstigen Körper“; einem Körper, den es ihr nicht gelingt, zu „bändigen“, so ihre eigenen Worte. Dabei erzählt sie nicht nur über die Probleme, die mit ihren Körpermaßen einhergehen und den Vorurteilen, vor denen sie immer wieder steht. Sie beschreibt auch, wie es dazu kam, dass sie nicht mehr aufhören konnte, zu essen. Und das in einer unbeschönigten Deutlichkeit, das es an einigen Stellen nur schwer zu ertragen ist. Gays Direktheit und Offenheit sind mehr als beeindruckend; nicht zuletzt weil sie dabei bisweilen mit sich selbst hart ins Gericht geht. In dieser unverhohlenen Erzählweise beschreibt sie, wie sie als Jugendliche von ihrem Freund und dessen Bekannten vergewaltigt wurde. Wie sie sich nicht traute, …

„Schloss aus Glas“ von Jeannette Walls

Ich glaube, mir ist eine Rezension noch nie so schwer gefallen wie für „Schloss aus Glas“. Mehrmals habe ich damit begonnen und immer wieder habe ich meine Texte gelöscht. Nie wollte es mir gelingen, die ganze Bandbreite an Emotionen und Gedanken, die der autobiografische Roman bei mir auslöste, voll zu erfassen. „Schloss aus Glas“ hat mich – genau wie die Verfilmung – tief bewegt. Mir kommen bei einem Buch nur sehr selten die Tränen; bei „Schloss aus Glas“ war dies der Fall. Dennoch ist es keine rührselige oder „traurige“ Geschichte. Nicht nur und defintiv nicht in erster Linie, denn Jeanette Walls Kindheit, die sie in dem Roman beschreibt, war sehr glücklich. Sie war geprägt von scheinbar grenzenloser Freiheit und Abenteuern. „Schloss aus Glas“ ist die Geschichte einer schwierigen Vater-Tochter-Beziehung. Jeannette Walls beschreibt, wie tief sie von ihrem Vater enttäuscht wurde und wie sie schließlich komplett mit ihm bricht. Aber sie beschreibt auch, wie liebevoll, geduldig und fantasievoll ihr Vater mit ihr umging und wie er immer für sie da war – auf seine Art. Und …

Brauchen wir wirklich eine gendergerechte Sprache?

Die einen würden sie am liebsten abschaffen. Die anderen sähen sie gerne im Duden. Gendergerechte Sprache polarisiert nicht nur; sie ist längst zum ideologischen Thema geworden. Der Verein Deutsche Sprache etwa sorgt sich „um die zunehmenden, durch das Bestreben nach mehr Geschlechtergerechtigkeit motivierten zerstörerischen Eingriffe in die deutsche Sprache“. Er fordert „Schluss mit dem Gender-Unfug!“ und ruft zum „Widerstand“ auf. Mehr als 71.000 Unterschriften hat der Verein bereits gesammelt. Unter den ersten 100 befinden sich immerhin 23 Frauen, u.a. auch namenhafte Autorinnen wie Angelika Klüssendorf und Judith Hermann. Die Argumente sind dabei nicht neu und durchaus zutreffend. So besteht in der deutschen Sprache tatsächlich kein fester Zusammenhang zwischen dem grammatikalischen und dem natürlichen Geschlecht. Und ob die neuen Wortschöpfung nun das eigene sprachliche Ästhetikempfinden stören, muss jede selbst für sich entscheiden. Aber stimmt es wirklich, dass eine gendergerechte Sprache nicht dazu beiträgt, Frauen zu mehr Rechten zu verhelfen? Johanna Usinger und Philipp Müller, die Betreiber der Internetseite „Geschickt Gendern“ sehen das anders. Ihrer Meinung nach beeinflusst Sprache auch das Denken. Daher reiche es nicht aus, Frauen …

„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Auf der Suche nach modernen Klassikern aus weiblicher Feder stößt man unwillkürlich auf „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee. Als 2015 die Urversion „Gehe hin, stelle einen Wächter“ auftauchte, erlebte das Werk eine Art Renaissance. Und wie so oft bei gehypten Büchern habe ich es damals zwar gekauft, dann aber doch nicht gelesen. Die Überpräsenz schreckte mich ab. Erst jetzt – mit einigem Abstand – habe ich mich herangetraut. Über „Wer die Nachtigall stört“ gibt es eine Menge Spekulationen und Gerüchte. So soll der Roman stark autobiografisch sein. Vor allem in den lebhaften Beschreibungen einer Kindheit in den amerikanischen Südstaaten der 30er Jahre soll Harper Lee viele eigene Erlebnisse verarbeitet haben. Harper Lee selbst hat dies aber stets bestritten. Andere behaupten, dass „Wer die Nachtigall stört“ in Wahrheit aus der Feder von Truman Capote stamme. Hauptargument dieser Theorie ist, dass Harper Lee danach nie wieder etwas veröffentlichte. Und auch wenn diese Behauptung mittlerweile durch Briefe widerlegt werden konnte, ist zumindest Fakt, dass Truman Capote und Harper Lee in der gleichen Kleinstadt aufwuchsen und sich schon als Kinder …

„Der Gott am Ende der Straße“ von Luise Erdrich

Es sind große Fußstapfen, in die Luise Erdrich mit „Der Gott am Ende der Straße“ hineintreten möchte. Bereits in seiner Vorschau auf das aktuelle Frühjahrsprogramm verglich der Aufbau Verlag es mit „Der Report der Magd“. Tatsächlich lassen sich die Parallelen nicht von der Hand weisen. In beiden Romanen spielen Religion und Frauenhass zentrale Rollen. Luise Erdrich entwirft in „Der Gott der Straße“ eine Zukunftsvision, in der schwangere Frauen verfolgt und inhaftiert werden. Nachdem sich die Evolution aus ungeklärten Gründen wieder zurückentwickelt und sich Neugeborene auf lange vergangenen Evolutionsstufen entwickeln, werden Schwangerschaften zur gesellschaftlichen Bedrohung. Auch die Protagonistin Cedar ist schwanger und damit wahrscheinlich in Lebensgefahr, denn man munkelt, dass keine der aufgegriffenen Schwangeren nach der Geburt wiedergesehen wurde. Also taucht sie unter und lebt fortan mit der ständigen Angst, dass ihre Schwangerschaft erkannt und sie denunziert wird. Der Roman stellt eine Art Tagebuch dar, das Cedar für ihr ungeborenes Kind über die Erlebnisse während dieser Zeit schreibt. Darin stehen die Beschreibungen vom Verfall der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung und der Rückentwicklung der Evolution in einem starken Kontrast …

Bücher von Frauen, die man gelesen haben muss

Die meisten Bücher lese ich und vergesse sie mehr oder weniger schnell wieder. Als Unterhaltungs- und Vielleserin ist das wohl normal. Selbst Bücher, die ich gerne und mit Begeisterung las, verblassen irgendwann doch wieder. Aber von Zeit zu Zeit stoße ich auch auf ein Buch, das ich auch noch nach Jahren in bester Erinnerung habe. Einen Teil dieser Bücher habe ich hier zusammengetragen. Wie immer bei mir gehen Genre und Themen bunt durcheinander. Zwei Dinge ist allen Büchern aber gemeinsam: es sind echte Lieblingsbücher und sie sind alle von Frauen geschrieben. „Binewskis. Verfall einer radioaktiven Familie“ von Katherine Dunn „Binewskis – Verfall einer radioaktiven Familie“ ist ein Buch, wie ich es in dieser Form noch nie gelesen habe. Es verdient eine eigene Kategorie, denn es ist gleichzeitig Horror, Gesellschaftskritik und Familienroman – und auch gar nichts davon. Die Geschichte entwickelt einen solchen Sog, dass ich das Buch am liebsten am Stück durchgelesen hätte. Am Ende blieb ich atemlos, verwirrt, tief bewegt und nachdenklich zurück. zu meiner Rezension „Frankenstein. Der moderne Prometheus“ von Mary Shelley Bereits vor 200 Jahren …

„Flügel in Flammen“ von Dagny Juel

Es kommt sehr selten vor, dass ich mich an einen Lyrikband wage. Für „Flügel in Flammen“ habe ich jetzt aber eine ganz seltene Ausnahme gemacht. Allerdings muss ich zugeben, dass es hauptsächlich die Frau dahinter war, der der Übersetzer Lars Brandt im zweiten Teil des Buchs in einem Essay näher zu kommen versucht, die mich dazu bewog. In Deutschland ist die norwegische Schriftstellerin Dagny Juel weitestgehend unbekannt. Das erstaunt nicht nur deshalb, weil sie den Großteil ihres Werks in Deutschland verfasste, sondern auch weil sie eine sehr schillernde Persönlichkeit war, die großen Künstlern wie Edward Munch den Kopf verdrehte. Sie war zugleich die Muse und eine zentrale Person der Berliner Boheme. Um Dagny Juel ranken sich viele Legenden und Mythen. Dies mag auch mit ihrem Tod zu tun haben, denn Juel wurde 1901 mit nur 34 Jahren von einem Anhänger ihres Mannes, einem polnischen Dichter und Satanisten, ermordet. Mit Hilfe ihres Werks, dass im ersten Teil von „Flügel in Flammen“ erstmals komplett in deutscher Sprache veröffentlicht ist, begibt sich Lars Brandt dennoch auf die Suche …