4 Herzchen, Krimi, Rezension, Roman
Schreibe einen Kommentar

Rezension #145: „City on fire“ von Garth Risk Hallberg

Über Garth Risk Hallbergs „City on fire“ wurde bereits vor dem Erscheinen der deutschen Übersetzung viel geschrieben. Die sagenhafte Summe von 2 Millionen US-Dollar bekam der Autor für diesen Roman als Vorschuss. Als dann das Hardcover auch bei uns erschien, waren nahezu alle Literaturkritiker aus dem Häuschen. Mich schreckten jedoch zunächst die mehr als 1.000 Seiten ab, die das Werk umfasst. Das änderte sich erst, als ich im November das Taschenbuch und die ungewöhnliche Gestaltung des Romans entdeckte.

Wenn auf dem Klappentext gleich zwei Lieblingsautoren zu finden sind – nämlich Stephen King, der den Roman mit Dickens` Werken vergleicht -, spricht vieles dafür, dass man ein zukünftiges Lieblingsbuch in den Händen hält. Tatsächlich war ich so neugierig auf „City on fire“, dass ich dafür sogar – Stephen King möge es mir nachsehen – meine aktuelle Lektüre („Insomnia“) unterbrach. Bereut habe ich es nicht.

Worum geht es?

Beschreibung des Verlags:

Neujahr 1977. Ein Schneesturm zieht über New York, Feuerwerk erleuchtet den Himmel und im Central Park fallen Schüsse. Die Ereignisse der Nacht bringen eine Gruppe unvergesslicher Menschen zusammen: die schwerreichen Erben William und Regan, zwei Punk-Kids, einen besessenen Magazin-Reporter und einen Cop. Sie alle leben und lieben hier, in der großen Stadt, die bankrott und gefährlich ist und zugleich vor Energie platzt. Als dann am 13. Juli 1977 die Lichter ausgehen, gerät die Stadt in den Ausnahmezustand – und nach dem Stromausfall ist kein Leben wie zuvor. „City on Fire“ ist ein großer Roman über Liebe, Betrug und Vergebung, über Kunst, Wahrheit, Punk und Rock’n’Roll – kraftvoll, überbordend, außergewöhnlich.

Wie fand ich…

… die Gestaltung?

Die Gestaltung des Romans hat nicht unwesentlich dazu beitragen, dass ich mich trotz der mehr als 1.000 Seiten gegen das eBook entschieden habe. Die sieben Bücher, in die der Roman unterteilt ist, sind nicht nur durch schöne Schwarzweiß-Fotos getrennt. Hallberg bedient sich zudem auch nicht ausschließlich dem klassischen Textmedium. Vielmehr reichert er seinen  Roman mit (auf liniertem Papier handgeschriebenen) Briefe, tagebuchähnlichen, selbst gebastelten Fan-Magazinen, (schreibmaschinegeschriebenen) Reportage-Entwürfen und einigem mehr an. Diese unkonventionelle Erzählweise, die auch ein wenig den Spürsinn des Lesers herausfordert, hatte für mich ihren ganz besonderen Reiz.

… die Handlung?

Knapp 1.070 Seiten sind eine Menge Text. Eine ganze Menge. Da sollte man sich nichts vormachen. Dafür bekommt man bei „City on fire“ aber auch eine ganze Menge Handlung. Der Roman ist Krimi, Politthriller und mindestens 3 Familienromane in einem. Die geschickte Verflechtung der einzelnen Handlungsstränge und Spannungsbögen macht „City on fire“ zu einem detailreichen und lebendigen Porträt des New Yorks der ereignisreichen und trüben Jahre 1976/1977.

1.070 Seiten sind eine Menge Text. Eine ganze Mange.

Für den Leser ist es dabei nicht immer einfach, bei dieser komplexen Konstruktion den Überblick zu behalten. Sich auf alle Elemente in gleichem Maße zu konzentrieren, verlangt schon etwas ab. Fokussiert man sich zu sehr auf nur einen Aspekt der Handlung, kann der Roman gerade auf Grund seines Detailreichtums schnell langweilig werden. Aber genau diese Komplexität ist es auch, die für mich die Faszination an „City on fire“ ausmachte: eine so exakte Nachbildungen eines ganzen Kosmos in all seiner Vielfalt, seinen Wechselwirkungen und Zufällen durfte ich bislang noch nicht lesen.

Leider verliert sich Hallberg in dieser Detailarbeit jedoch bisweilen etwas zu sehr. Zwar gelingt es über die gesamte Länge des Romans, alle Bälle gleichmäßig in Bewegung zu halten. Dennoch hätte es „City on fire“ gut getan, wenn sich der Autor zu Gunsten der besseren Lesbarkeit an einigen Stellen von allzu großem Detailreichtum getrennt hätte.

… die Charaktere?

Ähnlich detailreich wie die Handlung sind Hallberg auch seine Charaktere gelungen. Diese wurde mir im Laufe der Lektüre fast schon zu „echten“ Freunden. Dieses Gefühl des tatsächlich Kennens entsteht dabei nicht nur durch die lange Zeit, in der man die Figuren begleitet. Auch Hallbergs große Beobachtungsgabe und die einfühlsamen Schilderungen des Gefühlslebens seiner Charaktere lassen diese dem Leser schnell ans Herz wachsen.

Dass sie aus allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen stammen, gibt zudem jedem ausreichend Möglichkeit zur Identifikation. Da wären die beiden Jugendlichen aus besserer Wohngegend, die es in die noch junge Punkszene zieht. Die magersüchtige Konzern-Erbin, die feststellen muss, dass ihr Ehemann fremd geht. Der homosexuelle, schwarze Lehrer einer Mädchenschule, der seinen Partner nicht von den Drogen losbekommt. Und eine Gruppe Punks mit nihilistischem Weltbild, die in einem besetzten Haus eine Kommune gründen und nachts regelmäßig Häuser in Brand stecken. Ihnen allen gemein ist eine nach außen makellose Fassade, die erst durch die gelungenen Innenansichten ins Wanken geraten.

Zudem stehen alle Figuren trotz all ihrer Unterschiede miteinander in Verbindung. So ist etwa die jungendliche Punkerin auch die Geliebte; der drogensüchtige Freund ist der verschollenen Bruder der reichen Erbin; und diese wiederum geht zum gleichen Psychotherapeuten wie der jugendliche Punker usw… Sicher lässt sich Hallberg vorwerfen, dieses allzu gute Ineinandergreifen sei zu  konstruiert, um tatsächlich die Wirklichkeit zu spiegeln. Ich jedoch fand diese Verbindungen und wie sich diese gegenseitig beeinflussen und auf das Leben der anderen einwirken, faszinierend. Zudem beeindruckte es mich, mit welcher scheinbaren Leichtigkeit, Hallberg dieses enge Personengeflecht für den Leser nach und nach entwirrt.

Die sieben Bücher, in die der Roman unterteilt ist, sind durch Schwarz/Weiß-Fotos getrennt.

… die Erzählweise und Sprache?

Von Kapitel zu Kapitel wechselt Garth Risk Hallberg die Erzählperspektive. Auf Grund der zahlreichen Erzählstränge in „City on fire“ ist es so nicht einfach, sich immer gleich im neuen Kapitel zurecht zu finden. Dem Autor gelingt es jedoch jedesmal, den Leser nach einigen Sätzen so weit einzuführen, dass er den Anschluss nicht verliert.

Ausgehend von den Schüssen in der Silvesternacht 1976/1977, die alle Charaktere scheinbar zufällig zusammenführen, spinnt Hallberg die einzelnen Fäden bis zum Blackout im Sommer 1977 weiter. Unterbrochen und ergänzt wird diese Handlung durch Rückblicke auf Ereignisse, welche die einzelnen Figuren letztlich genau zu dem Punkt brachten, an dem sie in der Silvesternacht stehen. Hierdurch entsteht ein komplexes Bild auf die Figuren, ihre Motive und ihre Motivation. Die Zusammenhänge und das gesamte Beziehungsgeflecht werden so nach und nach entwirrt.

Auch wenn größere zeitliche Sprünge von einem Kapitel zum nächsten nicht selten sind, konnte ich stets gut folgen. Sowohl die einzelnen Bücher als auch die Kapitel sind jeweils zu Beginn mit einem Datum, einem Zeitraum oder einer Jahreszahl versehen. So lässt sich der Text gut einordnen.

Hallbergs Sprache ist vor allem von langen Sätzen und vielen sprachlichen Bildern geprägt. Das Lesen erfordert so etwas Aufmerksamkeit, die es für diesen Roman jedoch ohnehin braucht. Der Detailreichtum und die vielen bildhaften Vergleiche machen es jedoch einfach, sich ein Bild von dem Personen und Handlungsorten sowie der Stimmung der jeweiligen Szene zu machen.

Hallberg reichert seinen Roman u.a. mit selbst gebastelten Fan-Magazinen an.

… den Schluss?

Im einem großen Crescendo während des Blackouts im Sommer 1977, als in ganz New York für mehr als 30 Stunden alle Lichter ausgingen und die Stadt in Plünderungen und Chaos versank, führt Hallberg schließlich alle geschlagenen Bögen gekonnt zu Ende. Falsch gelegte Fährten und Nebenhandlungen verdichten sich zu einem schlüssigen und runden Ganzen.

Leider strapaziert Hallberg die Dramaturgie des bis dahin so realistisch und ein gesponnenen Netzes etwas zu sehr. Auch das für amerikanische Literatur so typische versöhnliche Ende empfand ich nach all der Anarchie und Finsternis dann doch etwas als Bruch.

Wie gefiel mir das Buch insgesamt?

„City on fire“ ist mehr als einfach nur ein sehr dickes Buch. Der Roman und seine Figuren begleitete mich so lange und intensiv, dass es sich irgendwann anfühlte, als würde in ein anderes Leben steigen, wenn ich das Buch wieder aufschlug. Die Figuren wurden zu alten Freunden und das New York der 80er zu einer lebendigen Erinnerung. Dass ich selbst noch nie in New York und zu der Zeit, in der „City on fire“ spielt, noch gar nicht geboren war, machte dabei nichts aus. Hallberg erschafft einen so komplexen, lebendigen und nachhaltigen Kosmos, dass ich mich tatsächlich fühlte, als sei ich wirklich dabei. Angesichts dieses seltenen Leseerlebnisses verzeihe ich gerne die ein oder andere ausufernde Schilderung oder die leichten Misstöne zum Schluss.

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp!

City on fire • Garth Risk Hallberg (Tobias Schneller) • Taschenbuch • 978-3-596-03158-0 • S. Fischer Verlag • 1.070 Seiten • 14,-€

City on fire

City on fire
8

Gestaltung

8.9/10

Handlung

7.7/10

Charaktere

9.3/10

Erzählweise

7.3/10

Schluss

6.8/10

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.