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Auf einen Tee mit Biografienblogger und -autor Gernot Uhl

Endlich darf ich Euch mal wieder ein Interview präsentieren. Zu Gast habe ich dazu Gernot Uhl, Biografien-Blogger „Eulengezwitscher“ und Autor der E-Book-Reihe „Bibliothek der Wagemutigen“, aus der ich Euch >>hier<< bereits die seine Westwood-Biografie vorstellte.

Gernot Uhl ist Jahrgang 1980 und promovierter Politikwissenschaftler. Mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern lebt er im Nahetal am Hunsrück. Schon seit seiner Kindheit sind Lebensgeschichten seine Leidenschaft. Ich habe mit ihm über die Faszination Biografie, seine eigene Buchreihe und das Für und Wider von E-Books gesprochen.

Über die Faszination an Biografien

Gernot, was genau fasziniert dich so sehr an außergewöhnlichen Biografien?

Der Perspektivwechsel. Beim Lesen von Biografien kannst Du die Welt durch andere Augen sehen. Lebensgeschichten mitzuerleben, mich auf ungewohnte Perspektiven einlassen und meine eigene Sicht der Dinge mal hintenanzustellen – das macht für mich die Faszination an Biografien aus.

Bei so viel Leidenschaft für Lebensgeschichten, gibt es doch bestimmt eine Biografie, die du mir besonders an Herz legen kannst – neben deinen eigenen Büchern natürlich.

Dann empfehle Dir das Buch „Helga“ aus dem Krüger-Verlag. (Anmerkung: Verlinkt ist die Ausgbe von S. Fischer.) Helga F. erzählt darin, wie sie entdeckt, dass sie im falschen Körper steckt und schildert ihren schwierigen Weg vom Mann zur Frau. Sie ist einer der ersten Menschen, die den Mut zu einer Geschlechtsanpassung gefunden haben. Dieser Perspektivwechsel hat mich besonders berührt, weil unerwartete und spannende Lebensgeschichten überall zu finden sind und nicht nur bei mehr oder weniger prominenten Menschen.

Gernot über seine E-Book-Reihe

Das Lesen von Biografien und dein Blog waren dir offenbar nicht genug, denn nun bist du auch unter die Buchautoren gegangen. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Ich wollte schon immer schreiben. Die ersten Biografien habe ich nur für mich gemacht. Irgendwann hab ich meinen Freunden mal was vorgelesen – und seitdem kann ich mich über viel Zuspruch und Unterstützung freuen. Zeitung, Doktorarbeit, Blog: Irgendwie sind die E-Books die logische Konsequenz: Gründlich recherchiert und mit Herzblut geschrieben…

Autorenfilm von Gernot Uhl

Wie schwierig war dann schließlich die Umsetzung deiner Idee von einer eigenen Buchreihe über wagemutige Lebensentwürfe?

Weniger schwierig als Deine Frage zu beantworten. Das liegt daran, dass ich die Entscheidung für wagemutige Lebensentwürfe so konkret eigentlich nie getroffen habe. Erst war da das Interesse an den Persönlichkeiten und schließlich habe ich gemerkt, was diese so unterschiedlichen Menschen eint: der Mut, für die eigenen Überzeugungen einzustehen, auch wenn es knifflig wird…

Deine Buchreihe „Bibliothek der Wagemutigen“ erscheint ausschließlich als E-Book. Wieso hast du dich für dieses Format entschieden?

Ursprünglich habe ich tatsächlich an einen Sammelband gedacht – da waren die Porträts auch noch kürzer. Mein Verleger hat mich dann aber davon überzeugt, erstmal nicht mit einem dicken Buch an den Start zu gehen, sondern mit einer Reihe von E-Books ein ganz neues, junges Format zu testen. Kurze, knackige Lebensgeschichten zum Miterleben – ohne den Abschreckfaktor „Wälzer“ – auch noch von einem noch unbekannten Autor…

Auf deinem Blog erklärst du auch sehr ausführlich, was E-Books sind und was man benötigt, um sie lesen zu können. Auf mich wirkt das fast ein wenig so, als hättest du Angst, Deine potenziellen Leser könnten an der Technik scheitern.

Das täuscht. Ich habe eher das Gefühl, dass die vielfältigen Möglichkeiten elektronischen Lesens einfach nicht bekannt genug sind – und das ist sicher kein Versehen der Leserinnen und Leser. Als die Reihe erschienen ist, haben mich jedenfalls genau die Fragen erreicht, die ich im Blog beantwortet habe. Auf der Frankfurter Buchmesse habe ich darüber auch mit den Kollegen von E-Book-Herstellern gesprochen – und solche Rückmeldungen sind offenbar nicht selten… Das ist schade und deshalb will ich gerne dazu beitragen, die Annehmlichkeiten von elektronischem Lesen bekannter zu machen.

Sind denn auch Printausgaben deiner Bücher geplant?

Wenn es nach mir geht: ja! Das hängt aber auch davon ab, wie die E-Books angenommen werden. Da das Feedback und die Rezensionen auf Lovelybooks, Amazon und Co. aber sehr positiv ausfallen, bin ich mal vorsichtig optimistisch…

Wo wir gerade einen kleinen Blick in die Zukunft werfen: wird deine Biografien-Reihe fortgesetzt werden? Auf welche weiteren Lebensgeschichten kann ich mich denn freuen?

Gerade erst ist meine Biografie über den Jahrhundertmaler Pablo Picasso erschienen. Demnächst gibt’s dann meinen Lieblingsschriftsteller Michael Ende. Da steckt – neben dem Messner-Buch – am meisten Herzblut drin! Und für die weitere Zukunft beschäftige ich mich mit dem Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim, der sich für ein friedliches Miteinander im Nahen Osten engagiert und Jugendorchester gegründet hat, in dem Israelis und Araber zusammen musizieren. Und auch Beate Uhse fasziniert mich: Sie hat nicht nur mit der Sexualität ein Tabuthema angepackt und ein Erotik-Imperium aufgebaut, sondern war auch eine der ersten Pilotinnen Deutschlands…

Deine bislang erschienenen E-Books haben ja eher einen geringeren Umfang, den man bequem an einem gemütlichen Nachmittag durchlesen kann. Wird es denn irgendwann auch einmal ein größeres Werk von dir geben?

Hoffentlich. Mir spukt da jedenfalls schon die eine oder andere Idee im Kopf herum, aber eher im belletristischen Bereich. Inwieweit das dann für Verlage interessant ist, bleibt abzuwarten…

Cover von „Mit Vivienne Westwood an der Nähmasschine“ von Gernot Uhl

Ich durfte ja deine Biografie zu Vivienne Westwood lesen und rezensieren. (>> Hier << findet ihr meine Rezension. ) Dabei fiel mir auf, dass du im Gegensatz zu einigen anderen ihrer Biografen eine sehr kritiklose Darstellung dieser doch eher umstrittenen Designerin gewählt hast. Warum?

Weil ich den Leserinnen und Lesern ein eigenes Urteil ermöglichen möchte. Ich mag Biografien nicht, die mir erklären wollen, wie ich jemanden zu finden habe. Und deshalb will ich solche Biografien auch nicht schreiben. Ich möchte lieber möglichst anschaulich beschreiben und nicht werten. Ein Beispiel: Im Buch schildere ich, wie sich Vivienne Westwood im Alltag, zu Schulzeiten und im Urlaub ihren Kindern gegenüber verhält. Ich bin zwei zweifacher Vater und finde ihr Verhalten verantwortungslos. Trotzdem ich nehme nicht für mich in Anspruch, dass meine Meinung der Weisheit letzter Schluss ist. Deshalb halte ich mich, was Wertung angeht, zurück – das heißt aber nicht, dass ich nicht das ganze Bild zeige…

Wagemut als Gegner des inneren Schweinehunds

Deine Buchreihe nennst du „Bibliothek der Wagemutigen“. Was genau macht Wagemut denn eigentlich für dich aus?

Darüber denke ich eigentlich dauernd nach. Mit Reinhold Messner habe ich über Wagemut gesprochen, bevor die Reihe veröffentlicht worden ist – da hatte ich wertvollen Input. Ich denke, dass Wagemut sich im Handeln zeigt, aber in der Auseinandersetzung mit sich selbst anfängt: Wagemutig ist man dann, wenn man seinem inneren Schweinehund die Stirn bietet und auch bei Gegenwind zu seinen Überzeugungen steht.

Hast du selbst auch schon einmal Wagemut bewiesen? Und wenn ja, welche Erfahrungen hast dabei gemacht?

Jedenfalls glaube ich, dass ich ein unangenehmer Gegner für meinen inneren Schweinehund bin. Aber das ist eine Herausforderung, der man sich jeden Tag stellen muss. Und da sieht man mal besser und mal schlechter aus… Eine Erfahrung aus den letzten Wochen: Da bin ich im Südtirol-Urlaub mit meiner fünfjährigen Tochter Bergwandern gewesen. Bei den ersten beiden Versuchen sind wir bis kurz vor den Gipfel der Jaufenspitze gekommen. Manche würden es für wagemutig halten, auch bei schlechtem Wetter und zu später Stunde weiterzugehen. Die Versuchung war groß. Aber für mich war es konsequent, umzukehren – meine Tochter war sehr frustriert – und es drauf ankommen zu lassen, eine weitere Chance zu bekommen. Und siehe da: Im dritten Anlauf haben wir’s doch noch auf den Gipfel geschafft…

Gernot Uhl und seine Tochter als Gipfelstürmer

Gernots Lieblingsschreibplatz

Deinen Lieblingsleseplatz hast du ja schon bei mir vorgestellt. (Nachlesen könnt ihr das 1-2-5-Interview >> hier <<.) Neugierig, wie ich bin, würde mich aber auch dein Lieblingsschreibplatz brennend interessieren. Daher: wo schreibst du eigentlich am liebsten?

Im Sommer schreibe ich am liebsten in einem kleinen, aber feinen Schuppen in meinem Garten. Dort stehen zwei knarzende Schaukelstühle und eine Eckbank mit Tisch. Da drunter liegt manchmal Nachbars Katze und leistet mir Gesellschaft – genau wie eine Galerie von wettergegerbten Heldenfotos: Von der windschiefen Bretterwand schaut mir diese illustre Runde über die Schultern, wenn ich von ihnen erzähle. Und im Winter schreibe ich in meiner kleinen, aber feinen Biografien-Bibliothek.

Hast du eine feste Schreibroutine (z.B. fest Zeiten, zu denen du schreibst) oder ein –ritual? Wenn ja, welche/s?

Nein. Das ist stimmungsabhängig. Schreiben kann ich nur, wenn ich die nötige Ruhe habe, mich auch ganz auf die Menschen einzulassen, um die es geht.

Wie entstehen deine ersten Entwürfe (handschriftlich, getippt, diktiert, …) und warum genauso?

Immer im Kopf. Oft denke ich laut oder rede mit Anderen, ehe ich damit beginne, zu schreiben – dann aber meistens am Rechner. Ich tippe gerne und viel. Oft fange ich im Literaturverwaltungsprogramm an – ich arbeite mit Citavi. Dann geht’s entweder im Manuskript oder auf der Website weiter.

Was ist deine Hauptmotivation beim Schreiben? Schreibst du in erster Linie für dich selbst oder möchtest du eine bestimmte Botschaft vermitteln, auf ein Thema aufmerksam machen oder schlicht unterhalten?

Das Schreiben gehört, so lange ich es kann, zu mir. Ich habe schon nur für mich geschrieben, für Arbeitgeber, für wissenschaftliche Forschung und für andere Menschen. Ich bin froh darüber, dass es so viele gute Motivationen für mein Schreiben gibt…

Vielen Dank für das interessante und ausführliche Interview.


Wer Gernot folgen will, kann das auf folgenden Wegen tun:

Biografien-Blog „Eulengezwitscher“: www.biografien-blog.de
Facebook: https://www.facebook.com/uhlgernot
Twitter: @GernotUhl
Lovelybooks: https://www.lovelybooks.de/autor/Gernot-Uhl/

In Gernots „Bibliothek der Wagemutigen“ bereits erschienen:
• Mit Vivienne Westwood an der Nähmaschine
• Mit Albert Schweizer im Dschungel
• Mit Maria Montessori im Kinderhaus
• Mit Reinhold Messner hoch hinaus
• Mit Axel Springer in Berlin

Ihr findet die Bücher überall, wo es E-Books gibt.

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