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Meine persönliche Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017

Vollkommen unerwartet hat mich das Buchpreisfieber überfallen. Nachdem mich die Longlist im letzten Jahr reichlich enttäuschte, schenkte ich dem Deutschen Buchpreis in diesem Jahr bislang wenig bis keine Beachtung. Als gestern jedoch die Longlist bekannt gegeben wurde, ließ ich mich von der Euphorie meiner BuchbloggerkollegInnen anstecken. Mein Blick auf die Longlist führte dann auch prompt nicht nur zum Auffüllen der Wunschliste, sondern auch zu einigen (Vor-) Bestellungen.

Die Buchpreisblogger und die Longlist

Positiv auf fiel mir bereits im Vorfeld, dass man sich endlich dazu durchringen konnte, den Buchpreisbloggern eine größere Plattform und damit mehr Beachtung zukommen zu lassen. So werden die Beiträge aller offiziellen Buchpreisblogger im Buchpreis-Blog gesammelt. Auch die Interviewserie „Ohne Worte“ gefiel mir gut.

Vor allem dass auch eine Booktuberin unter den Buchpreisbloggern ist, freut mich. Auch wenn ich selbst weder YouTube-Videos drehe noch anschaue, gönne ich es dieser Sparte, endlich etwas ernster genommen zu werden. Noch mehr als Blogger werden Youtuber ja gerne einmal als oberflächliche Teenies mit fehlendem Tiefgang belächelt.

Nach wie vor schade finde ich es jedoch, dass mit Mara Giese von Buzzaldrins die Initiatorin des Projekts nicht mehr unter den Buchpreisbloggern ist. Darüber ob und wie sehr sie es bedauert, lässt sich nur spekulieren, denn auf Twitter äußerte sie bereits ihr Enttäuschung über die Einseitigkeit der Longlist, die die Themen Frauen, Diversity und Person of Color mehr oder weniger komplett ausklammere.

Logo anklicken und komplette Longlist einsehen.

Tatsächlich sprang auch mir direkt ins Auge, wie wenig Autorinnen es auf die Longlist schafften. Von den 20 Nominierungen gingen gerade einmal sieben an Frauen. Die besetzen mit ihren Werken dann auch noch prompt ausnahmslos die typisch weiblichen Themen Beziehung und Familie. Überhaupt ist die Longlist wie gewohnt wieder einmal reichlich elitär und intellektuell. Inwiefern dies tatsächlich die deutsche Literaturlandschaft widerspiegelt, weiß ich nicht; mein Gefühl sagt mir jedoch, dass es die ein gewisses Ungleichgewicht gibt, auch wenn ich nicht bezweifeln möchte, dass alle 20 Titel zu Recht nominiert wurden.

Meine persönliche Shortlist

Als Hobby- und Freizeitleserin möchte ich jedenfalls in erster Linie gut unterhalten werden. Dabei muss es nicht immer nur blutrünstiges Gemetzel sein; auch wenn ich das ebenfalls mit Begeisterung lese. Auch ich habe meinen Spaß an einem gekonnten Umgang mit der deutschen Sprache und nutze Bücher, um mir Themen entweder erstmals oder aus einer anderen Perspektive zu erschließen. In erster Linie lese ich jedoch zur Entspannung, so dass allzu anstrengendes für mich nur sporadisch im großen Sommerurlaub in Frage kommt. Das ist auch der Grund, warum ich auf der letztjährigen Longlist keine für mich interessanten Bücher fand. In diesem Jahr habe ich jedoch gleich acht interessante Titel gefunden, unter denen die Wahl für meine persönliche Shortlist schwer fiel.

Wie immer entstand meine persönliche Shortlist ausschließlich auf Grund der Inhaltsangaben der nominierten Bücher sowie der Leseproben zu den Kandidaten, deren Inhaltsangabe mich besonders reizte. Tatsächlich gelesen habe ich noch keines der Bücher.

(Vor-)Bestellung

Nach Lektüre der Leseprobe sofort in den Warenkorb wanderten folgende Bücher:

Wiener Straßen von Sven Regener

Es ist kein Geheimnis, dass ich großer Fan der Herr Lehman-Reihe von Sven Regener bin. Auch ohne Buchpreis-Nominierung hätte ich das Buch daher vorbestellt. Und zwar als Hardcover und nicht als eBook – eine seltene Ehre, die nur besonderen Schätzen zu teil wird. Dass Sven Regener damit nun auch noch auf der Longlist landete, setzt dem ganz natürlich die Krone auf.

Inhaltsangabe des Verlags:

Ein großer Roman voll schräger Vogel in einer schrägen Welt. Derbe, lustig und bizarr wie seine Protagonisten

Wiener Straße beginnt im November 1980 an dem Tag, an dem Frank Lehmann mit der rebellischen Berufsnichte Chrissie sowie den beiden Extremkünstlern Karl Schmidt und H. R. Ledigt in eine Wohnung über dem Café Einfall verpflanzt wird, um Erwin Kächeles Familienplanung nicht länger im Weg zu stehen. Österreichische Aktionskünstler, ein Fernsehteam, ein ehemaliger Intimfriseurladen, eine Kettensäge, ein Kontaktbereichsbeamter, eine Kreuzberger Kunstausstellung, der Kampf um die Einkommensoptionen Putzjob und Kuchenverkauf, der Besuch einer Mutter und ein Schwangerschaftssimulator setzen eine Kette von Ereignissen in Gang, die alle ins Verderben reißen.
Außer einen!

Kreuzberg, Anfang der 80er Jahre – das war ein kreativer Urknall, eine surreale Welt aus Künstlern, Hausbesetzern, Freaks, Punks und Alles-frisch-Berlinern. Jeder reibt sich an jedem. Jeder kann ein Held sein. Alles kann das nächste große Ding werden. Kunst ist das Gebot der Stunde und Kunst kann alles sein. Ein Schmelztiegel der selbsterklärten Widerspenstigen, die es auch gerne mal gemütlich haben, ein deutsches Kakanien in Feindesland.

Wer könnte böser und zugleich lustiger und liebevoller darüber schreiben als Herr-Lehmann-Erfinder Sven Regener?

Galiani-Berlin ♦ 304 Seiten ♦ gebunden mit SU ♦ ISBN 978-3-86971-136-2 ♦ erscheint am 07.09.2017 ♦ 22,- €

Das Floß der Medusa von Franzobel

Überlebte eines Schiffsunglücks, die nach zwei Wochen von einem Floß gerettet werden. Meuterei. Kanibalismus. Eine wahre Begebenheit. Das ist genau nach meinem Geschmack! Nach der Leseprobe hätte ich am liebsten einfach weitergelesen, so mitreißend und spannend ist schon der Anfang geschrieben, der die Rettung der Floßbesatzung schildert. Das Buch wanderte daher sofort auf den Tolino.

Inhaltsangabe des Verlags:

Was bedeutet Moral, was Zivilisation, wenn es um nichts anderes geht als ums bloße Überleben? Ein epochaler Roman von Franzobel.

18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?

Zsolnay /Deuticke ♦ 592 Seiten ♦ eBook (ePub) ♦ ISBN 978-3-552-05843-9 ♦ bereits erschienen am 30.01.2017 ♦ 19,99 €

Neu auf der Wunschliste

Einige andere Bücher, die ebenfalls interessant klingen, aber keinen ganz so großen Sog auf mich ausübten, landeten auf der Wunschliste. Die meisten davon werde ich aber vermutlich sehr bald von dort befreien.

Katie von Christine Wunnicke

Auch dieser historische Roman fußt auf einer wahren Begebenheit. (Ja, das sind Triggerpunkte von mir.) In diesem Fall geht es aber sehr viel mystischer und übersinnlicher zu. Ich glaube, das könnte das richtige Buch für die trüben Novembertage werden.

Inhaltsangabe des Verlags:

Vielleicht liegt es am Nebel. Davon jedenfalls gibt es in London auch um 1870 herum genug, und wer weiß, vielleicht trübt er der Stadt ­kollektiv die Sinne. Kaum einer, der nicht dem Medium seiner Wahl vertraut, um in schummrigen ­Séancen mit dem Jenseits zu ­parlieren. Florence Cook ist das It-Girl der Branche – streng verschnürt im Schrank bringt sie die ­ aufregendste aller Erscheinungen zutage: ­Katie, 200 Jahre jung und in gleißendes Weiß gewandet, früher Piratentochter, heute eine unruhige Seele auf der Suche nach Erlösung. Oder…? Ein Fall für Sir William Crookes, der Florence (und Katie) nach den Regeln der damaligen Kunst unter die Lupe nimmt – nur um am Ende erschöpft zu konstatieren, dass die Wissenschaft im Grunde auch nur ein Spuk ist. Eine herrlich übersinnliche Geschichte, und das Beste: Es ist alles wahr. Wirklich.

Berenberg ♦ 176 Seiten ♦ Halbleinen, fadengeheftet ♦ ISBN 978-3-946334-13-2 ♦ bereits im Frühjahr 2017 erschienen ♦ 22,-€

Evangelio von Feridun Zaimoglu

Dass im Luther-Jahr auch ein Luther-Roman auf der Longlist landet, überrascht nun nicht wirklich. Und mit Feridun Zaimoglu entschied man sich zudem auch noch für einen bekannten Autor. Eigentlich also kein Grund für Sensationsstürme. Und doch reizt mich die außergewöhnliche Erzählperspektive dieses Romans.

Inhaltsangabe des Verlags:

Die Versuchungen des Bibelübersetzers – Feridun Zaimoglu überrascht mit einem teutschen Roman

4. Mai 1521 bis 1. März 1522: Martin Luther hält sich auf der Wartburg auf. Gänzlich unfreiwillig, denn er ist auf Geheiß des Kurfürsten von Sachsen in Gewahrsam genommen worden. Dort sieht er sich größten Anfechtungen ausgesetzt, vollbringt aber auch sein größtes Werk: In nur zehn Wochen übersetzt er das Neue Testament ins Deutsche.

Feridun Zaimoglu begibt sich in die Zeit, auf die Burg und in die Kämpfe, die der Verdolmetscher auszufechten hat. Dazu bedient er sich eines Ich-Erzählers, der zwar eine erfundene Figur, aber äußerst faszinierend ist: Landsknecht Burkhard, ein ungeratener Kaufmannssohn, ist Martin Luther zum Schutze an die Seite gestellt. Seine Perspektive ist es, die den Blick auf das Leben, das Streben und die Qualen des Reformators eröffnet.

Burkhard selbst ist Katholik und Anhänger des alten Brauchs und sieht Luthers Wirken mit Sorge. Er will nicht abfallen, nicht mit der Sitte brechen und muss doch den, der dieses tut, schützen und bewahren. Ja, er muss Luther sogar begleiten, als dieser heimlich die Burg verlässt und sich bei Melanchthon in Wittenberg aufhält. Und er muss Luther beistehen, als ihn die sogenannte Teufelsbibel in schlimmste Teufelsvisionen stürzt.

Mit klingender Sprache, erstaunlichem Kenntnisreichtum und dramatischer Zuspitzung erzählt Feridun Zaimoglu von einem großen Deutschen, einer Zeit im Umbruch und der Macht und Ohnmacht des Glaubens.

Kiepenheuer & Witsch ♦ 352 Seiten ♦ eBook (ePub) ♦ ISBN: 978-3-462-31670-4 ♦ bereits erschienen am 09.03.2017 ♦ 18,99€

Peter Holtz – sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst von Ingo Schultze

Ein Buch über die Marktwirtschaft, den Klassenkampf und den Kommunismus? Klingt wenig unterhaltsam. Aber die Inhaltsangabe und die Leseprobe zu Peter Holtz sind herrlich verquer und voller klugem Witz. Muss ich lesen!

 Inhaltsangabe des Verlags:

Vom Waisenkind zum Millionär – wie konnte das so schiefgehen?

Peter Holtz will das Glück für alle. Schon als Kind praktiziert er die Abschaffung des Geldes, erfindet den Punk aus dem Geist des Arbeiterliedes und bekehrt sich zum Christentum. Als CDU-Mitglied (Ost) kämpft er für eine christlich-kommunistische Demokratie. Doch er wundert sich: Der Lauf der Welt widerspricht aller Logik. Seine Selbstlosigkeit belohnt die Marktwirtschaft mit Reichtum. Hat er sich für das Falsche eingesetzt? Oder für das Richtige, aber auf dem falschen Weg? Und vor allem: Wie wird er das Geld mit Anstand wieder los? Peter Holtz nimmt die Verheißungen des Kapitalismus beim Wort.
Mit Witz und Poesie lässt Ingo Schulze eine Figur erstehen, wie es sie noch nicht gab, wie wir sie aber heute brauchen: in Zeiten, in denen die Welt sich auf den Kopf stellt.

S. Fischer ♦ eBook (ePub) ♦ ISBN: 978-3-10-490131-2 ♦ erscheint am 07.09.2017 ♦ 19,99€

Romeo oder Julia von Gerhard Falkner

Mit rätselhaften Morden und seltsamen Geschehnissen macht man doch eigentlich nie etwas verkehrt. Und wenn dieser Roman damit sogar auf der Longlist landete, muss er etwas besonders sein. Die Leseprobe jedenfalls reizt mich sehr. Das Buch wanderte also auf die Wunschliste.

 Inhaltsangabe des Verlags:

Kurt Prinzhorn ist zu einem Schriftstellertreffen nach Innsbruck eingeladen, wo ihm Merkwürdiges widerfährt: Jemand muss während seiner Abwesenheit ein ausgiebiges Schaumbad in der Wanne seines Hotelzimmers genommen und dort bewusst Spuren hinterlassen haben. Die Chipkartenschließanlage der Tür zeigt jedoch kein fremdes Eindringen an. Als nächstes verschwindet der Schlüsselbund des zunehmend ratlosen Autors. Während einer Moskau-Reise wenige Tage später kommt es zu neuen Unerklärlichkeiten, und auch in Madrid, wo Prinzhorn als Stipendiat eine alte Geliebte besucht, reißt die Kette seltsamer Geschehnisse nicht ab – bis ihm durch Zufall das Puzzle der Erinnerung zu einem Bild zusammenfällt, das ihn weit in die eigene Biographie zurückführt. Am nächsten Morgen dann klingelt die Polizei an der Tür seiner Berliner Wohnung, denn unter dem Fenster von Prinzhorns Stipendiatenzimmer in Madrid wurde eine tote Frau gefunden.

Berlin Verlag ♦ 272 Seiten ♦ eBook (ePub) ♦ ISBN: 978-3-8270-7943-5 ♦ erscheint am 01.09.2917 ♦ 18,99€

Auch interessant, aber nicht auf meiner persönlichen Shortlist:

  • Flugschnee, Birgit Müller-Wieland, Otto Müller Verlag
  • Schreckliche Gewalten, Jakob Nolte, Matthes & Seitz

4 Kommentare

  1. Interessant, deine Auswahl. Mir fällt es schwer eine solche Liste zu erstellen. Geht es um meine Favoriten, oder darum, wer weiterkommen wird? Das kann ich für mich nicht wirklich trennen.
    Evangelio ist das einzige Buch der Longlist, dass ich schon gelesen habe. Schwere Kost, passt zu Shortlist, ist sprachlich gewaltig!
    Sven Regener wird sicher von mir gelesen ( oder doch lieber das Hörbuch?), doch Buchpreis? Ich weiß nicht. Obwohl wenn ein Musiker der Literaturnobelpreis bekommt…
    Medusa finde ich noch spannend. Kaufen möchte ich mir unbedingt Kieferninseln.
    Viele Gu
    Silvia

    • Kerstin Scheuer sagt

      Liebe Silvia,
      Spekulationen darüber, welche Bücher auf der Shortlist landen, überlasse ich anderen. Da werden auch andere Maßstäbe angesetzt, als ich sie habe. Meine Liste enthält Titel, die mich persönlich interessieren und die ich als Freitzeitleserin für lesbar halte.

      Wenn ich deine Einschätzung von Evangelio so lese, bekomme ich etwas Respekt (und Angst?) vor dem Buch. Wie lesbar ist es denn dann?

      Viele Grüße,
      Kerstin

      • Ich empfand es als schwierig, da der Autor versuchte die damalige Sprache zu verwenden. Doch nach der Autorenlesung war ich angefixt und hörte seine Stimme im Hintergrund. Dann ging es.

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