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Rezension #143: „Happy Birthday, Türke“ von Jakob Arjouni

Im Mai hatte ich das seltene Glück ein Buch mehr oder weniger an eine Stück zu lesen. Das lag nicht nur am eher geringen Umfang des Werks sondern auch an der packenden, (zu meiner Überraschung und Freude) mit reichlich derbem Humor garnierten Geschichte und den tollen Illustrationen, die diesen Detektivroman, der im Frankfurter Bahnhofsviertel spielt, zu etwas Besonderem machen.

Happy Birthday, Türke erschien erstmals bereits 1985. Jakob Arjouni, der damals gerade einmal 21 Jahre alt war, lässt Privatermittler Kemal Kayankaya in drei Tagen einen Mordfall im Frankfurter Bahnhofsviertel aufklären. Sieben Jahre später – 1992 – erhielt Arjouni, dessen bürgerlicher Name Bothe ist, für Ein Mann, ein Mord den Deutschen Krimipreis. Mittlerweile sind seine Romane sogar Schullektüre. (Schade, dass ich so etwas nicht in der Schule lesen musste.) Sie wurden in 23 Sprachen übersetzt. Der gebürtige Frankfurter starb im Januar 2013 in Berlin.

Worum geht es?

In einem Bordell im Frankfurter Bahnhofsviertel wird ein Türke ermordet. Die Polizei scheint das nur wenig zu interessieren. Daher beauftragt die Witwe Privatdetektiv Kemal Kayankaya mit der Aufklärung des Mordes. Der handelt sich dabei schnell ziemlichen Ärger ein.

Wie fand…

…den Einstieg?

Bei aller nachträglichen Begeisterung fiel mir der Einstieg ins Buch doch nicht ganz leicht. Jakob Arjouni erzählt einen Detektivkrimi, der an nur drei Tagen spielt. Beginnen lässt er ihn damit, dass Ich-Erzähler Kemal Kayankaya an seinem Geburtstag mit einem ordentlichen Kater aufwacht und mühsam in den Tag startet. In extrem kurzen Sätzen und dennoch reichlich umständlich erzählt er, wie er Kaffee kocht und den Brummschädel bekämpft. Angesichts eines Buchs mit nicht eimal 200 Seiten hatte ich einen direkten Start erwartet. Daher war ich zunächst etwas irritiert. Aber spätestens als dann das Telefon klingelte und es diese herrliche Verwechslung gab (ich möchte hier nicht zu viel verraten, lest es einfach selbst), habe ich mich so köstlich amüsiert, dass es mir fast schon egal war, dass die eigentliche Kriminalgeschichte etwas auf sich warten ließ.

…die Sprache?

Jakob Arjouni lässt Kemal Kayankaya in Happy Birthday, Türke selbst aus der Ich-Perektive erzählen. Und wie es sich für einen echten harten Kerl gehört, ist der eher von der einsilbigen Sorte. Kurze, knappe Sätze prägen daher diesen Detektivroman. An diesen Stil musste ich mich erst einige Seiten gewöhnen. Danach aber passte er ganz hervorragend zur Figur des Privatdetektivs Kemal Kayankaya, der gerne auch einmal Fäuste einsetzt, wenn er mit Worten nicht weiterzukommen scheint. Dass dieser neben seiner raubeinigen Art auch noch eine gehörige Portion derben Humor und einige Selbstironie an den Tag legt, machen das Buch insgesamt zu einem großen Lesevergnügen. Manchmal glaubte ich, den türkisch stämmigen Horst Schimanski entdeckt zu haben.

…die Charaktere?

Privatdetektiv Kemal Kayankaya ist die zentrale Figur in Happy Birthday, Türke. Die anderen Charaktere sind reine Nebendarsteller, die jeweils nur kurze Gastauftritte genießen dürfen. Umso erstaunlicher fand ich es daher, dass Jakob Arjouni seinen Ermittler zwar mit einer umfangreichen Vergangenheit ausstattet, beim aktuellen Privatleben aber sehr mit Angaben geizt. Obwohl der Leser Kemal Kayankaya drei volle Tage in dessen Lebens begleitet, erfährt er rein gar nichts über dessen Privatleben. Neben der Arbeit und dem Alkohol scheint dieser weder Freunde noch Hobbys oder Familie zu haben. Dies hilft zwar, den Fokus des Roman ausschließlich auf die Detektivgeschichte zu halten, ohne Nebenstränge aufzureißen, lässt das Werk aber leider auch etwas eindimensional erscheinen.

…den Handlungsverlauf?

Jakob Arjouni erzählt in Happy Birthday, Türke eine hervorragende Kriminalgeschichte mit allen wichtigen Zutaten: Action, Spannung und unerwarteten Wendungen. Auch die Kulisse ist mit dem Frankfurter Bahnhofs- und Rotlichtviertel großartig gewählt. Neben dem bereits mehrfach angesprochenen derben Humor und Kayankayas Selbstironie überzeugte mich an diesem Krimi vor allem, dass er auch zeigt, was es in den 80er Jahren hieß, als Türke in Deutschland zu leben. Immer wieder stößt Kemal Kayankaya in Happy Birthday, Türke während einer Ermittlungen auf Vorurteile, Ablehnung und mehr oder weniger offene Aggressivität allein auf Grund seiner Herkunft. Besonders schön fand ich dabei, dass Kemal Kayankaya dem meist mit Witz und Humor zu begegnen weiß. Dabei nimmt er weder sich selbst noch sein gegenüber allzu ernst. Letztere bekommen so meist gar nicht mit, dass der Privatdetektiv sich über sie lustig macht. Solche Szenen sind ganz nach meinem Geschmack.

…die Buchausstattung?

Ich habe mich nicht für die Diogenes-Ausgabe von Happy Birthday, Türke entschieden, sondern das neue Hardcover der Büchergilde Gutenberg gekauft. Auch wenn diese natürlich etwas teurer ist, habe ich die Entscheidung nicht bereut.

Das Buch der Büchergilde kommt nicht nur mit einer wertigen Fadenbindung und Lesebändchen. (Wobei ich letzteres nicht brauchte, da ich das Buch am Stück durchlas.) Es enthält auch zahlreiche Illustrationen von Philip Waechter, die diese Buch zu etwas besonderem machen. Die durchweg in Violetttönen gehaltenen Abbildungen transportieren die Stimmung des Krimis auf unnachahmliche Weise und entführen den Leser noch weiter in das Rotlichtmillieu um den Frankfurter Hauptbahnhof. Dabei bilden Text und Abbildungen oftmals eine besonders reizvolle Verbindungen, indem sich beide gegenseitig verstärken und so eine unnachahmliche Atmosphäre schaffen.

Wie gefiel mir das Buch insgesamt?

Jakob Arjounis Happy Birthday, Türke ist eine spannende und actionreiche Kriminalgeschichte aus dem Frankfurter Bahnhofs- und Rotlichtviertel. Mit dem türkisch stämmigen Kemal Kayankaya ist ihm eine interessante Figur gelungen, die dem Leser ganz nebenbei auch noch erfahrbar macht, was es in den 80er Jahren hieß, als Türke in Deutschland zu leben. Beinahe am eigenen Leib erfährt man so wie schnell dem türkischstämmigen Ermittler Vorurteile und Aggressivität entgegenschlagen. So spannend diese Reise in eine andere Identität und das Frankfurter Rotlichtmillieu jedoch auch sind, hätte ich mir doch das ein oder andere aktuelle Detail über die Hauptfigur gewünscht. So wäre diese noch plastischer geworden. Aber auch so vermittelt Jakob Arjouni über die knappe Sprache und die kurzen Sätze, in denen Kemal Kayankaya erzählt, auf sehr subtile und durch eindringliche Weise einen guten Eindruck von seiner Figur. Diese erinnerte mich mit der rauhbeinigen und derben Art nicht selten an eine Art türkischen Horst Schimanski.

Die Illustrationen von Philip Waechter verliehen der Story eine zusätzliche Ebene. Die Farbwahl,  in der ausschließlich Violettöne eingesetzt werden, verleiht den Abbildungen jenen schummerigen Look, den man mit dem Rotlichtmillieu verbindet.

Bewertung: ♥♥♥♥ Buchtipp!

Titel: Happy Birthday, Türke ♦ Autor: Jakob Arjouni ♦ Illustrationen: Philip Waechter ♦ Verlag: Büchergilde Gutenberg ♦ ISBN: 978-3-7632-6888-7 ♦ Preis: 22,95 €

Veranstaltungstipp:

Am 16. August veranstaltet die Büchergilde Buchhandlung und Galerie in Frankfurt ab 19:30 Uhr wieder einen Abend rund um die Welt der schönen Bücher. Diesmal wird der Schauspieler, Rundfunk- und Hörbuchsprecher Helge Heynold Ausschnitte aus Happy Birthday, Türke lesen. Als besonderes Highlight wird an diesem außerdem Philip Waechter anwesend sein und Bücher signieren. Zur Facebook-Veranstaltung geht es >>hier<<.

Rezensionstipp:

Eine weitere Rezension des Buchs ist bei >>“We read indie“<<erschienen.

Extratipps:

Um Privatdetektiv Kemal Kayankaya ist übrigens eine kleine Reihe aus insgesamt fünf Bänden entstanden. Happy Birthday, Türke ist der erste Band.

Happy Birthday, Türke wurde verfilmt. Das Drehbuch stammt von Doris Dörrie, die auch die Regie führte.

Happy Birthday, Türke

Happy Birthday, Türke
8.4

Einstieg

7.3/10

Sprache

8.7/10

Charaktere

8.1/10

Handlungsverlauf

8.4/10

Buchausttattung

9.7/10

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