Interview
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Interview mit duotincta-Mitbegründer und Verleger Jürgen Volk

Zum diesjährigen Indiebookday habe ich nicht nur einen Buchtipp („crystal.klar“ von Dominik Forster) für Euch. Jürgen Volk hat mir auch ein paar Fragen zum von ihm mitbegründeten Verlag duotincta beantwortet. Er ist dort für die Bereiche Marketing, Vertrieb und PR verantwortlich. Ich habe mit ihm über den jungen Verlag, die Buchbloggerszene und natürlich den Indiebookday gesprochen.

Der Verlag duotincta ist noch recht jung. Was waren Deine Beweggründe dafür, einen eigenen Verlag zu gründen?

Die duotincta, so wie sie heute vor uns steht, war am Anfang eigentlich als ganz kleines E-Book-Projekt geplant. Wir wollten in unserer Freizeit gemeinfreie Texte, die uns lieb sind, im E-Book-Format und – ganz weit in der Zukunft – dann als Printfassung den Lesern wieder zugänglich machen. Irgendwie hat dann eines zum anderen geführt und da wir drei ja alle aus der Verlagsbranche kommen und die Gegenwartsliteratur lieben, haben wir eine andere Richtung eingeschlagen. Mittlerweile ist so viel zu tun, dass die gemeinfreien Texte vorerst auf Eis liegen … Allerdings ist auch jetzt Stand der Dinge, dass wir alle anderen Tätigkeiten nachgehen und duotincta zusätzlich zu unseren Jobs aufbauen. Ich sage bei Veranstaltungen meist, dass wir zwar Freizeitverleger sind, dafür aber Berufsidealisten …


 

Bisher sind 6 Romane bei duotincta erschienen. Auf den ersten Blick sind diese recht unterschiedlich. Was muss ein Manuskript auszeichnen, um das Zeug zu einem duotincta-Buch zu haben?

Der Schlüssel ist für uns die Sprache, der Stil. Daher kommt es wahrscheinlich auch, dass wir ein breit gefächertes Spektrum an eingesandten Manuskripten lesen. Wir wollen uns nicht auf ein Genre festlegen, sondern wir entscheiden auf den Einzelfall bezogen. Auf der Leipziger Buchmesse wurde ich von einem Blogger gefragt, wie es bei der Komplexität des Plots dazu kam, dass wir nathanroad.rec von Daniel Breuer ins Programm aufgenommen haben. Es müsse sich schon um ein überzeugendes Exposé gehandelt haben. Ich habe darauf geantwortet, dass ich das Exposé, wie immer, zuerst beiseitegelegt habe. Es ist ja grundsätzlich grausam von einem Schriftsteller zu verlangen, einen Text über seinen Text zu schreiben … Jeder Text steht für sich und bei Daniel Breuer entwickelten schon die ersten Zeilen einen Sog, der mich dann innerhalb weniger Tage das gesamte Manuskript lesen ließ. Erst dann griff ich zum Exposé, aber da war ich schon gewonnen. Allerdings muss jeder Titel, der ins duotincta-Programm aufgenommen wird, einstimmig von uns drei duotinctanern angenommen werden. Deshalb dauert es mitunter auch etwas länger, bis wir antworten.

Jürgen_Volk

duotincta-Mitbegründer und Verleger Jürgen Volk

Unsere Bücher, um auf den zweiten Teil der Frage einzugehen, sind in der Tat jedes für sich unterschiedlich, dennoch zieht sich bei näherer Betrachtung ein roter Faden durch das Programm. Einen Aspekt, den der Sprache, habe ich ja schon angesprochen. Eigentlich bin ich ken Freund von Verallgemeinerungen, aber grundsätzlich lässt sich das Programm wohl so zusammenfassen, dass unsere Bücher ein Tor öffnen, um Einblick in andere Lebensweisen, Außenseiterperspektiven oder manchmal auch − hochtrabend ausgedrückt − die Existenz an sich zu gewinnen. Es geht darum, dass unsere Wahrnehmung und unser Denken im beruflichen Leben, in der Familie und in unserem Umfeld in einer gewissen Weise präkonfiguriert werden. Wir wollen ein kritisches Bewusstsein schaffen. Ob das nun dadurch geschieht, dass, wie in „crystal.klar“ von Dominik Forster, ein Ex-Dealer und Ex-Abhängiger den Zusammenhang zwischen den chemischen Drogen und unserer Leistungsgesellschaft offenlegt oder wie in Birgit Rabischs „Die vier Liebeszeiten“, eine gelingende Liebe, die sich nichts und niemandem unterordnet (und damit auch eine Sprengkraft entwickelt), erscheint – zugegeben – auf den ersten Blick sehr unterschiedlich, besitzt, für uns zumindest dennoch die gleiche Motivation. Gleiches geschieht in „Letzte Runde“ von Stefanie Schleemilch und „Die Insel“ von Wolfgang Eicher. In beiden Fällen wird unsere alltägliche Situation durch einen Zwischenfall, beispielsweise den unmittelbar bevorstehenden Tod, radikalisiert, wodurch sich der Blick von Dingen wie Karrieredenken und Profitstreben abwendet und auf das Wesentliche im Leben richtet.


 

Wie viele Manuskripte gehen im Schnitt pro Monat bei Euch ein und wie entscheidest Du, welches davon intensivere Aufmerksamkeit bekommt?

Da wir erst vor sechs Monaten das erste Buch herausgebracht haben, ist das noch sehr überschaubar. Im Schnitt sind es um die 20 Einsendungen, meist und dankenswerterweise per Mail. Zu den Messen in Frankfurt und Leipzig und auch über den Jahreswechsel sind es dann allerdings mehr.

Was die Entscheidungsfindung angeht, entscheiden wir ja zu dritt. Es wird jedes Manuskript intensiv geprüft, allerdings wird zuvor aussortiert. Wir machen derzeit weder Lyrik noch Sachbuch, um zwei Beispiele zu nennen. Natürlich spitzt man auch da mal rein, aber wir sind mit der Gegenwartsliteratur so sehr ausgelastet, dass wir eine andere Sparte einfach nicht eröffnen können. Außer Kurzgeschichten vielleicht. Mit diesem Gedanken spielen wir gerade.


 

Welchen Tipp kannst Du aus Verlegersicht AutorInnen auf der Suche nach einem Verlag, der ihr bzw. sein Werk veröffentlicht, mit auf den Weg geben?

Nicht aufgeben. Jedes Deckelchen findet früher oder später sein Töpfchen. Wie in der vorhergehenden Frage aber schon angeklungen, ist es wichtig, auf das Programm des jeweiligen Verlages zu achten, sich vielleicht sogar einzulesen. Dazu muss ja nicht gleich ein Buch gekauft werden. Leseproben sind in der Regel verfügbar. Es bringt meiner Meinung nach mehr, selektiv einzusenden. Auch zu lesen, was die jeweiligen Verlage bevorzugen. Manche möchten eine Leseprobe und ein Exposé, manche das ganze Manuskript. Manche bevorzugen Papier, manche PDF und manche eine Word-Datei, um den Text auf dem Reader lesen zu können. Ich gehöre zur letzten Kategorie. Das alles erleichtert die Arbeit für uns, ist aber auch ein Zeichen von Wertschätzung. Wenn ich mich im Cc einer Sammelmail wiederfinde, in der, überspitzt ausgedrückt, ein Meditationsratgeber als das passende Buch für unser Programm angepriesen wird, dann frage ich mich, weshalb ich mir die Zeit für das Manuskript nehmen sollte, wenn zuvor nicht einmal nachgelesen wurde, was wir überhaupt so machen.


 

Du schreibst auch selbst. Dein erster Roman „Unbedingt. Van Gogh und Gauguin im gelben Haus“ ist 2013 im Plöttner Verlag erschienen. Wie wichtig ist Dir die Trennung der schriftstellerischen und verlegerischen Tätigkeit?

Das ist ein trauriges Kapitel und die Antwort ist schnell gefunden: Der Plöttner Verlag ist vergangenes Jahr in die Insolvenz gegangen, was dazu führte, dass Leipzig seinen zweitgrößten Belletristikverlag verloren hat. Somit stehe ich, obwohl ich einen Verlag besitze, als Schriftsteller ohne Verlag da. Denn die Veröffentlichung bei duotincta kommt nicht in Frage. Wie soll das auch gehen? Ich

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Volks erster Roman erschien bei Plöttner

kann einem Buchhändler nicht sagen: „Und als letztes habe ich einen ganz besonderen Roman, der Autor ist einfach fantastisch, denn ich bin es selbst.“ Auch wenn ich den Buchhändler überzeugen könnte, dass „Unbedingt“auch unabhängig von meiner Funktion ins duotincta-Programm gekommen wäre, hätte die ganze Angelegenheit doch immer ein „Geschmäckle“ und ich würde damit nur die Glaubwürdigkeit unseres Programms gefährden. Derzeit schreibe ich an meinem zweiten Roman, habe einige Kurzgeschichten fertig und mache mich – wenn derBuchmessenstapel aufgearbeitet ist – traurigerwese auf die Suche nach einem neuen Verlag.

 


 

Worin siehst Du die größten Vor- und Nachteile eines unabhängigen Verlags gegenüber einer der etablierten internationalen Verlagsgruppen?

Speziell bei duotincta ist es so, dass ich schon den Weg der Erstveröffentlichung gegangen bin und somit auch die Autorenperspektive kenne. Wir betreuen unsere Autoren intensiv und der Umgang, das Verhältnis, wurde jetzt schon mehrfach von den AutorInnen, aber auch von Außenstehenden als familiär bezeichnet. Wie bei allen kleineren, unabhängigen Verlagen gibt es den direkten Draht und einen großen Spielraum für die AutorInnen sich einzubringen. Das bezieht sich nicht nur auf Vermarktung und Vertrieb des Buches oder auch die Covergestaltung, sondern findet auch dort statt, wo es bei großen Verlagen für die A
utoren oftmals schmerzhaft wird. Ein Beispiel wäre hier „Dezemberfieber“ von Frank O. Rudkoffsky. Er hätte zu einem großen, renommierten Verlag gehen können, der eine große Reichweite hat. Dieser Verlag erklärte ihm aber, er müsse dies und das ändern, alles in allem müsse alles leichter und lustiger werden, damit es schlussendlich zur Veröffentlichung käme. Frank selbst nannte dies die Kastration seines Romans. Wir bei duotincta besitzen die
Freiheit, dass wir uns nicht den marktorientierten Vorgaben eines Managements oder einer Investorengruppe beugen müssen und können daher unseren Autoren ihre künstlerische Freiheit lassen. Das ist etwas wert. Ob es mehr wert ist, als der größere Hebel, den ein großer Verlag in der Vermarktung hat, diese Entscheidung muss jeder Autor für sich selbst treffen.


 

Für nahezu alle großen Verlage bzw. Verlagsgruppen sind BloggerInnen längst zu einem wichtigen Marketingelement geworden. Sie werden intensiv betreut und umworben. Gleichzeitig übt vor allem das klassische Feuilleton teilweise recht harsche Kritik an Buch- und Literaturblogs. Wie steht Ihr bei duotincta zu BloggerInnen?

Uns als kleiner Verlag, der gerade erst gegründet wurde, liegt uns die Bloggergemeinschaft mit ihren Diskursen und Empfehlungen sehr am Herzen. Ebenso wie die kleinen, unabhängigen Buchhandlungen, die nicht algorithmengesteuert bestellen. In beiden Fällen sind wir offen, lassen uns entdecken und werben auch gerne. Jeder war bei uns am Messestand in Leipzig willkommen, auch wenn wir nicht mit Champagner und Canapés aufwarten können. Zur Kritik an der Bloggerszene, die ja einen ihrer Höhepunkte mit dem Zeit-Artikel vom 11. Februar erreichte, haben wir seinerzeit folgendes gepostet, dem wir eigentlich auch heute nichts hinzuzufügen haben: „Die Zeit schreibt über Literaturblogger – aus ihrer Sicht. Unsere Sicht als kleiner Start-Up-Verlag ist da bedeutend anders. Denn kaum ein Autor, der den Parnass der Verlagsveröffentlichung erklommen hat, wird automatisch in den Olymp des Feuilletons erhoben. Es geht für Verlage, gerade für Independent-Verlage, nicht nur oder vorwiegend um Potentiale und Profit. Erst recht nicht um „Seeding“ o.Ä. … Es geht um Rückmeldung, um Wertschätzung der Arbeit und um Kritik – im Positiven wie im Negativen – für die Autoren, die in ihrer Arbeit einen meist einsamen und steinigen Weg eingeschlagen haben und jede Art Öffentlichkeit zum Atmen, aber auch zur Weiterentwicklung brauchen. Im Internet darf – unserer Meinung nach zum Glück – jeder bunt seine Meinung äußern, so wie er möchte, auch zu Büchern. Dass dann nicht immer Glanzstücke zustande kommen (und auch Fantasy-Literatur ihre Daseinsberechtigung hat) versteht sich von selbst. Auch bei Politik- und Nachrichtenblogs oder E-Zigaretten-Kanälen gibt es solches und solches … Und wenn es subjektiv zugeht −„Ich, ich, ich“ − dann sagen wir gut so! Es geht schließlich um Bücher und nicht um Seife. Auch wir bei duotincta kaufen Bücher ab und an online und dann doch lieber eine subjektive Bewertung, der die Lektüre und eine intensive Auseinandersetzung vorausging, als ein anonymes, algorithmengesteuertes Empfehlungssystem!“

Dem haben wir auch heute nichts hinzuzufügen. Außer, dass hier die richtige Stelle ist, um dir, Kerstin, dafür zu danken, dass du uns deine Aufmerksamkeit schenkst.


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Heute ist wieder „Indiebookday“. Auf vielen Social Media Kanälen und Blogs wird heute daher dazu aufgerufen, ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu kaufen. Was hältst Du von solchen Aktionen?

Ich finde es großartig. Wir brauchen solche Aktionen, da wir unabhängigen Verlage im Wettbewerb klar unterlegen sind. Aber gerade bei den kleineren Verlagen werden die mutigen Entscheidungen getroffen und vielseitige, bunte und anspruchsvolle Programme publiziert. Das nutzt wenig, wenn es nicht wahrgenommen wird. Ich glaube, es gibt keinen kleineren Verlag, der nicht das gesamte Jahr über jeden Tag mit viel Herzblut um die Aufmerksamkeit für seine Arbeit und seine AutorInnen kämpft. Da wird ein Tag wie der Indiebookday dankbar gefeiert.


 

Welches Buch hast bzw. wirst Du heute anlässlich des „Indiebookdays“ erwerben

Das weiß ich noch nicht. Wenn ich einen Verlag nennen müsste, der mich derzeit interessiert, dann den Freigeist Verlag aus Berlin. Ich werde mich heute aber überraschen lassen, das heißt, ich gehe gleich zu „Neues Kapitel“, die Kiez-Buchhandlung meines Vertrauens, und werde sehen, was es dort zu entdecken gibt.


 

Welches duotintca-Buch liegt Dir persönlich besonders am Herzen?

Ich finde es unmöglich, wenn Eltern eines ihrer Kinder bevorzugen oder umgekehrt, sich von einem ihrer Kinder distanzieren. So etwas geht nicht. Vincent van Gogh hat mehrfach gesagt, alle seine Werke seien seine Kinder. Als Verleger sind unsere Romane auch ein Stück weit unsere Babys, auch wenn unsere AutorInnen sie geschrieben haben. Und dabei muss noch einmal betont werden, dass sich in unser Programm keine kommerziellen oder utilitaristischen Überlegungen einschleichen: Alle unsere Titel sind Wunschkinder.


Ich hoffe, Ihr hattet beim Lesen genauso viel Spaß wie ich beim Vorbereiten. Wer noch mehr über doutincta erfahren möchte, sollte sich auf deren Homepage umsehen.

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Von mir rezensiert wurden bereits die duotincta-Bücher „Letzte Runde“ von Stefanie Schleemilch und „crystal.klar“ von Dominik Forster.

Außerdem haben Jürgen Volk und doutincta-Autor Frank O. Rudkoffsky schon ihre Lieblingsleseplätze bei mir vorgestellt.

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