Alle Artikel in: 3 Herzchen

„Slum. Eine Geschichte von Leben, Tod und Hoffnung“ von Katherine Boo

Von diesem Sachbuch der Pulitzerpreisträgerin Katherine Boo habe ich mir viel versprochen. Ich erwartete nicht nur ein Porträt über „Annawadi“, einen Slum in Mumbai, sondern auch eine kritische Darstellung, inwiefern der reiche Westen die dortigen Lebensverhältnisse beeinflusst. Vorgefunden habe ich einen unterhaltsam und flüssig zu  lesenden Text mit Romancharakter. Katherine Boo zeichnet zwar vielschichtige Porträts der Bewohner Annawadis; die  bisweilen ironische Erzählweise und der locker, humorvolle Sprachstil wollten für mich aber nicht so recht zum Thema des Buchs passen. So entstand leider der Eindruck, dass das Leben im Slum zwar mühsam, anstrengend und ärmlich aber doch irgendwie ganz lustig ist. Schade! Aus dem Stoff hätte man definitiv mehr machen können. Worum geht es? Der Mumbaier Slum „Annawadi“ liegt eingepfercht zwischen dem internationalen Flughafen und ein paar teueren westlichen Luxushotels. Der Kontrast beider Welten könnte nicht größer sein, denn die Slum-Bewohner kämpfen täglich ums nackte Überleben, um genügend Nahrung und ein Dach über dem Kopf und träumen von einem besseren Leben. Aber Korruption, Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Religionen und das Kastensystem erschweren ihnen den Weg auf dem Dreck der Straße. Pulitzerpreisträgerin Katherine …

„Flüchtige Seelen“ von Madeleine Thien

Wieder einmal habe ich mich bei der Wahl meiner Lektüre auf Litprom verlassen und den Gewinnerroman des LiBeratur Preises 2015 gelesen, ohne mich im Vorfeld genauer darüber zu informieren. Mit „Flüchtige Seele“ von Madeleine Thien habe ich einen anspruchsvollen und traurigen Roman über das oft lebenslängliche Leiden von Flüchtlingen gefunden. Leider war dieses hochaktuelle Thema in einer sehr emotionslosen Sprache erzählt, die mich nicht berühren konnte.   Worum geht es? Als Janies Vorgesetzter und Mentor Hiroji von einem Tag auf den anderen spurlos verschwindet, macht sich Janie selbst auf die Suche nach ihm. Die Spur führt ausgerechnet nach Kambodscha, wo Hirojis Bruder vor vielen Jahren verscholl, nachdem er dort als Mitarbeiter für das Rote Kreuz tätig war. So wird Janie, die selbst als junges Mädchen vor der Roten Khmer aus Kambodscha floh, von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Warum habe ich es gelesen? Madeleine Thien wurde für „Flüchtige Seelen“ in diesem Jahr mit dem LiBeratur Preis ausgezeichnet. Mir war sie bis dahin völlig unbekannt. Da sie sich aber gegen starke Konkurenz durchsetzen konnte, wurde ich neugierig …

„Mutige Frauen: Flintenweiber, Königinnen, Kurtisanen“ von Peter Braun

Als Kind habe ich „Pippi Langstrumpf“ geliebt. Als Jugendliche wollte ich eine Zeit lang Schriftstellerin werden, weil es mich ärgerte, wie wenige starke weibliche Figuren, es in der Jugendliteratur seinerzeit gab. Und auch heute noch lese ich sehr gerne von außergewöhnlichen, starken Frauen, die sich für eine Sache, an die sie glauben, auch allen bestehenden Konventionen zum Trotz einsetzen. Mit „Mutige Frauen: Flintenweiber, Königinnen und Kurtisanen“ von Peter Braun bin ich nun auf eine inspirierende Sammlung weiblicher Kurzbiografien gestoßen, die Lust auf mehr machten. Worum geht es? Beim Blick in die Geschichtsbücher entsteht schnell der Eindruck, dass unsere Welt in der Vergangenheit ausschließlich von Männern dominiert wurde. Frauen kommen meist gar nicht vor; und wenn doch, dann bestenfalls in einem Nebensatz. Das Bild von der braven, zurückhaltenden, häuslichen Ehefrau und Mutter bestimmte über Jahrhunderte den Platz der Frauen in der Gesellschaft. Wer jedoch etwas genauer hinschaut, stellt fest: es gab sie schon immer – kluge, starke, selbstbewusste und mutige Frauen, die sich über die bestehenden Konventionen und Widerstände hinwegsetzten, um ihren Lebenstraum zu verwirklichen. Zehn beeindruckende Lebensläufe solcher außergewöhnlicher Frauen …

„Die Königin der Schatten“ von Erika Johansen

Endlich gibt es den im Ausland bereits gefeierten Fantasy-Mehrteiler „The Queen of Tearling“ von Erika Johansen auch auf deutsch. Ich hatte die große Ehre, ihn bereits vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin lesen zu dürfen. Der Roman ist vor allem eines, nämlich spannend. Leider entdeckte ich jedoch auch einige Schwächen. Worum geht es? Tearling ist ein armes Land, das hauptsächlich von der Landwirtschaft lebt. Vor 20 Jahren schloss es einen grausamen Pakt mit dem mächtigen Nachbarland Mortmesne, um dessen blutige Invasion zu beenden. Seitdem bestimmen Korruption und Intrigen das Leben am Hof zu Tearling. Dann aber besteigt Kronprinzessin Kelsea Glynn den Thron und räumt nicht nur am Hof auf, sondern beendet auch die Ungerechtigkeit in ihrem Land. Damit verdient sie sich zwar die Sympathie und Gunst des einfachen Volkes, schafft sich jedoch sowohl im Tearling als auch in Mortmesne einflussreiche Feinde. Wird sie lange genug leben, um ihren Traum von einem besseren und gerechteren Tearling verwirklichen zu können? Warum habe ich es gelesen? Ich habe eine Schwäche für fantastische Abenteuer; und „Die Königin der Schatten klang ganz …

„Der Architekt des Sultans“ von Elif Shafak

Mit „Der Architekt des Sultans“ legt Elif Shafak eine beeindruckend ideen- und detailreiche literarische Chronik über die Blütezeit Istanbuls vor. Es ist ein atmosphärisch dichtes Buch über die Liebe zur Architektur und den außergewöhnlichen Schöpfergeist des einstigen Hofarchitekten Sinan. Geschickt und einfallsreich verknüpft Shafak geschichtliche Fakten mit literarischer Fiktion zu einem ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Roman. Trotz kleiner Mängel im Spannungsaufbau und gewisser Längen schaffte es Shafak, mich zu bewegen. Und ist es nicht genau das, was gute Literatur letztendlich ausmacht? Bewertung: ♥♥♥♥♥ lesenswert Worum geht es? Istanbul. 1540. Nach dem Tod seiner Mutter flieht Jahan vor seinem brutalen Stiefvater auf einem Frachtschiff und gelangt nach Istanbul, wo er als Elefantenführer in den Dienst des Sultans eintritt. Seine aufgeweckte Art und Intelligenz lassen ihn schnell zum Schüler des Hofarchitekten Sinan aufsteigen. Außerdem lernt er Prinzessin Mihrimah kennen, seine einige große und unerreichbare Liebe. In seiner kindlichen Naivität gerät er in zahlreiche Intrigen, Verstrickungen, Hinterhalte, Gefahren und sogar Kriege. Warum habe ich es gelesen? Während meines letzten beruflichen Aufenthalts in Istanbul wurde ich auf die türkische Autorin …

„Still Alice – mein Leben ohne Gestern“ von Lisa Genova

Gerade nach der Oscarverleihung hatte ich große Erwartungen an „Still Alice – mein Leben ohne Gestern“. Leider wurden sie nicht erfüllt.  Der Roman ist in einem sehr nüchternen und sachlichen Ton verfasst, der echte emotionale Momente vermissen lässt.  Zwar sind viele Konfliktsituationen im Roman angelegt, diese werden jedoch nicht zu echten Spannungsmomenten ausgebaut. Bewertung:  ♥♥♥♥♥ lesenswert Worum geht es? Alice (50) steht Mitten im Leben. Sie ist eine angesehene Professorin in Harvard, glücklich verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern. Als sie erfährt, dass sie an einer seltenen Form der früh einsetzenden Alzheimer Erkrankung leidet, bricht für sie zunächst eine Welt zusammen. Mit Hilfe ihrer Familie schafft sie es, sich langsam in ihrem neuen Leben zu Recht zu finden. Warum habe ich es gelesen? „Still Alice – mein Leben ohne Gestern“ war schon auf meiner Wunschliste, bevor es mir für die Leserlieblingsbuchchallenge empfohlen wurde. Ich lese gerne Romane, in denen es um die Bewältigung von Schicksalsschläge geht. Als es für die Verfilmung dann auch noch einen Oscar gab, musste ich es einfach lesen. Wie fand ich den Anfang? Mir …

„Allee der Kosmonauten“ von Anne Krüger

„Allee der Kosmonauten“ ist ein Buch der leisen Töne, das den Moment im Leben eines jungen Erwachsenen thematisiert, in dem er sich fragt, ob das nun schon alles gewesen ist und ob man nicht eigentlich mehr aus seinem Leben machen sollte bzw. wollte. Erstaunlich vielschichtig erzählt Anne Krüger  über das Ende von Kindheits- und Jugendfreundschaften, unterschiedliche Lebensentwürfe, den Weg zu sich selbst und das manchmal sehr abrupte Ende der unbeschwerten Zeit als junger Erwachsener und gibt dabei ein nahezu vollständiges Bild des Lebensgefühls jener Zeit Ende der 20er und Anfang der 30er Lebensjahre wieder. Anne Krüger fängt diese Momente mit all ihrer Widersprüchlichkeit aus Melancholie und Traurigkeit aber auch Leichtigkeit und Lebensfreude gekonnt ein. Bewertung: ♥♥♥♥♥ „lesenswert“ Worum geht es? Kurz vor ihrem 30. Geburtstag gerät Mathildas Welt ordentlich aus den Fugen. Ihre Beziehung geht in die Brüche. Beruflich steckt sie eine Sackgasse. Und auch die Freunde aus ihrer Kindheit schlagen nach und nach neue Lebenswege ein, die sie immer weiter von Mathilda weg führen. Bald wird auch Mathilda klar, dass sie sich entscheiden muss, wie sie ihr …

„Reckless – Steinernes Fleisch“ von Cornelia Funke

Nein, es ist mir nicht gelungen, richtig in der Spiegelwelt abzutauchen. Dies lässt Cornelia Funke leider nicht zu. Dabei hat die Geschichte eigentlich Potential. Dies ist immer dort zu erkennen wo sich Cornelia Funke tatsächlich Zeit nimmt, etwas genauer zu beschreiben. Dann aber hatte ich wieder das Gefühl, ganzer Abenteuer beraubt zu werden, weil Dinge in wenigen Sätzen erzählt werden, die ich gerne ausführliche nachgelesen hätte. Auch die Charaktere boten für mich wenig Identifikationspotenzial und blieben ausnahmslos unscharf und blass. Einige genaue Vorstellung konnte ich von keinem von ihnen entwickeln. Warum Cornelia Funke einen so unglücklichen Aufbau wählte, ist mir vollkommen schleierhaft. Geschickte Erzählkunst sieht anders aus. Bewertung: knappe ♥♥♥♥♥ Worum geht es? Als Junge entdeckte Jacob die Welt hinter den Spiegeln, in der auch sein Vater verschwand. Sagenhafte Wesen aus den Märchen sind hier zu Hause. Aber es lauern auch viele Gefahren. Daher hielt Jacob die Spiegelwelt lange Zeit vor seinem jüngeren Bruder Will geheim. Doch eines Tages folgt ihm dieser heimlich wird von einem Goyl, einem Wesen aus Stein, ausgegriffen. Die Wund lässt auch Willst Fleisch langsam …