Alle Artikel in: 3 Herzchen

„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee

Auf der Suche nach modernen Klassikern aus weiblicher Feder stößt man unwillkürlich auf „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee. Als 2015 die Urversion „Gehe hin, stelle einen Wächter“ auftauchte, erlebte das Werk eine Art Renaissance. Und wie so oft bei gehypten Büchern habe ich es damals zwar gekauft, dann aber doch nicht gelesen. Die Überpräsenz schreckte mich ab. Erst jetzt – mit einigem Abstand – habe ich mich herangetraut. Über „Wer die Nachtigall stört“ gibt es eine Menge Spekulationen und Gerüchte. So soll der Roman stark autobiografisch sein. Vor allem in den lebhaften Beschreibungen einer Kindheit in den amerikanischen Südstaaten der 30er Jahre soll Harper Lee viele eigene Erlebnisse verarbeitet haben. Harper Lee selbst hat dies aber stets bestritten. Andere behaupten, dass „Wer die Nachtigall stört“ in Wahrheit aus der Feder von Truman Capote stamme. Hauptargument dieser Theorie ist, dass Harper Lee danach nie wieder etwas veröffentlichte. Und auch wenn diese Behauptung mittlerweile durch Briefe widerlegt werden konnte, ist zumindest Fakt, dass Truman Capote und Harper Lee in der gleichen Kleinstadt aufwuchsen und sich schon als Kinder …

„Großmama packt aus“ von Irene Dische

„Großmama packt aus“ ist eine tragische deutsch-jüdische Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts, über die man sich herrlich amüsieren kann. Inhaltlich bietet der Roman nur wenig neues; gleichzeitig ist er aber doch erfrischend originell. In ihrem sehr persönlichen Roman gelingt es Irene Dische scheinbar unvereinbare Gegensätze auf sehr unterhaltsame Weise nicht einander zu verbinden. Über drei Frauengenerationen erzählt Irene Dische in „Großmama packt aus“ die eigene Familiengeschichte. Sie schildert die Ehe ihre Großmutter mit einem deutschen Juden und die daraus entstehenden Schwierigkeiten in Nazideutschland, die Flucht der jungen Familie in die USA und die anschließenden Anstrengungen, um dort Fuß zufassen. Dem Weg der Familie folgt sie schließlich weiter über die nachfolgenden beiden Frauengenerationen bis in die heutige Zeit. So entsteht im Kleinen gleichzeitig ein Porträt des 20. Jahrhunderts. Wie fand ich … … den Einstieg? Selten konnte mich ein Buch bereits mit dem allerersten Satz so sehr für sich einnehmen wie „Großmama packt aus“. Dass meine Enkeltochter so schwierig ist, hängt vor allem mit Carls geringer Spermadichte zusammen. 1. Satz aus „Großmama packt aus“ von Irene Dische …

„Rebellinnen. Hannah Arendt, Rosa Luxemburg und Simone Weil“ von Simone Frieling

Anfang des kommenden Jahres gibt es gleich zwei Mal Anlass, sich an große deutsche Sozialrevolutionärinnen zu erinnern: eine davon ist Rosa Luxemburg, die am 15. Januar 1919 ermordet wurde. Die andere ist Simone Weil, die am 3. Februar 110 Jahre alt geworden wäre. Ihnen und Hannah Arendt widmet die Künstlerin und Schriftstellerin Simone Frieling ihr neues Buch. Hannah Arendt, Simone Weil und Rosa Luxemburg beschäftigten sich mit den großen politischen Fragen ihrer Zeit, in der so viele Weichen für unsere heutige Gesellschaft und Demokratie gelegt wurden. In drei aufschlussreichen Porträts verwebt die Künstlerin und Schriftstellerin Simone Frieling ihre Leben und Werke auf sehr geschickte Weise zu einem stimmigen Gesamtbild und verhilft so zu einem besseren Zugang zu diesen faszinierenden Frauen. Wie fand ich … … die Auswahl der porträtierten Frauen? Mit Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Simone Weil stellt Simone Frieling drei große Denkerinnen des 20. Jahrhunderts vor. Die kompromisslose Radikalität, mit der sie für ihre Überzeugungen einstanden, faszinieren und inspirieren auch fast 100 Jahre nach ihrem Wirken. Dass sie sich damit nicht (nur) der …

„Putzfrau bei den Beatles“ von Birgit Rabisch

Wie bereits in ihren beiden vorangegangenen Romanen schildert Birgit Rabisch auch in Putzfrau bei den Beatles den Konflikt zwischen der 68er Generation und deren Nachkommen. Und diesmal geschieht dies auf besonders unterhaltsame Weise. Aber vielleicht bin ich da auch ein wenig voreingenommen. Denn für etwas, bei dem es um die Beatles geht, bin ich immer zu haben. In diesem Fall dreht es sich aber nicht um die Fab Four aus Liverpool, sondern um eine Senioren-WG. Früher traten die Rentner als Beatles Coverband auf. Noch heute spricht man sich untereinander mit den Bühnennamen – George, Paul, John und Ringo – an. Da lag es nahe, die WG Yellow Submarine zu nennen. Für den Haushalt ist Jana zuständig, die sich neben ihrer Putzstelle als Schriftstellerin versucht. An die Spleens ihrer Arbeitgeber hat sie sich längst gewöhnt. Erst als der zwölfjährige Leander plötzlich vor der Tür steht und behauptet, Pauls Enkel zu sein, ist es mit dem Frieden der Senioren vorbei. Okay, Titel und Cover sprachen mich nicht wirklich an. Wäre das – wie bei vielen anderen Büchern, …

Klassentreffen in Hogwarts

Als Anfang des Jahres bekannt wurde, dass das Drehbuch zum Harry Potter-Theaterstück parallel zur Uraufführung in London veröffentlicht werden soll, war ich begeistert. Selbst die anfängliche Enttäuschung darüber, dass es sich nicht um einen “richtigen“ neuen Roman handelte, währte nur kurz. Ein neuer Harry Potter ist schließlich ein neuer Harry Potter! Ich habe das gute Stück also vorbestellt. In Englisch und als eBook, damit ich es zum Erscheinungstermin auch auch ganz sicher sofort erhalten würde. Sogar über ein paar Tage Leseurlaub dachte ich nach. Als es dann am 31.07. – Harry Potters Geburtstag – endlich so weit war, blieb ich extra bis nach Mitternacht wach, um das eBook als eine der ersten herunterladen zu können. Dieser Versuch scheiterte zwar, weil der Download erst ab 9:30 Uhr bereit stand, dennoch dürfte ich wohl zu den ersten gehört haben, die an diesem denkwürdigen Sonntag die Möglichkeit bekamen, den neuen Harr Potter zu lesen. „Harry Potter and the Cursed Child“ zu lesen, fühlte sich ein bisschen an, wie ein Klassentreffen zu besuchen. Man trifft alte, zum Teil halb …

„Saisonarbeit. Volte #2“ von Heike Geißler

Als ich mich im Juli durch das Programm von Mikrotext las, durfte auch „Saisonarbeit“ von Heike Geißler nicht fehlen. Zwar handelt es sich hierbei nicht um einen eShort, die eigentliche Spezialität des Digitalverlags. Nachdem ich das eBook aber bei „Literary Hub“ auf der Liste „10 Books by Women We´d love to See in English“ entdeckte, war ich natürlich neugierig. Heike Geißler wurde 1977 in Sachsen geboren. Für ihren ersten Roman“ Rosa“ erhielt sie 2001 den Alfred-Döblin-Förderpreis. 2007 folgte der Text „Nichts was tragisch wäre“, bevor sie 2008 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teilnahm. Neben der Heftreihe „Lücken kann man lesen“ ist „Saisonarbeit“ ihre vierte Veröffentlichung. Heike Geißler mit zwei Kinder und lebt als freie Schriftstellerin in Leipzig. Worum geht es? Um ihre Finanzen aufzubessern hilft die freier Schriftstellerin und Übersetzerin Heike Geißler in der Vorweihnachtszeit für sechs Wochen als Lageristin bei Amazon aus. „Saisonarbeit“ handelt von ihren Erlebnissen während dieser Zeit. Wie hat es mir gefallen? „Saisonarbeit“ ist nicht der „Inside Amazon“-Bericht, den ich eigentlich erwartet hatte. Darüber war ich zwar anfangs ein wenig enttäuscht; tatsächlich …

„Lasst mich da raus“ von Maria Sonia Cristoff

Mit „Lasst mich da raus“ wurde Maria Sonia Cristoff für den LiBeratur Preis 2016 nominiert, für den man noch bis zum 31.05. abstimmen kann. Ich kann die Nominierung zwar durchaus nachvollziehen, denn das Buch enthält einige herrlich schräge Ideen und skurrile Figuren. Auf Grund der sprachlichen Sperrigkeit des Werks gehört es jedoch nicht zu meinen persönlichen Favoriten. Maria Sonia Cristoff wurde 1965 in Patagonien geboren. Sie studierte Literatur in Buenos Aires, wo sie auch heute noch lebt. Worum geht es? Mara hat ihr Leben als Konferenzdolmetscherin gehörig satt. Sie will nicht länger um die Welt jetten, in den ewig gleichen Hotels übernachten und Reden dolmetschen, bei denen sie bereits nach wenigen Worten weiß, wie sie weitergehen werden. Nachdem sie ihre Anstellung nach dem „berühmt-berüchtigten Gipfeltreffen“ los wird, beschließt Mara daher, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und ihr gesamtes Leben gehörig „gegen den Strich zu bürsten“. Ein Jahr lang möchte sie „im Austausch mit der Welt schweigend“ verbringen. Soll heißen, sie wünscht sich von ihrem Umfeld so wenig Interaktion und Einmischung in ihr Leben und ihren …

„Der Triumph der Geraldine Gull“ von Joan Clark

„Der Triumph der Geraldine Gull“ führt eine junge Malerin in den hohen Norden Kanadas an die Grenze zum ewigen Eis und gewährt spannende Einblicke in das Leben in einem indianischen Fischerdorf, die durch ihre erfrischend unromantische Darstellung überzeugen. Die Autorin Joan Clark wurde 1934 in Liverpool geboren und studierte Theaterwissenschaften. Sie arbeitete als Lehrerin und heiratete eine Ingenieur, den sie auf seinen Einsätzen in ganz Kanada begleitete. In ihren Romanen verarbeitete sie ihre Erfahrungen jener Jahre. Heute lebt Joan Clark in Neufundland. 2010 wurde sie mit dem Order of Canada ausgezeichnet. Worum geht es? Niska/Kanada, Juli 1978. Willa Coyle zieht für den Sommer in das indianische Fischerdörfchen Niska im hohen Norden Kanadas. An der Grenze zum ewigen Eis soll sie den Kindern des Dorfs Zeichenunterricht geben. Dabei wird sie schon schnell mit den Problemen des Dorfs und dem harten Leben der Indianer an diesem unwirtlichen Ort konfrontiert. Und dann ist da auch noch die anarchische Geraldine Gull, die Willa bei ihrer Ankunft in Niska zuerst eine Backpfeife verpasst und Willas Brille zerbricht, nur um sie …