Alle Artikel in: 4 Herzchen

Rezension #135: „Der alte Mann und das Meer“ von Ernest Hemingway

Hemingsways letzte Veröffentlichung vor dessen Tod ist zugleich auch seine bekannteste. 1953 erhielt er für Der alte Mann und das Meer den Pulitzerpreis. Obwohl es mit knapp 150 Seiten eher ein schmales Büchlein ist, habe ich ähnlich damit gerungen wie der alte Fischer Santiago in Hemingways Geschichte mit dem riesigen Marlin kämpft. Gleich mehrere Versuche habe ich gebraucht, bis ich mich tatsächlich auf Der alte Mann und das Meer einlassen konnte. Für mich war es lange Zeit schwierig, die notwendige innere Ausgeglichenheit zu finden, um die Kraft der sprachlichen Bilder hinter dem die meiste Zeit so ruhigen und einsamen Setting entdecken zu können. Schließlich verbringt Santiago den Großteil der Geschichte alleine mit dem angehakten Fisch auf dem offenen Meer, was vordergründig reichlich langweilig erscheint und mich diverse Male dazu brachte, das Buch abzubrechen. Erst vor ein paar Monaten gelang es mir in Der alte Mann und das Meer mehr zu sehen, als nur eine öde Geschichte über einen ziemlich alten Fischer und seinen Fang. Zunächst waren es die schönen Ortsbeschreibungen, die mich begeisterten, weil vor …

Rezension #134: „Ehre“ von Elif Shafak

In der Facebook-Gruppe „ARD Buffet liest“ fragte Karla Paul vor kurzem nach Büchern, die dabei helfen, die jüngsten politischen Ereignisse und Entwicklungen in der Türkei zu verstehen. Dabei fiel mir ein, dass bereits seit Anfang des Jahres ein hierzu passendes Buch ungelesen in meinem Regal steht. Zwar ist „Ehre“ ein klassischer Mehrgenerationenroman, der die Geschichte und Politik der Türkei nur am Rande beleuchtet. Das beschriebene Schicksal einer kurdischen Familie beleuchtet jedoch die für uns meist so fremden Denkweisen und Rollenmodelle der islamischen Kultur. Die unter dem Pseudonym Elif Shafak schreibende türkische Schriftstellerin wurde 1971 in Frankreich geboren. Sie studierte internationale Beziehungen an der technischen Universität in Ankara, erhielt einen Master of Science in Gender Studies und promovierte in politische Wissenschaften mit der Arbeit An Analysis of Turkish Modernity Through Discourses of Masculinities. 1994 debütierte Elif Shafak mit einer türkischsprachigen Erzählung, der 1997 ihr erster Roman (ebenfalls in türkischer Sprache) folgte. Ihr 2006 auf englisch erschienener Roman The Bastard of Istanbul zog einen Strafgerichtsprozess in der Türkei nach sich, in dem Elif Shafak jedoch freigesprochen wurde. Dennoch steht Elif Shafak …

Rezension #131: „In gewissen Kreisen“ von Elizabeth Harrower

Es gibt eine Menge Bücher, die gut unterhalten, fesselnd geschrieben und spannend zu lesen sind. Diese klappt man anschließend zu, denkt sich „Wow! Das war toll!“, stellt es zurück ins Regal und greift zum nächsten. Und dann gibt es Bücher, die einen regelrecht fordern, zeitweise unbequem werden und eigene Positionen sowie Konzepte neu überdenken lassen. Diese Bücher müssen „verdaut“ werden und machen es nahezu unmöglich, danach sofort zum nächsten zu greifen; manchmal verändert sich im Laufe dieses „Reifungsprozesses“ sogar unser Urteil über ein Buch noch einmal zur Gänze. „In gewissen Kreisen“ von Elizabeth Harrower ist so ein Buch. Erst mit ungefähr 2 Wochen Abstand, bin ich in der Lage, darüber eine Rezension zu verfassen. Worum geht es? Russel und Zoe Howard fehlt es an nichts. Sie wachsen behütet in einem wohlhabenden, intellektuell offenen Elternhaus auf, wo man ihnen beibringt, dass ihnen die ganze Welt offen steht. Mit den Waisen Stephen und Anna treffen sie zum ersten Mal auf ein gleichaltriges Geschwisterpaar, das weitaus weniger Glück im Leben hatte. Im Schatten der psychisch kranken Stiefmutter aufgewachsen schlagen …

Rezension #126: „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie

Mit „Americanah“ von Chimamanda Ngozi Adichie habe ich im März endlich auch das erste Buch des ZEIT-Kanons des jungen Jahrhunderts gelesen. Als hätte ich bereits etwas geahnt, hatte ich mit als Ansporn für die wunderschöne Ausgabe der Büchergilde Gutenberg entschieden. Tatsächlich hatte ich diesen dann an manchen Stellen auch nötig, denn „Americanah“ verlangte mir einiges ab. Es ist unbequem und zehrte bisweilen an meinen Nerven. Dennoch ist Chimamanda Ngozi Adichie mit „Americanah“ ein ebenso wichtiges wie ehrliches Buch gelungen, das einen ungeschulten und authentischen Einblick gibt, was es im heutigen Amerika heißt, farbig und noch dazu eine Frau zu sein. Worum geht es? Obwohl in den USA erfolgreiche und angesehene Akademikerin kehrt Ifemelu in ihre Heimat Lagos und zu ihrer großen Liebe Obinze zurück, ohne zu wissen, ob diese tatsächlich eine zweite Chance bekommen wird. Vor mehr als 10 Jahren wanderte sie für ihr Studium aus und schaffte es, auch danach weiter Fuß zu fassen. Dennoch verließ sie ihr Heimweh nie ganz, denn in Amerika wurde sie sich auch zum ersten Mal  ihrer eigenen Hautfarbe bewusst. Immer wieder erfuhr Ifemelu, dass man ihr …

Lieblinge und Schwächlinge des 1. Quartals 2016

Ich habe viel gelesen bzw. gehört und nicht ganz soviel rezensiert in diesem 1. Quartal des Jahres. Aber immerhin zehn der insgesamt 25 von mir verschlungenen Bücher, Hörbücher und Kurzgeschichten habe ich auch besprochen. Zu einigen weiteren Büchern und Hörbüchern sowie der Stephen King Story Selection habe ich aber noch Beiträge geplant. Keine Angst. Lieblinge des 1. Quartals Auch wenn kein „echtes“ Lieblingsbuch mit einer Top-Bewertung von ♥♥♥♥♥ dabei war, fällt die Bilanz erstaunlich positiv aus: Ganze sieben Mal habe ich ♥♥♥♥ vergeben. „Die Sehnsucht des Vorlesers“ von Jean-Paul Didierlaurent Dieses Buch war eine echte Überraschung für mich. Schon im Herbst habe ich es von DTV und Lovelybooks unaufgefordert zugeschickt bekommen. Den Titel fand ich aber wenig ansprechend und so verschwand es erst einmal im Regal. Im Weihnachtsurlaub wollte ich es dann eigentlich nur anlesen, um zu entscheiden, ob es bleiben darf und hatte es dann innerhalb von nur 36 Stunden gelesen. „Astrid Lindgren – Ihr Leben“ von Jens Andersen Mit dieser Lindgren-Biografie bin ich in mein Themenjahr „Bücher von und über starke Frauen“ eingestiegen. Wie so viele …

Rezension #123: „crystal.klar“ von Dominik Forster

Am Samstag, den 26. März 2016, ist nicht nur Ostersamstag, sondern auch Indiebookday. Schon zum vierten Mal werden dann internetaffine BuchlieberhaberInnen die Buchhandlungen stürmen, um sich mit neuer Indielektüre zu versorgen und anschließend auf den eigenen Social Media Kanälen und/oder Blogs darüber zu berichten. So sollen die vielen tollen Bücher aus kleinen, unabhängigen Verlagen etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen.Wer noch auf der Suche nach einem heißen Kauftipp ist, dem empfehle ich „crystal.klar“ von Dominik Forster (erschienen im duotincta Verlag). Worum geht es? In seinem autobiografischen Roman „crystal.klar“ erzählt Dominik Forster von seiner durch Drogen zerstörten Jugend. Als schulischer Außenseiter beginnt er unmittelbar nach dem Schulabschluss mit dem Konsumieren von Haschisch, um endlich dazu zugehören. Später helfen Dominik Forster XTC und Crystal Meth, mit denen er auch dealt, dabei, endlich der gechillte und coole junge Mann zu werden, der er schon immer sein wollte. Auch die brutale Welt des Jugendgefängnisses, in der ausschließlich das Gesetz des stärkeren gilt, lässt ihn seine Lebensgestaltung nicht überdenken, sondern neue, größere Drogengeschäfte planen. Erst ein Entzug und eine anschließende Therapie lassen …

Rezension #121: (Hörbuch) „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ von Neil MacGregor

Die Hörbuchfassung von „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ von Neil MacGregor wurde in diesem Jahr mit dem Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „Sachhörbuch“ ausgezeichnet. Auch wenn es zu Beginn noch anders war, bin ich nun froh, dass diese Preiskategorie bei der Aktion „Wir hören den Deutschen Hörbuchpreis“ für mich übrig blieb. Das Hörbuch ist sehr ansprechend umgesetzt, hochinteressant und gibt einen reizvollen britischen Blick auf die deutsche Geschichte. Worum geht es? In „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ führt Neil Mac Gregor anhand ausgewählter Ideen, Objekte, Menschen und Orte durch die deutsche Vergangenheit. Auf der akustischen Reise begegnet man Gutenbergs Druckerei, der Walhalla, dem Bauhaus-Design sowie großen Deutschen wie Goethe, Schiller und Luther ebenso wie der Bratwurst, Bier oder der deutschen Hanse und den Toren von Buchenwald. Wie fand ich… …den Einstieg? In einem Vorwort schlägt Neil MacGregor eine Brücke zwischen der aktuellen Rolle Deutschlands innerhalb der EU und seiner Vergangenheit. Auf Grund seiner komplexen und zersplitterten Vergangenheit fiele es Deutschland leichter als anderen Nationen verschiedene Denkweisen, Ziele und Ansichten zu vereinen. Deutschland blicke auf eine komplexe und …

Rezension #120: „Eine Dame von Welt. Eine Salonerzählung“ von Henry James

Heute vor genau 100 Jahren – am 28.02.1916 – starb Henry James im Alter von 72 Jahren in Chelsea, Großbritannien. In seinem umfassenden literarischen Werk beschäftigte er sich hauptsächlich mit dem Gegensatz zwischen dem von langen Traditionen geprägten Europa und dem relativ unbekümmerten Lebensstil Amerikas. Zudem gilt Henry James als Meister für psychologisch ausgefeilte, vielschichtige Frauenfiguren. Beides findet sich auch in seiner Erzählung „Eine Dame von Welt“ wieder, die nun erstmals auf Deutsch erschien ist. Worum geht es? Die resolute Mrs. Headway hat in Amerika eine bewegte Vergangenheit und mehrere Ehen hinter sich, als sie beschließt, sich einen Platz in den Kreis der sehr steifen und traditionsbewussten europäischen Aristokratie zu erkämpfen. Um gesellschaftlich anerkannt zu werden, ist Mrs. Headway auf eine vorteilhafte Ehe mit einem britischen Edelmann angewiesen. Da trifft es sich gut, dass sie in einem Pariser Theater zufällig auf ihrem alten Bekannten, den reichen Amerikaner Littlemore, begegnet. Er soll bei seinem britischen Bekannten Arthur Demesne ein gutes Wort für Mrs. Headway einlegen und deren „Ehrbarkeit“ bezeugen. Aber soll er tatsächlich für Mrs. Headway …